2002-01-29
Zu Identitätsfragen will ich mich nicht äußern. Das habe ich zur Genüge getan. Dennoch geht es um Ortsbestimmung in Deutschland und Israel.
Der totale Krieg, den Hamas kürzlich den Israelis erklärte, zeigt bereits Wirkung. Fast jeden Tag fliegt irgendwo in den Städten Israels eine Bombe in die Luft und reißt Menschen in den Tod. Meist sind es Selbstmordattentäter, die das Unheil verursachen.
Ich will nicht die Schuldfragen klären, die am Anfang dieser Geschichte stehen. Sie lassen sich auch gar nicht klären. Was die Araber falsch gemacht und versäumt haben, ist nicht mein Thema. Ich möchte vielmehr herausstellen, was Israel unterließ, obwohl es in der Lage gewesen wäre, eine grundlegende Entscheidung zu treffen.
Die Grundfrage ist die nach dem Selbstverständnis der Juden im Nahen Osten und besonders in Israel. Juden lebten, und leben noch, in allen islamischen Ländern. Probleme mit ihrer islamischen Umwelt entstehen gewöhnlich erst, wenn der Staat Israel ins Spiel kommt, sei es als politischer Auftraggeber für nachrichtendienstliche Gefälligkeiten oder als Ziel der Emigration.
Israel als jüdischer Staat hat eine Theorie von seinem Selbstverständnis, die ziemlich dogmatisch ist. Der Zionismus ist ein strenger Nationalismus, der eine Vermischung mit anderen Völkern nicht eigentlich zuläßt. Die religiöse Orthodoxie wacht über die jüdischen Grundsätze gemäß der Torah und den talmudischen Auslegungen.
Die nichtjüdischen Staatsbürger Israels widersprechen diesen Grundsätzen nicht. Sie leben neben den Juden in Israel. Gemeinsame Eheschließungen - ohne Aufgabe der Identität - sind höchst selten, nach islamischem Recht problemlos; am jüdischen Recht vorbei, auf dem Wege weltlicher Trauung im Ausland, möglich und auch praktiziert.
Ein nichtjüdischer Bürger oder Einwanderer ist nicht gleichberechtigt im Sinne demokratischer Regeln in westlichen Ländern, in England, Amerika und auch in Deutschland. Während ein Deutscher nicht israelischer Staatsbürger werden kann, wenn er nicht zugleich Jude ist, kann ein Israeli oder Jude aus einem anderen Land ohne weiteres gleichberechtigter Bürger der Bundesrepublik Deutschland werden und sein.
Deutschland ist in diesen Fragen freizügig und konsequent bei der Einhaltung der pluralistischen Gesellschaftsauffassung. Insofern ist Deutschland demokratischer als Israel.
Der Pluralismus kommt den jüdischen Bürgern entgegen, weil sie als gleichberechtigte Juden neben anderen Gleichberechtigten frei leben und die Grundrechte und Gesetze des Staates wie alle anderen Bürger in Anspruch nehmen können.
Eine jüdische Inkonsequenz liegt darin, daß sie, ob nun als religiöse Juden oder als politische Zionisten definiert, die gleichen Prinzipien in den von ihnen dominierten Bereichen, also auch im Staate Israel nicht anerkennen, nicht sich zu eigen gemacht haben; die demokratischen Regeln der Gleichheit würden sonst den Nichtjuden zugutekommen. Der Pluralismus hat also zwei Seiten, je nachdem, wer der Nutznießer ist.
Unter diesen Bedingungen ist ein friedliches Nebeneinander mit den Nachbarstaaten schwer vorstellbar, weil diese als Monarchien oder autokratische Nationalstaaten jeden Friedensschluß mit Israel gegen einen inneren Krieg mit den islamischen Kräften eintauschen würden.
Andererseits hat die Globalisierung einen Charakter, der über die finanzpolitische und ökonomische Seite hinausreicht. Die Globalisierung ist ein Trend mit zwei Komponenten. Die erfolgversprechenden Widerkräfte sind nicht die Nationalismen im engeren Sinne, sondern die Konzeptionen, die selbst von globaler Art sind.
