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Die Freiheit ist unsere Sicherheit

2002-02-02

Avram Kokhaviv

Die mindestens zwei Gesichter des Imperialismus

Darunter die lachenden und die weinenden Dritten

Jean-Charles Brisard / Guillaume Dasquié, Die verbotene Wahrheit. Die Verstrickungen der USA mit Osama bin Laden. Aus dem Französischen von Karola Bartsch, Eliane Hagedorn und Jutta Kaspar. Die Originalausgabe erschien im November 2001 unter dem Titel Ben Laden. La verité interdite bei Denoël, Paris.
© by Édition Denoël
Deutsche Ausgabe © Pendo Verlag GmbH
Zürich 2002

Das größte Hindernis bei den Ermittlungen gegen islamistische Terroristen waren die Interessen der US-Ölkonzerne und die Rolle Saudi-Arabiens, sagte John O'Neill, der bis August 2001 beim FBI mit den Ermittlungen gegen Bin Laden befaßt war. Er starb am 11. September 2001 im World Trade Center.

Der Verlag verrät dem Leser noch mehr:

Nicht allen kommt die Veröffentlichung des französischen Erfolgstitels gelegen. Yeslam bin Laden, Halbbruder des gesuchten Terroristenführers und Schweizer Geschäftsmann, klagt sowohl gegen die deutsche Übersetzung als auch gegen den Vertrieb der Originalsausgabe in der Schweiz.

Die Autoren - französische Geheimdienstexperten - haben eine Menge Hintergrundwissen und Fakten offengelegt und sind in der Materie nicht neutral, sondern antiterroristisch und antiislamisch engagiert. Brisard, Politik- und Wirtschaftsberater, leitet eine eigene Wirtschaftsauskunftei. Dasquié ist Wirtschaftsjournalist und Chefredakteur des Online-Magazins Intelligence Online, publizierte zuletzt Secrètes Affairs (Flammarion, 1999) und lehrt an der Universität Marne-la-Vallée. Saudi-Arabien und seine religiösen und finanziellen Ambitionen sind das Ziel ihrer Recherchen, und man geht sicherlich nicht fehl in der Annahme, daß auch Interessenpositionen und die offizielle Sicht Frankreichs sich in der Analyse niederschlagen.

Die weltweiten Vermögens- und Firmenverflechtungen des Bin-Laden-Clans sind wirklich beeindruckend und für viele gewiß überraschend. Ein Imperium tut sich vor dem Leser auf, und ich weiß nicht, wo man eigentlich anfangen muß, wenn Anknüpfungspunkte für Verbindungen zum Terrorismus gefunden werden sollen. Die Hauptthese der Autoren lautet aber: Osama Bin Laden ist Saudi-Arabien. Familiäre Feindschaften und Distanzierungen, von denen man hört, kommen aus dem Reich der taktischen Phantasie. Die nachgewiesenen Kapitalverflechtungen machen die Frage dringlich, wo die Grenzen zwischen den USA und Bin Laden, zwischen dem internationalen Terrorismus und der Anti-Terrorismus-Koalition verlaufen.

Ein eigenartiger Begleitumstand war die Entscheidung des saudischen Geheimdienstes GID unter Leitung von Prinz Turki al-Faisal, die Taliban massiv zu unterstützen... Gleichzeitig ließ Saudi-Arabien die anderen aus usbekischen oder tadschikischen Volksstämmen hervorgegangenen Parteien fallen, die nun... den Rückzug antraten und an Boden verloren. Mit solch umfassender Unterstützung marschierten die Fundamentalisten Richtung Kabul und ergriffen zur allgemeinen Zufriedenheit am 27. September 1996 die Macht.
(38 f.)
Im Ausland wurde die Unterstützung der Fundamentalisten von angesehenen politischen Kreisen fortgesetzt. Zwei der einflußreichsten amerikanischen Forschungsinstitute im Bereich der Außenpolitik setzten sich für sie ein. Es handelt sich um den angesehenen Council on Foreign Relations (ein wahrer Tempel der amerikanischen Diplomatie, zu deren Mitgliedern Botschafter, ehemalige Minister sowie die Diplomatenkaste der Georgetown University und der angesehenen John Hopkins School gehören) und die Rand Corporation (ein Forschungszentrum, das vorrangig im Dienst des Pentagons, der Verteidigungsindustrie und des Energiesektors arbeitet).
(39)

