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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...
2002-01-11
Horst Ehmke, Himmelsfackeln. Kriminalroman
© Eichborn AG, Frankfurt am Main, Mai 2001
Der prominente Sozialdemokrat Horst Ehmke, einer aus der Minister- und Vorstandsebene, gehört zu jenen Politikern, die nach der Wende plötzlich und unauffällig aus der Politik verschwanden.
Horst Ehmke schreibt nun Kriminalromane; ich muß sagen, ganz gut. Wahrscheinlich hätte er dieser Berufung schon früher nachgehen sollen.
Seine Politik war mir nie so spannend, wie seine Stories es sind, obwohl bereits der Politiker sich als Phantast und Erzähler hervorgetan hatte.
Ehmke war mir als Politfall untergekommen, den ich wie ein Puzzle erst zusammensetzen mußte. Seine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist mir nun eine Fundgrube geworden.
Als Kriminalautor beweist er sein Talent für das Genre, Politspekulation inklusive.
Er spekuliert, in Grenzen legitim, und läßt ein paar Eigenarten durchgehen, die für mich eine gewisse Schließkraft haben.
Was fällt mir gleich zu Beginn auf, was wird auch durchgehalten? Die Beschreibung von Personen. Der Blonde. Der Drahtige. Engel fuhr sich durch das blonde Haar. Der Blonde mit dem dunkelblauen Regenmantel... Beim hochgewachsenen Germanen haben wir's mit einem Guten zu tun, da kann er auch ein Türke sein. Die Krönung bildet der militärisch-kurze Haarschnitt.
Ein kleiner türkischer Jude, zugleich israelischer Staatsbürger, geheimnisvoller Geheimdienst-Agent (Special Agent), der alles im Griff hat, ist blond und blauäugig, also trotz allem offensichtlich ein Guter.
Der Gute trifft auf den Bösen: Der Blonde mit dem dunkelblauen Mantel war auf einen jungen Amerikaner aufmerksam geworden. Ein großer dunkelhaariger Mann... Der Kuckuck...
In billigen Western trugen die Bösen schwarze Hüte, schwarze Haare, schwarzen Bart. Die Guten waren blond, glattrasiert und blauäugig mit weißem Hut.
Ein Bärtiger, "aber" Intellektueller... Der schwarze Bart ist ein Beweisstück, das untrügliche Indiz für islamischen Extremismus und Fundamentalismus. Der ist nicht intellektuell, nicht rational begründbar, sondern fanatisch, irrational... Ein "bärtiger Intellektueller" ist ein Widerspruch in sich, müssen Sie wissen.
Gute sind die Aleviten, die sind nicht nur aufgeklärt, bei denen sind sogar die Frauen, und das seit Jahrhunderten, gleichberechtigt neben den Männern.
Obwohl die Aleviten eine ganz andere Geschichte und folglich einen ganz anderen Ruf sich erworben haben. Als Waffe gegen den Islam taugen sie allemal, das ist wahr, auch wenn es bei Ehmke nicht so direkt gesagt wird.
Ehmke ist resp. war führender Sozialdemokrat und damit prominenter Vertreter einer bestimmten Ideologie.
Rotgrün ist die optimistische Parole auch seines Buches, dessen Geschichte ins Jahr 2012 - nach der mayanischen Zeitrechnung das Jahr des Untergangs der westlichen Zivilisation - vorverlegt ist.
Zu Ehmkes Ideologie gehört neben der Frauengleichheit die friedvoll multikulturelle Gesellschaft; der mit einem Tierarzt "verehelichte" FBI-Beamte; die hervorragende deutsch-türkische Zusammenarbeit in der Neuen Mitte; der enge Mitarbeiter des Bundeskanzlers, der (als Besserverdienender unter den Armen) im Kreuzberger Kiez wohnt; der deutsch-jüdische Konsens, der nur von ein paar Rechtsradikalen gestört wird.
Friede-Freude-Eierkuchen. Man lebt nicht nebeneinander her, sondern fried- und freundschaftlich miteinander. Überall Kooperation und eitel Liebe, nur, und das fällt mir ebenso auf, keine deutsch-türkische Ehe oder Liebschaft.
Für die Liebe muß der Israeli her, der kleine Blonde mit den vielen Sprachen nimmt sich die schlanke schwarzhaarige Alevitin mit den vielen Sprachen. Sie hat sogar "alt- und neuhebräisch" studiert.
Das paßt alles herrlich zusammen. Die Deutschen, vornehmlich Kriminalisten der mittleren und höheren Ebene, haben ihren Part als Verbindungsleute zu den Amerikanern, ein Überbleibsel aus Besatzungstagen und alter Bundesrepublik West, sozusagen.
Uneingeschränkt solidarisch sind alle miteinand gegen den islamischen Fundamentalismus; wie nebenbei aber auch gegen die "rechten ultra-orthodoxen" Juden in Israel; schlußendlich gegen die rechtsradikalen amerikanischen Rassisten, Antizionisten und Fundamentalisten der "Christian Identity", der "Aryan Nation"...
Derweil pflegt - anno 2012 - der rotgrün koalierende SPD-Kanzler Karl Stockmann die deutsch-türkischen Beziehungen.
Horst Ehmke ist bei allen Nebenauffälligkeiten ein Zögling der modernen Gesellschaft. Seine turkgemeinschaftliche Einstellung gegen Amerika richtet sich lediglich gegen dessen Rassisten und Rechtsradikale, und das ist auch gut so, würde Berlins neuer Wowi dazu sagen.
