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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

2002-01-08

Avram Kokhaviv

Gencode J und die späte Vergeltung

Eine Empfehlung zum Nachdenken

Udo Ulfkotte, Gencode J. Roman.
© Eichborn AG, Frankfurt am Main 2001

Es hat mich ordentlich geschüttelt.

Ein Feind für alle Fälle
Mythen, Gerüchte und Verschwörungstheorien nach den Terror-Anschlägen / Von Udo Ulfkotte

Ob er's gemerkt hat?

FRANKFURT, 28. September 2001. Wahr ist, daß man unbewiesene, streng vertrauliche, unter der Hand verbreitete Informationen Gerüchte nennt. Sie sind die Lieblingswaffe des Rufmörders und das einzige klassische Nachrichtenübermittlungsverfahren, das nicht Gefahr läuft, von der Elektronik verdrängt zu werden. Manchmal werden Wahrheit und Vernunft, um Glaubwürdigkeit und einen Bezug zur Realität zu schaffen, der Phantasie untergemischt. Nicht selten werden so aus Gerüchten Verschwörungstheorien. Vor dem Hintergrund der Attentate in den Vereinigten Staaten und der Jagd auf die Urheber erleben auch Verschwörungstheoretiker, Gerüchtemacher und andere Anhänger von Mythen und Legenden eine neue Blüte.
... Solche Darstellungen entziehen sich rationaler Erklärung, werden aber nun von Verschwörungstheoretikern mit dem Satan in Verbindung gebracht.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2001-09-29

Ulfkotte beschreibt seinen Roman, ohne daran in diesem Moment gedacht zu haben. - Die Gencode-Legende beginnt mit einer Schnurre:

"Woran denkst du", fragte Tamara.
"An den Morgen in der Chester Street, als du dich von deiner Mutter verabschiedet hast." Michael zog sie näher zu sich und fuhr ihr durch das wilde, rabenschwarze Haar.
"Ich hab gestern mit ihr telefoniert."
"Und? Hat sich dein Vater immer noch nicht eingekriegt?"
Tamara schüttelte den Kopf. "Mum sagt, es wird immer schlimmer mit ihm. Er ist einfach zu alt, um sich zu ändern."
"So alt dann auch wieder nicht. Du hast gesagt, er sei 1948 geboren."
"Ja." Tamara schwieg einen Moment. "Er ist alt in seinem Denken. Verbraucht. Eingefahren. Wenn du ihn sehen würdest..."
"Warum? Wie sieht er denn aus?"
Tamara lachte ein bißchen. "Na, genau so, wie man sich einen chassidischen alten Polen eben vorstellt. Langer Bart, Latschen, Kippa. Ruth sagt, man kann kaum mehr mit ihm unter die Leute."
(62)

Ja, es hat mich geschüttelt.

Der verletzte Patient in Zimmer 146 war noch immer ans Bett gefesselt... Irgendwann fragte er bei der täglichen Visite nach seinem Aufenthaltsort. "Sie sind in der Nervenheilanstalt Kfar Schaul", hatte der Chefarzt ihm geantwortet... Doch seine Proteste und Wutanfälle nutzten nichts. Im Gegenteil, immer, wenn er randalierte, verschrieb der Chefarzt Neuroleptika. Elf Milligramm Haloperidol, manchmal auch mehr, Tag für Tag, wann immer der Patient sich rührte. Die Pfleger störte es nicht, daß er das Haloperidol anfangs nicht sonderlich gut vertrug. Den meisten Patienten in Kfar Schaul ging es so. Am Anfang litt er unter Zungen- oder Blickkrämpfen, nach ein paar Wochen waren seine motorischen Fähigkeiten massiv eingeschränkt. Wenn er den Arm hob, sah es aus, als ob er am Parkinsonsyndrom litt.
Über Umwege erfuhren die Pfleger, daß der Patient in Zimmer 146 von einem Militärgericht zu lebenslanger Verwahrung in der Anstalt verurteilt worden war... Nach dem Urteil entschlossen sich die Ärzte, dem Patienten, der vorher nur Prozac erhalten hatte, Haldol zu verabreichen. Der Patient reagierte mit unkontrolliertem Speichelfluß, Muskelstarre und heftigen Krämpfen. Schon nach wenigen Tagen war es unvorstellbar, daß der schwer psychisch gestörte Mann jemals ein Offizier oder Mossad-Agent gewesen sein könnte.
(354 f.)

So endet die Geschichte. Oder nein, die Geschichte ereignet sich zwischen den Zitaten.

Das Buch wurde, so die Verlagsanzeige, bereits vor anderthalb Jahren geschrieben, lange vor den Attentaten aufs World Trade Center und aufs Pentagon. Der Roman greift ein paar Jahre vor, ist also bei seiner Entstehung ein Zukunftsroman.

