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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

2002-09-05

Tor Weilach

Die Domestizierten

Was der Stadt verloren ging

Auch den Dörfern

Auch der Steppe

Die Städte sind verwaist. Ihre Kinder werden in Tagesstätten aufbewahrt oder zwischengelagert. Wenn sie Glück haben, wurde ihnen eine freundliche Erzieherin zuteil.

In jeder Stadt, in jedem Park sind Kinderspielplätze angelegt worden. Unnötigerweise. Die ganze Stadt wäre ein einziger Kinderspielplatz, und die munizipal organisierten Kinderspielplätze mit genormten Schaukeln und Spiralfederwippen, Leitern und Zwischenbalken, an denen sich ein Erwachsener, der dem Kind Hilfestellung geben will, so schön den Kopf stoßen kann, sind ebenso teuer und überflüssig wie jedes andere Spielzeug.

Eigentlich treffen sich auf den Kinderspielplätzen sonntags die jungen Väter und lassen ihre Rangen ein bißchen klettern und laufen. In der Woche kommt dann und wann eine Kindergartengruppe vorbei und belagert den Platz für eine Stunde. Die Erzieherinnen schwatzen miteinander, die Kinder sind sich überlassen. Dann gehen sie wieder ins Heim.

Was für eine Zeit. Die Größeren werden an Ganztagsschulen festgehalten oder gehen nach der Schule in den Hort. Die Stadt ist verwaist, weil die Kinder von ihr ausgeschlossen, nämlich weggesperrt sind.

Es ist ein unglaublicher Zustand, wenn man ihn mit früheren Zeiten vergleicht. Wir leben in der freiesten der Demokratien, und die Kinder sind unfrei wie noch nie. Sie sind domestiziert, kauen an irgendwelchen Industrieprodukten herum, wissen nicht, wie ein richtiges Mittagessen schmeckt, sind seelisch völlig verwahrlost und vereinsamt, aber in strenger staatlicher Ordnung aufgehoben. So was gab es noch nie.

Dabei leben wir in den kinderfreundlichsten Zeiten, die die Welt je gesehen hat. Wie die Frauen, so werden die Kinder gehätschelt und getätschelt, wenn man der Propaganda glauben dürfte. Man darf es aber nicht.

Sie haben aus der freien Welt eine geschlossene Zwangsgesellschaft gemacht, ein Gefängnis mit unsichtbaren Gittern. Die Gefangenen funktionieren ohne äußeren Zwang. Wie im Zoologischen Garten, so leben die Menschen von Kindesbeinen an in Gehegen und Silos.

Die Domestizierten sind ein kollektiver Trauerfall, und ich werde den Gedanken nicht los, daß es etwas mit der Selbstbefreiung der Frau zu tun hat. Die Mütter liefern ihr Kind in der Tagesstätte ab und gehen dann mit ihrem Hund spazieren. Auf Fahrrädern rasen sie über die Fußwege der Parkanlagen, über Uferpfade und Bürgersteige und gefährden die geduldigen Fußgänger.

Aus potentiellen Müttern sind rücksichtslose Amazonen geworden, die den täglichen Sozialismus praktizieren. Die Radfahrernatur - nach oben bücken, nach unten treten - ist dabei, sich zum neuen Nationalcharakter zu verallgemeinern. Kulturpessimismus ist keine Marotte, sondern die angemessene Realitätsbetrachtung.

Was in den Städten längst zum Allgemeingut geworden, das ist es auch in den Dörfern. In israelischen Kibuzzim sieht es für die Kinder nicht anders aus als in New York, London oder Berlin. Mit den Abstufungen halten wir uns nicht auf.

Und in Steppen- und Wüstengebieten, wenn nur die Television sie erreicht, steht es genau so.

Was der Jugend schließlich als die große Freiheit winkt, ist das große Spektakel aus Elektronik und seelischer Verwahrlosung.

Die Welt ist verrottet. Aus der freiesten Zivilisation ist eine Müllhalde geworden. Privilegierte Affen haben sich die Schönheiten der Erde unter den Nagel gerissen und die Menschheit ausgeschlossen. Der Planet der Affen ist unser Planet, wir haben es nur noch nicht richtig kapiert.

Die biblische Hure Babylon ist nichts gegen alles, was wir heute erleben. Wir sind am Ende. Das einzusehen und in seiner ganzen Tiefe zu realisieren, ist der Neuanfang, ist die Wiederbegründung der schönsten und liebsten aller Welten.

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