Der Verdacht, daß sich hinter den Attentaten auf das World Trade Center und das Pentagon US-christliche Fundamentalisten verbergen könnten, ist gleich am 11. September 2001 bei Kokhaviv geäußert worden. Es lag einfach zu nah, als daß man diese Möglichkeit außer acht lassen durfte; was allerdings in den etablierten Medien nirgendwo einen Niederschlag fand.
Ehmkes Buch erscheint explizit im Mai 2001, etwa vier Monate vor den schweren Attentaten vom 11. September 2001. Ich nehme an, daß das Impressum mit Blick auf dieses Datum später - für den Druck - ergänzt worden ist. So erhält die unübliche Angabe des Erscheinungsmonats ihren Sinn.
Ehmkes Prä-September-Interpretation der im Buch geschilderten Kriminalfälle hat als Post-September die volle Berechtigung erlangt.
Die Erwähnung des Monats Mai ist wie ein Wink mit dem Zaunpfahl. Nur wüßte ich gern, ob Ehmke auch die September-Attentate so einordnet. Damit könnte er nämlich in seinen Kreisen Ärger bekommen, weil political correctness diese Interpretation nicht mehr zuläßt.
Ehmkes Geschichte enthält eine Nachricht: Traut nicht dem schönen oder unschönen Schein, schaut dahinter!
Das müßte den Broder auf die Palme bringen, weil der so was nicht mehr mag. Ehmke hätte hiernach gute Aussicht, als neuer Schmock des Monats im Internet aufzuleuchten.
Da ist die Rede von Verbrechen, die so scheinen, als wären sie von Islamisten begangen worden, obwohl das organisierte Verbrechen dahintersteckt.
Von Anschlägen der Palästinenser in Israel, die in Wahrheit von ultra-orthodoxen Juden geplant und in die Wege geleitet wurden.
So was kann ein deutscher Politiker nicht ohne weiteres behaupten; als Krimiautor hat er seine Auswege und Möglichkeiten.
Der blonde und blauäugige israelische Super-Special-Agent stellt nicht nur die Behauptungen auf, er hat noch mehr zu bieten. Er hat eine Kuckuckstheorie entwickelt.
Hinter allen politischen Verbrechen dieser und jener Art steckt ein Kuckuck, ein Anstifter mit dem Masterplan, der die Handelnden treibt und gegeneinander ausspielt.
In diesem Falle steckt hinter allem ein christ-fundamentalistischer, rechtsradikaler CIA-Spezialagent.
Der CIA-Kuckuck hat eine Biografie, eine Theorie und ein Konzept, nach dem er die islamistischen und kriminellen Puppen - für sich und gegeneinander - tanzen und killen läßt.
Er stammt aus einer alten Kreuzfahrerfamilie und will Jerusalem, die Heiligen Stätten, das Heilige Land von der jüdischen und moslemischen Plage befreien.
Die Hypothese, daß die christ-amerikanischen Fundis - für weitergespannte Ziele - ihre islamischen und jüdischen Feinde aufeinander hetzen, ist von mir - nach den Attentaten vom 11. September 2001 - aufgestellt worden. Der terminliche Unterschied trennt uns von der Ehmke-Sicht.
Der gravierendere Unterschied liegt jedoch in der Schlußfolgerung. Der post-ministerielle Staatskonformist und SPD-Kriminalromancier läßt seine internationalen Polizei- und Militärtruppen gegen den Fundamentalismus - gleich ob jüdisch, islamisch oder christlich - auffahren. Dagegen empfiehlt Kokhaviv das monotheistische Bündnis von Islam und Hebräertum zur Verteidigung gegen die US-christ-reformatorischen Fundamentalisten und ihre polytheistischen Freunde.
Zudem wird an den europäischen: römisch-katholischen Bündnispartner gegen die antiislamische griechich-russische Christ-Orthodoxie gedacht. Ehmke erwähnt diese Orthodoxie mit keinem Wort.
Die kriminellen Anlässe: Ermordung eines türkischen Islamwissenschaftlers der Berliner Humboldt-Universität; Sprengstoffanschläge auf eine Schöneberger Moschee und das Centrum Judaicum in der Oranienburger Straße. Ermordung eines jüdischen Richters in Washington. Morde in Bosnien und der Türkei.
Zuletzt werden die Frau des deutschen Bundeskanzlers und eine türkische Malerin aus Berlin an einem türkischen Ferienort als Geiseln genommen. Beide kommen dabei um.
Haupttäter - an der Spitze einer kleinen Armee von Gotteskriegern - sind ein getäuschter Islamist, genannt Der Prediger, und der CIA-Hintergrund-Kuckuck mit der kreuzzüglerisch-christ-fundamentalistisch, rassistisch-antisemitischen (antijüdischen und antiislamischen!) Familiengeschichte.
Der Roman endet mit dem Rücktritt des Bundeskanzlers. Von ihm stammte das Wort zu den Heiligen Schriften... "Sie sind Himmelsfackeln, die unser Herz erleuchten, unseren Weg zu Gott erhellen sollen" (80).
Zur Erhellung mag die Notiz beitragen, daß die schweren Verbrechen, die den Autor bewegen, seiner Phantasie entsprungen sind.
Sollte das eine oder andere doch mal geschehen, könnten die Täter sich ohne weiteres auf Ehmkes Vorhersagen für die kommenden Jahre berufen.
Die erdachten Vorfälle sind so eindrücklich ausgemalt worden, daß der - einst ohnehin "für besondere Aufgaben" erkorene - Mann, der sich's einfallen ließ, als ein deutscher Kuckuck in die politische Kriminalgeschichte eingehen könnte.
Wobei es mir leichtfällt, über die Namensähnlichkeit mit unserm kuckuck hinwegzusehen.
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