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Die Freiheit ist unsere Sicherheit
2002-02-12
Jude ist, wer eine jüdische Mutter hat, das ist die einfachste Definition, und sie gilt im Exil. Ein Jude, der eine nichtjüdische Frau nimmt, hat Probleme mit seinen Kindern. Jüdische Ehen und Familien gehen zugrunde, wenn sie diese Regeln nicht beachten. Warum ist das so?
Ist die Liebe, die woanders hinfällt, nicht auch von Gott? Gewiß. Gott will nur nicht, daß eine jüdische Familie daraus werde.
Was ist jüdisch in diesem spezifischen Sinn, daß man solche Unterscheidungen treffen darf? Als Ezra die Juden anhielt, ihre babylonischen Frauen mit den Kindern zurückzuschicken, sie zu verstoßen, waren die Sympathien der Menschen nicht auf seiner Seite.
Trotzdem scheint in seiner Entscheidung ein wahres Korn zu stecken.
Der familiäre Konsens geht über die Mütter. Was die Töchter von ihren Müttern empfingen, können sie weitergeben, mögen sie auch gegen ihren Willen weitergeben. Wo kein direkter Dissens besteht, können Konflikte in gemischten Ehen neutralisiert werden bzw. sich überleben.
In einem akuten Fall haben wir eine Ehe, die sich erst im Laufe der Zeit als jüdisch definiert. Drei Kinder wachsen heran, die den elterlichen Denkprozeß nur indirekt und passiv erleben.
Die Familiengeschichte wird erforscht, weil das Jüdische - in Denken, Fühlen und Halbwissen - die Eltern nicht losläßt. Wo das jüdische Herkommen klar ist, kommt manches hinzu, womit zunächst nicht zu rechnen war. Nur eine Ahnung schien allmählich auf etwas Konkretes hinzuführen. Eine besondere Überraschung ist nicht zu vergessen: Die jüdischen Urmütter - Ururgroßmütter des Jüngsten - wollen vom Judentum nichts wissen, vertuschen ihre jüdischen Wurzeln, wollen keine Jüdinnen sein, verschütten ihre Vergangenheit bewußt und absichtlich.
Das ist aus jüdischer Sicht der blanke Verrat an der jüdischen Identitätsgeschichte, ein Frevel sondergleichen. Dennoch wird es Gründe dafür geben, die man vielleicht ernstnehmen muß.
Wir gehen davon aus, daß dieses Ehepaar - also die Kinder der Leugner und Eltern der heranwachsenden, inzwischen herangewachsenen Kinder - tatsächlich jüdisch ist. Für eine überzeugende Identitätsfindung der Kinder bzw. Jugendlichen ist es jedoch zu spät.
Zwei Söhne und eine Tochter heiraten - ohne religiöses Gewicht, ohne kirchliches Ritual - evangelisch-lutherische Partner. Ihre jüdische Erinnerung nehmen sie mit, ohne sie zur Geltung zu bringen.
Was die jungen Ehen, aus denen Kinder hervorgehen, auszeichnet, ist nicht das jüdische und nicht das evangelische Element. Vielmehr setzt sich im Laufe der Jahre, in denen die Kinder heranwachsen, eine starke - aus den angeheirateten evangelischen Familienhintergründen kommende - antijüdische Aversion durch, die sich interfamiliär tarnt, aber immer deutlicher hervortritt.
Diese Gegenposition zur jüdischen Neugründung bzw. Rückkehr der Familie ist stark und wird stärker. Das Judentum erweist sich als ein gewaltiger Magnet, der Gegenpole abstößt, die Gegenkräfte sammelt, mobilisiert und schließlich zusammenschweißt. In dieser Familie ist die bindende Wirkung des Judentums, daß es sich eine Phalanx von Feinden schafft.
Es entsteht das Gegenteil von dem, was beabsichtigt war. Der jüdische Gedanke wird weiterwirken, aber wie ein Virus, das erst einmal Probleme schafft und Krisen hervorruft. Die jüdische Krankheit der Familie kann aber zur Genesung führen.
Da gibt es eine Ausnahme: Die Tochter der jüdischen Mutter verläßt ihren Mann und wendet sich - in Beruf, Bewußtsein und ihren Kindern - voll dem Judentum zu. In ihr setzt sich das Judentum nicht nur fort, es findet einen fruchtbaren Boden und lebt von neuem auf.
War dies auf die Mutter-Tochter-Beziehung zurückzuführen?
Diese Frage wirft zwei weitere - grundsätzliche - Fragen auf:
1. Welche Bedeutung kommt der Mutter-Regelung angesichts der biblischen Geschichte zu?
2. Ist das Hebräertum nicht aus bestimmten historischen Gründen die Lehre der Väter, so daß die Definition "Jude?" nach der jüdischen Mutter einen prinzipiellen Abfall von der Religion Abrahams darstellt?
Die Frauen der Urväter Abraham, Isaak, Jakob stammten aus Babylon, sollten ausdrücklich von dort geholt werden. Diese Frauen aber waren, vergleichbar den babylonischen Frauen zur Zeit Ezras, in der vorabrahamitischen Religion befangen. Sie waren im heutigen Sinne keine "Jüdinnen". Die Patriarchen hatten "Goj"-Frauen geheiratet. Das herkömmliche Judentum beginnt mit "Mischehen". Und die sogenannte Heilsgeschichte beruht auf der jeweiligen Favorisierung der Söhne - Isaak gegen Ismael, Jakob gegen Esau, Joseph gegen seine Brüder - durch oder über ihre eigentlich noch heidnischen Mütter. Die Bevorzugung Josephs ist besonders eklatant, wenn man bedenkt, daß seine Mutter Rachel, als sie ihren Vater Labhan verließ, um mit Jakob zu ziehen, es nicht versäumte, zu ihrem Schutz eine Götzenfigur aus dem Schrein des Vaters mitzunehmen. Wie sollte das jemals gutgehn?