Da passieren Sachen, unausdenklich, aber durchaus im realen Rahmen wissenschaftlicher und politischer Möglichkeiten, Dinge, die nicht durchgehen dürfen.

Der Mossad ist scharf auf bestimmte Software-Programme, Sicherheitssysteme, die eine deutsche Firma entwickelt hat. Er will die Firma. Der Firmenchef ist Deutscher, verheiratet mit einer jüdischen Frau Sarah. Ihr Sohn Michael ist mit der Jüdin Tamara befreundet; die zwei wollen heiraten.

Herbert Fleischmann will nicht verkaufen, und so beginnt gegen ihn und seine Firma ein Telefon- und Computer-Terror, von dem man sofort weiß, daß der israelische Mossad dahintersteckt. Während eines Urlaubs in Ägypten soll das Ehepaar sogar ermordet werden. Verschiedene Zufälle machen die Absicht allerdings zunichte.

Der Europa-Chef des Mossad, mit Sitz in Frankfurt am Main, ist ein gewisser Abraham Meir, ein tüchtiger Frontoffizier, ein hervorragender Agent und Geheimdienst-Chef. Für Eretz Israel ist er zu allem bereit. Und er hat eine wissenschaftlich fundierte Vision.

Die Aufgaben eines Geheimdienstes haben sich gewandelt. High Tech steht obenan, und die Genforschung hat nicht nur neue Erkenntnisse gebracht, sie hat der Kriegführung bisher unvorstellbare Mittel bereitgestellt. Im Gespräch ist die sogenannte ethnische Bombe. Gefährliche Viren und Bakterien werden so manipuliert, daß sie nur ausgesuchten Personengruppen, etwa bestimmten Ethnien, schaden können, während die Täter dagegen immun sind. So jedenfalls die Theorie.

In Israel werden tatsächlich genetische Untersuchungen durchgeführt, die herausfinden wollen, was es mit der biblischen Auserwähltheitsidee auf sich habe. Die Kohanim, die seit Aharon von Generation zu Generation sich rein fortsetzende Priesterkaste, wären hiernach die eigentlich Auserwählten. Dies der Anspruch.

Gewisse Konstanten sollen sich genetisch von anderen Menschen unterscheiden.

Abraham Meir, der Mossad-Chef für Europa, ist ein Kohen, also ein Auserwählter der besonderen Art. Dazu mag man nun stehen, wie man will, solange es eine private Marotte bleibt oder eine theologische Kunstfigur. Übergreifend in die Politik, wird die Sache gefährlich oder gar kriminell, wenn man nur an die Konsequenzen denkt.

Kohen Meir ist ein Realist und glaubt nicht an den Friedensprozeß mit den Palästinensern. Damit steht er nicht allein. Aber nun hat er diese abstruse Idee, und als Mossad-Chef in Europa auch die Verfügungsgewalt, den Zugang zu den Geheimnissen, die der Staat für den absoluten Notfall - unter Verschluß - bereithält.

Meir glaubt an die ethnische Bombe, die Israels Feinde ausrottet und die Juden, zumindest die Kohanim, verschont. Und er macht Ernst damit.

Ein verbrecherischer Akt kommt an die Öffentlichkeit, wird aber von der israelischen Regierung dem Osama Bin Laden in die Schuhe geschoben.

Plötzlich erinnert sich der Leser drastisch an die Attentate von Manhattan und Washington, an Amerikas Reaktion darauf.

Abraham Meirs Verschwörung fliegt auf, die beabsichtigten Bio-Anschläge auf die Londoner U-Bahn werden vereitelt.

Die Urheber bleiben geheim. Meir verschwindet in einer Irrenanstalt.

Aber es ist ein Roman. Die Ereignisse sind erfunden. Daß ein Auserwählter Israels den Übeltäter zu spielen hat: die Wahl hat der deutsche Autor getroffen.

Nicht, daß ich solche Vorkommnisse in der beschriebenen Konstellation von vornherein ausschließen möchte. Der Mordanschlag Baruch Goldsteins auf die betenden Muslime und die "Transfer"-Pläne des inzwischen ermordeten Kahane und seiner Organisation Kach (Kraft) lassen gewiß auch schlimmere Hypothesen zu.

Was mich stört, ist die nahtlose Verbindung von jüdischem Fundamentalismus und moderner Wissenschaft, die ja doch die Wissenschaft der Ungläubigen ist, gegen die sich bezeichnenderweise die islamischen Fundamentalisten genauso wenden wie die jüdischen und, nicht zu vergessen, die christlichen, buddhistischen, hinduistischen.

Ulfkotte stellt die moderne westliche Welt überhaupt nicht in Frage, obwohl er in seinen FAZ-Beiträgen doch zu erkennen gibt, daß ihm bestimmte Hysterien in den Medien auf die Nerven gegangen sind; aber vielleicht stichelt er nur gegen die schreibende Konkurrenz.

