|
Die Freiheit ist unsere Sicherheit
2002-02-10
Astrid Paprotta, Sterntaucher. Roman
© Eichborn AG, Frankfurt am Main, Januar 2002
Mit ihrem zweiten Ina Henkel Roman Sterntaucher hat die Frankfurter Autorin Astrid Paprotta ein literarisches Meisterstück des deutschen Kriminalromans vorgelegt, schreibt der Verlag, und wenn ich das gleich auch bestätige, sage ich nicht genug.
Gut, sie will uns eine Kriminalgeschichte erzählen und kommt alle neeselang davon ab, ohne den Faden zu verlieren, findet neue Fäden und Fädchen, alles verfaselt und verfusselt, nichts entgeht ihr, nichts. Was sonst am Rande liegen bleibt, ist bald das Wichtigste. Was hat es mit dem Fall zu tun. Na, nichts. Und doch hat alles damit zu tun, weil alles in den toten Dingen weitergeht, in den Toten, die nicht sterben wollen. Zum Verrücktwerden ist das.
Diese Sprache, ich liebe diese Sprache der Paprotta. Wissen Sie, im norddeutschen Film stimmen gewöhnlich die Dialoge nicht. Ich denke, die Szenen schneidet ihr schon ganz gut, die Spieler sind interessanter geworden, nicht mehr wie aus dem Bilderbuch, sondern richtige Menschen, in denen man sich wiedererkennt. Bloß die Sprache, die kriegen sie nicht hin. Die einen reden wie Wolf Biermann oder Wolfgang Neuss, also nicht richtig, sondern wie Manfred Krug, die tun nur so, die sind's nicht. Die andern frei nach Heinz Rühmann. Bayern und Österreicher sind da ganz anders, die sprechen auch im Film bayrisch oder weanerisch, und das hört sich fun an, aber die Berliner trauen sich nicht zu berlinern, die Hamburger sstolpern nicht mehr, sie schtolpern jetzt wie wir, das ist ein Mangel für mein Ohr.
Die Paprotta schreibt, nein, sie spricht, ich höre die Erzählerin sprechen, ich höre die Ina sprechen und den Kissel und den Dorian, den höre ich denken, sich erinnern. Authentisch. Überhaupt dies Erinnern, das Insichgehen und auf die Bilder horchen. Es dauert eine Weile, bis wir mit Katja Kammer wirklich bekannt werden, aber wir haben sie bereits vor uns, ihre Gestalt, ihre Träume und Sehnsüchte, ihre Liebe und ihre Verschlamptheit. Wie sie mit ihren beiden Jungs fertig werden muß, das war nicht so einfach. Und sie war wirklich eine bekannte Sängerin, Dorian spinnt nichts zusammen über seine Mutter, nur ist das ein paar Jahrzehnte her, die Zeit ist verflogen. Hier geht es ums Erinnern, und die Ina scheint damit ziemlich allein zu sein, wie ihre Autorin.
Aber das Tollste steht hier nicht, der Sterntaucher holt die Sterne nicht nur von oben, der findet sie nämlich überall, am Himmel und auf der Erde und im Wasser. Darum heißt er so, Sterntaucher. (86 f.)
Die polnischen Namen, die der Astrid Paprotta immer wieder unterkommen, die sie beruflich zuordnet wie bei der New Yorker Polizei. Das mag für Deutschland gelten oder nicht. Die Paprotta hat etwas in ihren Genen, das sie nichts übersehen läßt, was den Ernst und die Würde und das Traute des Lebens bezeugt, keine Spur entgeht ihr, alles ist Spur. Dann die erschreckende Bemerkung vor der Leichenkammer, daß da eine Helga Kellermann liege, die keine Spuren hinterlassen habe. Kein Mensch verschwindet unter seiner Garderobe oder dem weißen Laken einfach. Sie holt ihn darunter hervor, mit wenigen Worten. Wie der Mordfall ausgehen mag, ist es gar nicht mehr, was du hören und sehen und wissen willst, aber wie es weitergeht in diesem Sterntaucher-Universum. Die Frau macht aus einem banalen und unappetitlichen Fall ein kosmisches Ereignis, und wir erleben es mit.