Die Autoren entlasten den Libyer Ghadafi, der nicht nur vom Terror freigesprochen wird. Der erste Haftbefehl von Interpol gegen Osama Bin Laden wurde am 15 April 1998 auf Veranlassung des libyschen Innenministeriums erlassen! Bin Laden wurde die Ermordung zweier Geheimagenten aus Deutschland zur Last gelegt, die für Einsätze in Afrika und im Anti-Terror-Kampf verfügbar waren: Silvan Becker und seine Ehefrau. Osama Bin Laden nämlich hatte vor Jahren in Libyen für die Reinheit der Lehre gefochten. Ghadafis Islam-Modell war ihm zuwider. Bin Laden gründete die wahhabitisch-sunnitische Al-Qaida als Opposition gegen den schiitischen Terrorismus. Die Begriffe sind weder an einen Ort noch an eine politische Richtung gebunden.

Der saudische Wahhabismus ist eine strenge Form der Religion Mohammeds, ein wahrer Fundamentalismus, der in den Taliban gleichgesinnte Partner fand. Osama Bin Laden ging während des Befreiungskrieges gegen die Sowjets als saudischer Militärberater nach Afghanistan. Zum politischen Verständnis ist es wohl nötig, die Gründung und Positionierung von Al-Qaida nach religiösen Motiven und den historischen Anlässen zu ordnen.

Nach dem Abzug der Kreml-Truppen im Jahr 1989 kamen in Kandahar die wichtigsten Führer der verschiedenen Paschtunen-Bewegungen zusammen, die einen äußerst radikalen Sunnismus vertreten. Denn für die Mudjaheddin, die in dieses Tal im Süden zurückkehrten, war der Krieg gegen die UdSSR vor allem ein heiliger Krieg im Namen Allahs. Eine Überzeugung, zu der Saudi-Arabien durch seine finanzielle Unterstützung und seine militärischen Berater (unter ihnen an exponierter Stelle ein junger Osama bin Laden, seines Zeichens Korrespondent der GID, des saudi-arabischen Geheimdienstes) in erheblichem Maße beigetragen hat. Während sich der Kampf mit den anderen Volksstämmen bis zu den Städten des Nordens und bis nach Kabul ausdehnte, tauschten viele Paschtunen-Krieger für eine Zeit die Kalaschnikow gegen eine religiöse Unterweisung in den Schulen der Umgebung ein. Nach dem Djihad waren sie darauf erpicht, ihre Korankenntnisse zu vervollständigen...
Der junge Mudjaheddin-Führer Muhammad Omar besuchte eine dieser Schulen. Als er 1990 im Alter von 27Jahren zurückkehrte, besaß er einen gewissen Bekanntheitsgrad. Im Kampf gegen die Sowjets hatte er sich Ansehen erworben, er war berühmt für kühne Hilfsaktionen, bei denen er bisweilen sein Leben aufs Spiel setzte. Ein Heldentum, durch das er 1989 bei einem Raketenbeschuß das rechte Auge verlor... Doch jetzt wollte er den als unbefriedigend empfundenen Status eines Warlords gegen den eines spirituellen Führers eintauschen.
Die Koranschüler vereinten mehrere Vorzüge, die von ihren Paten als besonders vorteilhaft angesehen wurden. Die pakistanische Partei Djamiat Ulema Islami, die eine Schlüsselrolle im Parlament innehatte, sah Glaubensbrüder in ihnen und drängte deshalb die Regierung, ihnen Hilfestellung zu leisten. Der pakistanische Geheimdienst ISI befand sie als reinste Emanation der Mudjaheddin der achtziger Jahre, die er selbst ausgebildet hatte und noch immer kontrollierte, ganz im Gegensatz zu den anderen afghanischen Volksstämmen, die jetzt auf Abstand gingen. Die saudische Regierung von König Fahd, Hauptfinanzier des ISI, förderte diese Bewegung...
(31 ff.)

Am 26. Dezember 1979 marschiert die Sowjetarmee in Afghanistan ein. Von 1980 bis 1986 beteiligt sich Osama Bin Laden, geboren 1957, als Militärberater am Aufbau des moslemischen Widerstands in Afghanistan; zu dessen Finanzierung und zwecks Rekrutierung von Mitkämpfern gründet er 1988 die Organisation Al-Qaida.

