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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

2002-07-01

Tor Weilach

Die Entwertung des Antisemitismus

Ein Stück aus dem Tollhaus. Die Inflation der Beschimpfung hilft den Beschimpften und den Gemeinten. So viele Antisemiten in letzter Zeit hätten eine Klassifizierung verdient.

Man müßte diese von jenen trennen, um halbwegs durchblicken zu können. Wenn jetzt auch Reemtsma sich zu Wort meldet, hat der Erbe der Böcke sich zum Gärtner gemacht.

Michel Friedman sollte ein bißchen vorsichtiger sein, wenn er explizit als "emanzipierter Jude" in Deutschland leben will.

Das ist sein gutes Recht, aber was ist ein "emanzipierter Jude"? Wovon hat er sich denn "emanzipiert"?

Ein "emanzipierter Jude" hat sich in der Regel vom Judentum "emanzipiert", wovon denn sonst?

Ein "emanzipierter Jude" ist zum Beispiel Henryk Broder, der sich nicht scheute, in der deutschen Zeit die israelischen Shtetl-Juden lächerlich zu machen, und bei der Maischberger mit der Forderung auftritt, die demokratisch gewählte israelische Regierung Sharon genauso wie den Arafat zu "entmündigen".

Gleichzeitig wettert er wie Friedman gegen die Antisemiten in Deutschland, wo es ja nichts kostet, gegen Antisemiten zu wettern.

Statt dem Möllemann dankbar zu sein, daß endlich mal einer die Sau raus läßt, so daß jetzt jeder sehen und hören kann, wie es ums liberale Bewußtsein in der deutschen Politik bestellt ist, soll der gleich wieder ruhig gestellt werden.

Ich trete ausdrücklich für Möllemanns Recht auf freie Meinungsäußerung ein.

Natürlich hat er auch recht, wenn er dem "emanzipierten Juden" im Zentralrat vorwirft, zum Aufkommen des Antisemitismus seins beizutragen.

Und ich finde es schäbig, wenn die Grüne Claudia Roth gegen den Möllemann wegen "Volksverhetzung" den Staatsanwalt mobilisieren will.

Ein paar Lektionen in Demokratie könnten allen nicht schaden.

Und natürlich hat Friedman recht, wenn er sich empört.

Natürlich kitzelt Friedman allenfalls ein bißchen am eh vorhandenen Antisemitismus, so daß der "sich traut" und plötzlich hervorlugt.

Das kann doch nur gut sein. So wissen wir wenigstens, woran wir sind.

Alle haben ein Problem mit dem Judentum: Möllemann und Friedman, Paul Spiegel wie Der Spiegel und Henryk M. Broder.

Nur in Deutschland sieht es so aus, als würden da Welten auseinander klaffen.

Die - jüdischen und nichtjüdischen - Deutschen sind einander so gleich, daß sie mit dem Theater endlich aufhören sollten.

Aber natürlich haben sie das Recht, ihr Rollenspiel fortzusetzen.

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