Damit wurde bereits zu Beginn das geschichtliche Wesen des Hebräertums in sein genaues Gegenteil verkehrt. Die Hebräer hatten die Grenzen ihrer Heimatländer überschritten. Sie gingen über Flüsse und durch Wüsten. Vor allem übertraten sie aber die Gesetze der heidnischen - polytheistischen - Religionen, um daraus eine neue Lehre zu destillieren. Der Gott vom Sinai ist ausdrücklich der Gott, der das von einem Pantheon beherrschte Ägypten zerstört, der dem religiösen Babylon den heiligen Krieg ansagt.
Der heilige Krieg richtet sich gegen die polytheistischen Priesterschaften und setzt sich bis in die Makkabäerzeit gegen das Griechentum und mit Bar Kokhbah gegen Rom fort.
In diesen alten Religionen herrschten Priesterinnen, die mächtigen Göttinnen dienten. Sie waren die "heiligen" Huren, gegen die der biblische Gott ständig anwetterte. Nun könnte man daraus den Schluß ziehen, daß der Gott vom Sinai auf jene Göttinnen und "Huren" projizierte, was ihm in seinem Volk an die Nieren ging: die innere Familienproblematik seit Abraham.
In den Himmeln spielt sich ohnedies nur ab, was auf der Erde auch die Menschen beschäftigt. Die polytheistischen Religionen symbolisierten die Entmachtung der Väter durch die Söhne mit Hilfe der Mütter. Der "Gottvater" war, so Osiris, am Himmel festgenagelt oder, so Roms Jupiter und zuvor Athens Zeus, auf dem eigenen Olymp parodiert worden. Die Götter und Göttinnen nahmen ihn nicht mehr ernst, und die ägyptische Gottmutter Isis, ihre Mutterpriesterin Teje, wie die hellenische Hera, die römische Juno, machten Politik mit ihren Söhnen und Töchtern gegen den Vatergott. Darauf wurde das nahende kosmische Unheil zurückgeführt, woraus der Gott vom Sinai - zunächst als Zerstörer, schließlich als neuer Gesetzgeber - die entschiedenen Konsequenzen zog.
Die sogenannte Heilsgeschichte macht diesen universellen Umschwung wieder rückgängig, und hier setzt die authentische Kritik am Judentum an, das sich auf diese Weise seiner Kräfte beraubt hat.
Warum wollten die Mütter keine Jüdinnen mehr sein? Gründe lassen sich im antijüdischen Umfeld ebenso wie im Judentum finden.
Die Verfolgungsgeschichte legt zunächst nahe, an die Gefahren zu denken, denen die Frauen mit ihren Kindern ausgesetzt waren. Die Verleugnung des Judentums war somit eine Schutzmaßnahme in Notzeiten.
Die Sorgen der Verfolgung verdecken allerdings ein tiefer liegendes Motiv, das unmittelbar mit dem Judentum bzw. Hebräertum zu tun hat und die Rolle der Frau in der jüdischen Lehre berührt.
Exil und Verfolgung hielten den Juden ständig ihre geschichtliche Niederlage vor Augen. In den Augen der Frauen war dies die Niederlage der Religion ihrer Männer. Der Polytheismus hatte den Sieg davongetragen. Der Gott vom Sinai hat den Söhnen Abrahams und Jakobs sogar die Identitätsfrage aus der Hand geschlagen. Nicht mehr die Väter, nein, die Mütter entschieden nun in dieser Sache, allein durch ihre Existenz; das hält bis heute an.
Für jene Frauen, die ohnehin mit ihren jüdischen Eltern im Konflikt lebten, war die neuerliche Verfolgung eine nochmalige Niederlage ihrer frommen Väter, die sich nicht zu wehren wußten, und also ein Grund der Verachtung.
Die Bosheit der Mütter und Töchter hatte damit allerdings nur einen neuen Anlaß gefunden, sich zu etablieren und ihre zeitbedingte, scheinbare Macht zu demonstrieren. Diese gleichsam andere Seite der Heilsgeschichte liegt aber bereits in den ideellen Anfängen begründet.
Offenbar hatte der Gott vom Sinai rechtzeitig begriffen und seiner Lehre integriert, daß die abtrünnigen Weiber das Judentum in seiner Entstehungssubstanz gefährdeten, indem sie es begründeten.
Sie liefen zu den Siegern und Besatzern über, verhöhnten ihre unterlegenen Männer und Väter und hetzten - im Namen ihrer Feinde - die Söhne auf sie. Die antike Legende ist voll davon. Das Judentum hat nun den abtrünnigen Frauen quasi das Schlüsselrecht überantwortet. Ins selbe Fach passen Rabbinerinnen, Schwulensynagogen... Größer kann die Niederlage nicht sein. Die Männer wissen nicht einmal mehr, dies impliziert die Übergabe, ob sie die Väter ihrer Kinder sind.
Aufrichtigkeit, geistige und seelische Gewißheit, das Vertrauen Auge in Auge... Eine Religion der Väter, die die Weisheit der Väter über Bord kippt, kippt ihre Seele weg.
Was in der Lehre keimhaft Schaden stiftet, will das Sakrileg: die Entheiligung der Schriften zur Errettung des Lebens in der Wahrheit. So eine Idee. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
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