1989 Nach dem sowjetischen Rückzug aus Afghanistan kehrt Osama bin Laden nach Saudi-Arabien zurück, wo er Protestbewegungen unterstützt und im Familienkonzern Binladin arbeitet.
1990 Am 2. August fallen irakische Truppen in Kuwait ein.
1991 Im April verläßt Osama bin Laden Saudi-Arabien, nachdem er sich dem Bündnis zwischen dem Königreich und den Vereinigten Staaten widersetzt hat. Er begibt sich nach Afghanistan, dann nach Khartum im Sudan, wo Moslems auch ohne Visum aufgenommen werden.
1991 Die Vereinigten Staaten richten Stützpunkte in Saudi-Arabien ein.
1992 Osama bin Laden legt die Grundsätze von al-Qaida fest: Opposition zu schiitischen Terroristengruppen, Ablehnung der amerikanischen Präsenz auf saudischem Boden, Konfrontation mit den US-Truppen, die am Horn von Afrika, insbesondere in Somalia, stationiert sind. Gleichzeitig siedelt er mehrere Unternehmen in Khartum an, um die Finanzierung seiner politischen Aktivitäten zu stützen. 480 afghanische Soldaten schließen sich ihm an.
1992 Am 29. Dezember explodiert eine Bombe in einem Hotel in Aden, in dem amerikanische Truppen für humanitäre Einsätze in Somalia untergebracht sind. Zwei österreichische Touristen werden bei dem Attentat getötet. Die US-Behörden führen Ermittlungen zu einer möglichen Beteiligung der Organisation Osama bin Ladens an dem Anschlag durch.
1993 Dem sudanesischen Staat wird die Unterstützung von Terroristen vorgeworfen. Die Aktivisten bin Ladens versuchen, Bauteile für Atomwaffen zu bekommen.
1993 Am 26. Februar wird ein Anschlag auf das World Trade Center in New York verübt.
(192 ff.)

Die Chronologie macht deutlich, daß es sich um Reaktionen auf a) den sowjetischen Krieg gegen Afghanistan und b) den amerikanischen Golfkrieg, mithin um Selbstschutzmaßnahmen handelt. Beide Male wird heiliger Boden verteidigt. Der Wahhabismus fordert die westliche Welt heraus, indem er die islamische Souveränität wiederherstellen will. Denn damit ist - über den aus dem Boden sprudelnden Energieträger Öl - der casus belli gegeben.

Durch die Kapitalverflechtungen ist ein Zustand eingetreten, der nicht mehr zu dem Schluß berechtigt, daß die arme, unterentwickelte Dritte Welt sich gegen den reichen, hochentwickelten Westen wehrt. Das islamische, hier vornehmlich saudi-arabische Finanzkapital ist Miteigentümer und Mitbeherrscher dieser modernen, hochproduktiven Techno-Info-Welt und bereitet gewissermaßen eine feindliche Übernahme vor. In diesem Moment wird die islamische Selbstverteidigung zur Offensive gegen den Westen, was nun auch die weltanschaulichen Energien zum Tragen bringt.

Der Westen verteidigt sich auf einmal gegen einen Osten, der diesen Westen zu großen Teilen bereits vereinnahmt hat. Der Kapitalismus erfährt eine innere Umwandlung, die mittlerweile eine hohe weltpolitische Brisanz freisetzt. Gehört nun also das Kapital praktisch "beiden Seiten", so haben wir auch einen beiderseitigen Terrorismus zur Kenntnis zu nehmen.

Die Inbesitznahme auch der letzten und gefährlichsten, weltmachtpolitisch relevanten, militärischen - waffentechnischen - Mittel ist eine Frage der Zeit, nicht prinzipieller Erwägungen. Die Globalisierung des Islam ist ein - wirtschaftspolitisch abgesicherter - fundamentaler Vorgang. Während aller westlichen Welt zu dem Stichwort "Finanzkapital" prompt das Attribut "jüdisch" einfällt (und sonst gar nichts), hat das arabisch-islamische Kapital ganz offensichtlich ein paar Nägel mit Köpfen gemacht, zu denen vermutlich auch die Propaganda gegen die "zionistische Weltmacht" und die "internationale Finanzmacht der Juden" zu rechnen ist.

Siehe auch:
Prozess-Erfolg für den Pendo Verlag
Prozess-Erfolg II
Wieder Verbot in der Schweiz

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