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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

2002-08-01

Tor Weilach

Die Paläste der Republik

Eindrücke eines Flüchtigen

Die Paläste stehen leer. Das Bundeskanzleramt, die Häuser nach Paul Löbe, Jakob Kaiser und Marie Elisabeth Lüders. Kein Mensch läßt sich blicken.

Drei schmale Türen unter dem Regendach von der Größe eines Tennisplatzes.

An jeder Tür ein Schild: 1) Nur für Abgeordnete. 2) Kein Eingang. 3) Für angemeldete Gruppen.

Sie wollen wohl unter sich bleiben. Das Bundeskanzleramt scheint nicht einmal bewacht zu sein. Die Gewählten und ihre Lakaien halten grad inne. Die Pflicht ruht.

Hinter den Fenstern der Abgeordnetenfassaden sitzt da mal einer und dort. Was machen die bloß?

Die Paläste der Republik erinnern an Waldorf-Schulen oder abgelegene Gewächshäuser. Hängedächer reichen über Abgründe und übertragen die Botschaft, wie es weiter gehen werde.

Die Ländervertretungen sind zusammen gerückt wie ängstliche Häschen. In den Ministergärten ist alles schön gemacht. Man sieht nirgendwo Menschen. Ein nagelneuer Sondersportplatz für die Privilegierten liegt kahl und fremd.

Ein paar hundert Meter weiter geht das Volk durch den verdreckten und ungepflegten Tiergarten - bis zur nächsten Haßparade.

Aber der Grünstreifen, der zum Regierungsviertel führt, ist vom allerfeinsten. Da kann man sich sogar auf die Parkbänke setzen, die anderswo vermorschen und verfaulen.

Eine Bande von Wegelagerern hat sich im Zentrum breit gemacht und vergibt Lizenzen an ihresgleichen. Der DDR-Palast der Republik, ich war für seinen Abriß, zeugt dagegen von einer Menschlichkeit und einer Demokratienähe, die auch in mein Bilderbuch nicht mehr passen will.

Ich bin für die Erhaltung des gesamten - übrig gebliebenen - Ensembles am Lustgarten: Palast und Staatsratsgebäude.

Ich war für den Wiederaufbau des Stadtschlosses. Jetzt fürchte ich, daß mit dem Schloß die neuen Schloßherren Einzug halten werden: die frisch lackierten Neue-Mitte-Bonzen.

Als die neue Friedrichstraße fertig war, dachte ich, der alte Protz ist vom neuen abgelöst worden, Protz ist Protz, und Protz gehört vor der Geschichte demoliert.

Die Hauptstadt geriert sich, als wolle sie den nächsten Bombenkrieg einläuten, eine einzige Provokation des guten Geschmacks in der Politik.

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