Die materielle Globalisierung korrespondiert mit der geistigen, die sich im Westen als christlicher Fundamentalismus mit dem Kapitalismus verbündet hat. Globalistische Modelle sind auch der römische Katholizismus und die christliche Orthodoxie, etwa des "Dritten Rom", vor allem aber der Islam.
Der jeweilige geistige und kulturelle Überbau beschirmt seine geopolitischen Fundamente. Die Europäische Union wäre dies für den Katholizismus. Vorsichtige britische Bestrebungen, mit Rom wieder Frieden zu schließen, scheinen auf solchen Einsichten zu beruhen.
Die ersten Skizzierungen des gerade sein Amt einnehmenden amerikanischen Präsidenten Bush II., die seiner Politik einen latein-europäischen, latein-amerikanischen, römisch-katholischen Strich geben sollten, sind durch die Attentate von Manhattan und Washington konterkariert worden.
Dem christ-reformatorischen Fundamentalismus Amerikas konnte diese neue Politik nicht gefallen. Sie ist gleichwohl die richtige Konzeption, wenn die USA sich nicht von Europa trennen wollen. Andererseits besteht auch ein europäisches Interesse, Amerika und Rußland draußen zu halten und sich mit dem Islam zu arrangieren.
Die Kultur des Islam hat ihre asiatischen und afrikanischen Fundamente, die sich als wirtschaftliche Grundlagen nicht ohne weiteres ausmachen lassen. Die islamische Welt wird darangehen müssen, erst einmal ihre natürlichen Ressourcen in die eigenen Hände zu nehmen. Dabei werden ihr die geistigen Ressourcen die entscheidende Hilfe sein. Zuletzt läuft alles darauf hinaus, zu den - geopolitischen und geistig-religiösen - Fundamenten zurückzufinden. Was das bedeutet, sagt uns schon die Semantik der verwendeten Begriffe.
Alle bisherigen Versuche sind gescheitert, weil die Rolle Allahs nicht die nötige Beachtung fand. Himmel und Erde müssen zusammenstimmen.
Wenn Himmel und Erde zusammenstimmen müssen, welche - geopolitisch - fundamentale Entsprechung kommt dann dem Judentum zu?
Bestandteil der Lehre ist die Verheißung, ist das Gelobte Land. Kann es unter diesen Umständen jemals Frieden geben?
Es würde voraussetzen, daß der Islam, darauf spitzt sich alles zu, die jüdischen Ansprüche - was heißt: das Versprechen der Torah - anerkennt. Damit ist niemals zu rechnen.
Der Quran und ein geprüftes Torahwissen melden erhebliche Bedenken an.
Die Anerkennung Israels im Sinne der jüdischen Lehre schließt das Einverständnis mit dem Wiederaufbau des Jerusalemer Tempels ein. Das kritische Studium der alten Schriften verwirft diesen Gedanken.
Bereits der Bau des ersten Tempels erfolgte unter entschieden resignativen Vorzeichen. Gott hatte vor den Unbilden der Geschichte kapituliert.
Wenn Eretz Israel, dieser kleine Flecken Erde, gleichwohl von Gott nicht - nicht mehr - vorgesehen ist, was bleibt? Eine Lehre ohne Land, nur mit der seit Jahrtausenden gärenden Verheißung?
Ist die Lehre so stark, daß sie noch weitere Jahrtausende ohne Land auskommen könnte?
Oder haben wir eine Alternative? Zum alten Land ein neues?
Das - etymologisch entdeckte - neue Davidsland würde zwar nicht gerade Frieden bedeuten, wäre jedoch eine interessante, auch historisch begründete Perspektive.
kokhaviv publications > NewCatch > online exclusive
kokhaviv publications > NewCatch > security > What happened on Sept. 11
© Copyright 1999 - 2011 kokhaviv publications