In allen Frauen kehrt sie uns wieder wie die Erinnerungen in dem, was gerade passiert. Auch jene, die nicht mehr hervorkommen wollen, weil sie die Nacht nur verlängern, die ohne Sterne am Himmel, diese himmellose Nacht. Wie der ermordete Robin in seinem meschugge gewordenen Bruder. Beide werden ihre Mutter nicht vergessen, ihre junge, schöne Mutter, die begabte Künstlerin, die mit der Wahnsinnsstimme, die alle mitriß und inzwischen vergessen wurde, die die Brüder mit sich herumtragen. Eines Tages ging ihre Mama weg, aber sie glauben, daß sie zurückkommen werde. Und die sie dann wiederfinden, ist wie ein Ungeheuer, nur wie ein Ungeheuer, nicht wirklich eins. Niemand glaubt, daß es so was gibt, daß sich Menschen für Geld foltern lassen. Und daß andere dafür teuer bezahlen, daß sie zusehen dürfen.
Ellen, heute haben wir einen verwunschenen kleinen Feldweg gesehen, aber Du wirst die gerade graue Straße nehmen. Wenn Du ihr Ende erreicht hast, weißt Du, daß Du den Feldweg nie wiederfinden wirst. Aber immer denkst Du dran. (94)
Plötzlich ist der schöne Weg zu Ende. Du gerätst in eine Moorlandschaft, vom Tode angeweht, das Licht geht aus, und nun mußt du sehen, wie du zurechtkommst damit. Nicht so einfach. Plötzlich schlägt alles ins Böse um, ins unvorstellbar Böse. Ein Grund, nicht Polizist zu werden, was doch so viel Ordnung im Leben und eine gute Altersversorgung verspricht. In der Mordkommission erlebst du die Hölle. Die Paprotta macht daraus Literatur, weil nur die Kunst uns retten kann; sie muß es nicht aussprechen, um es uns wissen zu lassen.
Schrecklich, wie die schrecklichsten Sachen erzählt werden, als seien sie ganz normal. Du sollst dich daran gewöhnen, an die Sadismen und Bosheiten, die sich Menschen ausgedacht haben in ihrer verkorksten Phantasie. Die schönen Feldwege führen ins Verhängnis, sie sind bereits das Verhängnis, du merkst es nur erst, wenn es zu spät ist. Die Ursachen lassen sich zurückverfolgen, gehören aber nicht zum Kriminalfall.
Vielleicht ist es ja ein böses Buch, ich meine, nicht nur eine böse Geschichte. Vielleicht darf man so was nicht schreiben, weil es die Sprache verletzt. Wenn es nicht geschah, wenn es nur eine erfundene Geschichte ist, fällt die Erfindung auf den Erfinder oder die Erfinderin zurück. Auch ein Roman fischt in der Wirklichkeit, aber das Gericht kann so oder so zubereitet werden. Es muß nicht leichenbitter schmecken, sonst nimmt es dir keiner ab. Du bleibst auf deiner Speise sitzen, es sei denn, das Teufelszeug ist für Teufelsgäste angerichtet worden, die nur darauf warten.
Er fand keine Erklärung dafür, nur ein Lied fiel ihm ein, in dem es hieß, man solle für jene, die man liebte, ein Licht brennen lassen, damit sie zurückfanden in einer dunklen, kalten Nacht. (316)
kokhaviv publications > NewCatch > online exclusive
kokhaviv publications > NewCatch > security > What happened on Sept. 11
kokhaviv publications > Buchbesprechungen
© Copyright 1999 - 2002 kokhaviv publications