Die viel ernstere Hysterie, die von den Regierungen ausgeht, kritisiert er nicht. Das fällt einem vielleicht erst hinterher auf.

Der Autor demonstriert seine Sympathien für die westliche Schickeria-Welt. Er hinterfragt ihre Normen nicht, ihr ideologisches Selbstverständnis. Wenn irgendwo irgendwer an Massenmord und Völkermord denkt, kann es nur ein - so oder so semitischer - Fundamentalist sein, ein Verrückter eben, ein Durchgeknallter, der weggeschlossen gehört, einer von gestern mit Vollbart, Kipah und Latschen.

Diese Denkweise, die da eigentlich nur so durchgerutscht ist, spricht das Urteil nicht über die chassidischen Juden, sondern über den Autor Udo Ulfkotte.

Ulfkotte denkt offenbar nicht im Traum daran, daß unsere westliche Welt einen schweren Krebsschaden in sich trägt, der mit - für das Leiden nur symptomatischen - Eliminierungen dieser oder jener Lebensauffassungen eben nicht behoben werden kann.

Wenn es - da mehr, dort weniger verhüllte - Völkermordpläne, Pläne zur Ausrottung ganzer Generationen gibt, so bei den Ideologen und Trägern der westlichen Gesellschaft. Das war - vielleicht - nicht immer so, aber es ist in Jahrhunderten so geworden und nicht mehr wegzuwischen.

Eine Politik der - ich sage: genetischen - Menschenfeindlichkeit hat in Europas Theorien eine lange Geschichte, in der Praxis mittlerweile eine unauslöschliche Blutspur hinterlassen, die nur noch der gewissenhaften Aufarbeitung bedarf.

Allein der Höllenbegriff Bevölkerungsexplosion ist eine Aufforderung zum Genozid. Er erschüttert die Fundamente humanen Denkens, die Grundbedingung der menschlichen Gattung als der Krönung von Gottes Schöpfungswerk.

Die konspirative Parole lautet: Die Zeit ist reif für den Messias. Ein fiktiver israelischer Pilot - bei Ulfkotte heißt er Schlomo Herzl - steuert seine F16 direkt in die Kuppel des Felsendoms, was exakt an das Attentat aufs WTC erinnert.

"Und dort unten würde er jetzt das Gelübde erfüllen, das er Abraham Meir gegeben hatte" (330). Auch der Autor bleibt seinen Prämissen treu.

Wer die messianische Zeit nicht schnuppern will, muß sich die Nase zuhalten. Er darf nicht zuviel sehen, nicht zuviel hören, muß seinen sechsten Sinn abschalten.

Selbst die verrückten Ideen des fiktiven Abraham Meir sind Ausdruck des Imperativs: Hände weg von Israel als dem Überbringer dieser Botschaft!

Udo Ulfkotte und seine ausgesuchten Wunsch- oder Phantasie-Ärzte haben darauf - noch einmal - diese Antwort:

Elf Milligramm Haloperidol, manchmal auch mehr, Tag für Tag, wann immer der Patient sich rührte. Die Pfleger störte es nicht, daß er das Haloperidol anfangs nicht sonderlich gut vertrug. Den meisten Patienten in Kfar Schaul ging es so. Am Anfang litt er unter Zungen- oder Blickkrämpfen, nach ein paar Wochen waren seine motorischen Fähigkeiten massiv eingeschränkt. Wenn er den Arm hob, sah es aus, als ob er am Parkinsonsyndrom litt.

Ulfkotte hat nicht in der angewandten Medizin das Teufelswerk erkannt, sondern aus dem traktierten Hebräer Meir einen Teufel gemacht, hinter dem in Gestalt des Rabbi Ehud Yosef aus Jerusalem auch noch der Oberteufel lauert. Das ist starker Tobak. Ein giftiges Wortkraut:

Rabbi Ehud Yosef hatte etwas von einem alternden Hippie, der sich als Guru selbständig gemacht hat. Er trug einen langen schwarzen Mantel, aus dem unten die braunen Anzugbeine herausragten, ein lockiger grauschwarzer Bart hing ihm lang über die Brust. Sein runzliges Gesicht gab ihm ein greisenhaftes Aussehen, dabei schien er weniger alt als verlebt. Ganz und gar nicht alt wirkten die schwarzen Augen, die tief in den Höhlen lagen und Abramowitz anblitzten. (293)

Merke: Israel eignet sich nicht als Feind für alle Fälle. Nicht zur späten Vergeltung aus Deutschland.

Die Mahnung geht auch an die Gottlosen Israels. Wie sie in Ulfkottes Roman mit ihrem politischen Gegner umgehen, ist der Wirklichkeit glaubhaft abgeguckt. Gott wird sie strafen.

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