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Die Freiheit ist unsere Sicherheit

2002-02-02

Avram Kokhaviv

Sie hatte vier oder fünf Gesichter

Eine überforderte Liebe

An einem Vormittag sah ich sie alle nacheinander, und ich weiß heute, daß sich nichts daran ändern wird. Ein Syndrom? Ein Schicksal dem, der es mit ihr teilen muß.

Sie war das brave Mädchen, das seinem Vater gefallen wollte, die brave Enkeltochter, die dem Großvater gefiel. Sie gehorchte der Mutter im Grundsatz. Der Großmutter, die ihr das Leben erklärte. Sie war die entschlossene Geliebte, die den Komfort des Elternhauses aufgab, um ihrem mittellosen Bräutigam zu folgen. Die brave Tochter der Mutter, die es ihr wieder austrieb.

Sie war die Verzweifelte, die kopflos aus der Wohnung rannte. Die souveräne Großstädterin, die stolz und gelassen daherschlenderte und aus der Tüte Früchte fraß. Die Irre, die dem Opa ihr Leid klagte. Die Traurige, als sie die neue Familie verlassen mußte. Die Unentschiedene, die alles wieder umwarf. Die junge Frau vor dem Scherbenhaufen, als sie in die Arme der alten Familie zurückgekehrt war.

Ihre zwei oder drei Stimmen klangen so verschieden, daß jeder Rufer am Telefon sie leicht auseinanderhielt. Trat die eine als "große Schwester" auf, die an die Stimme der "kleinen Schwester" weitergab, war es jeder zufrieden.

Sie ist das kleine Mäuschen, das nur Liebes tut, und die rasende Katze, die sich selber jagt und dann auffrißt. Geplagte und Plage leben ein Leben als Maus oder als Katze. Freunde und Bekannte kennen sie nur als Maus oder Katze. Sie lebt oder leben in voreinander geschirmten Welten, ungeschoren - synchron verhakt - wenigstens zweimal.

Ihre Scheu legt ein Verhalten an den Tag, das die notorische Aufdeckung des gestückelten Lebens unmöglich macht. Im höflichen Raum ist keine Störung; kritische Einbrüche werden von Kismet verputzt.

Was ist eine Entität, aus der dem "Wesen" die Identität erst erwächst, wenn sie zerbricht und niemand davon weiß?

Wer wacht über die Regeln in dem Spiel?

Das Wechseln der Rolle in einer Person ist der moderne Mensch. Er muß es nur beherrschen, souverän damit umgehen können. Intelligenz, Stil und Format sind gefragt.

Der Schauspieler, der in jedes Rollenfach geht, der begehrte flexible "Arbeitnehmer". Mann und Frau, ungebunden, wechseln Job und Wohnsitz nach Bedarf und Laune des "Arbeitsmarkts". Sie sind austauschbar und haben dem erbärmlichen Zustand einen Adelstitel verliehen. Not macht eben erfinderisch. Jeder Rollenwechsel ist ein Partnerwechsel, mit jedem neuen Partner ändern sich die Regeln des Spiels.

Der Wechselhafte ist als Künstler und Genie - staatlich, fürstlich, vor Zeiten - in der Tat geadelt worden. Wer sich im Privatleben wie ein Schauspieler aufführt, an dem ist halt einer verloren gegangen. Niemand stellt das heute prinzipiell in Frage.

Die modische Tendenz, überkommene, "ewige", Strukturen aufzulösen, müßte nachdenklich stimmen. Was der Zeit nicht unterliegt, kann nicht "aufgelöst" werden, ohne daß am Ende die Welt einstürzen würde, falls es doch mal gelänge.

Die Instanz, die sich darum sorgt, ist aus den Quellen der Torah und des Quran überliefert. Der islamische "Fundamentalismus" pocht auf die Beachtung der Lehre, weil alles daran hängt, was aber in der modernen Welt nicht verstanden wird. In dieser Welt kann die talibanische Politik - gegen Schauspielerei, Bilderkult, gegens Musizieren - nicht mit Verständnis und Wohlwollen rechnen. Die strengen Grundsatzpositionen wirken abstrakt dogmatisch, engstirnig, verbohrt, lebensfremd und lächerlich, von der Geschichte überholt...

Die beschriebenen - mehrfältigen, "rollenspielerischen" - Merkwürdigkeiten sind nämlich "typische" Zeiterscheinungen, in denen sich das Grundproblem unserer modernen Welt widerspiegelt. Das alte Sprichwort - Wer nicht hören will, muß fühlen - klingt - angewandt auf das Verhältnis der "Moderne" zu den "Taliban" - banal wie unabgestimmt. Weil alles so "talibanal" absurd ist, wird auch niemand hören, wird niemand sich einstimmen, niemand Lehren annehmen wollen. Das Fehlverhalten aber ist Allahs pädagogische Intervention. Als ob die moderne Welt an ihrer wissenschaftlichen Intelligenz, ihrem souveränen Stil, ihrem zivilisatorischen Format zugrundegehen soll.

Die toranisch-quranische - monotheistische - Sicht geht der Wirklichkeit kritisch entgegen. Diese Wirklichkeit hat aber ihre eigenen Theorien, ihr eigenes Selbstwertgefühl, einen eigenen Sinn für ihre Bedeutung. Was wir Polytheismus nennen: die Religion der "Griechen", der Schauspieler und Künstler, ist der ihr eigentümliche "Überbau". Für jede Stimmung, für jede Rolle, für jede Situation gab es und gibt es einen Gott oder eine Göttin, die sie beschützt.

Isis, die Mutter der Dinge, war - und ist und wird sein - der Frieden, der alles zusammenhält.

Bis es auseinanderfiel, über Nacht, überraschend. Unerwartet, denn niemand hatte hören wollen.

So war es, so ist es, so wird es sein.

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