2002-02-18

Avram Kokhaviv

Der alte Kram

Gedanken um einen Nachlaß

Das meiste ist verdaut. Texte, Texte, Aufzeichnungen, tagebuchartig gesammelt. Jahrzehntelang. In dicken Ordnern.

Vieles ist blaß geworden oder wurde durch vernutztes Farbband getippt. Der Scanner nimmt es nicht an. Manche Schriften werden vom Programm nicht gelesen. Die elektronische Hilfe kommt zu spät.

Ja, hätte ich es gewußt! Aber ich konnte es nicht wissen.

Ich schrieb mit den technischen Mitteln, die damals zur Verfügung standen: eine mechanische Schreibmaschine, auf der ich über dreißig Jahre lang alles zusammentippte, was mir erhaltenswert schien.

Übriggeblieben ist ein ausgekauter Papierknochen. Wirklich ein Jammer. Die Kraft ist raus, irgendwo, eher an den Texten vorbei, gedanklich und stilistisch längst verarbeitet. Absurderweise ist nichts davon verlorengegangen.

Wir haben die gleiche Problematik mit der Geschichte, der großen, politischen, nationalen und kulturellen Geschichte.

Die Weltgeschichte der Menschheit ist immer wieder aufgeschrieben worden, und ich muß sagen, daß mich heute vieles langweilt, was mir vor Jahren als Lehrbuch diente.

Irgendwann bist du so weit, daß du dich von Bibliotheken und Archiven abwendest, nur noch aus dir selber denkst und schreibst. Zuletzt liest du auch nur noch deine eigenen Sachen.

Wer was zu geben hat, soll sich darauf konzentrieren und nicht mehr nehmen, nicht mehr aus fremden Krügen trinken.

Die Beeinflussung und Fremdbestimmung durch Literatur ist enorm. Wer dich zum Nachdenken anregt, setzt etwas in Gang, bestimmt also den künftigen Ablauf deiner Gedanken.

Wenn die Literatur zum Menschen gehört wie Essen und Trinken, müssen wir kein Problem daraus machen, sondern die Tatsache staunend zur Kenntnis nehmen.

Und jene Literatur, die uns seit Jahrhunderten begleitet, die so alt geworden ist, daß wir sie als heilig erachten, wiegt nur um so schwerer.

Wir kommen aufs positive, anerkennend respektierende Denken zurück: Geben oder nehmen, das ist hier die Frage.

Unnötig alles geschriebene Wort außer und neben dem Heiligen... Auch diese Zeilen?

Wäre da nicht der Verdacht, daß dem Heiligen auch unentdeckt Unheiliges, daß ihm Mängel anhaften, die mit dem Alter zu tun haben.

Außerdem ist der Nachlaß - gejährt, genutzt und abgenutzt, verbraucht - bereits Teil unseres Lebens geworden.

Wir sind den Gründern um mindestens diesen einen Schritt voraus.

Die Älteren sind die Früheren, menschheitlich Jüngeren.

Umgekehrt ist der Urenkel als Letzter und Jüngster der vorläufige Endpunkt der Kollektivgeschichte, die er in sich aufgehoben hat.

Im Jüngsten ist das Älteste. Im Jüngsten lagert mehr an Menschheitswissen als im Urgroßvater, obwohl dieser reicher an individueller Lebenserfahrung ist oder war: auch diese ist im Jüngsten aufbewahrt.

Der Unterschied liegt in der Artikulation. Sie unterscheiden sich im Denken und im Umgang mit der Sprache. Sie gibt dem Alltag eine Spur vom Göttlichen, vom Alten und Ewigen, weil Unsterblichen zurück.

Das Jüngere kommt aus dem Älteren. Das Ältere ist im Jüngeren enthalten. Jedes junge Wort ist zugleich Ausdruck des Alten. Im Jüngsten ist die Menschheit am ältesten geworden.

Die Zeit - notwendige Illusion! - spielt uns einen Streich. Ihre Notwendigkeit ist - wie die Notwendigkeit Gottes - unserer Natur eingewoben.

Einzelheit und Gesamt täuschen unsere Sinne. Wir verwenden dieselben Worte, wo wir in zeitlichen Gegensätzen denken. Bei Gott sind sie eins. Eins wie das sie bezeichnende Wort.

kokhaviv publications > NewCatch > online exclusive

© Copyright 1999 - 2011 kokhaviv publications