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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...
2002-06-27
Das Undenkbare hält Einzug. Das neue Jahrtausend macht den Atlantik vom Verbindenden zum Trennenden. Alles auf den kleinsten Nenner gebracht, ist diese Einschätzung erlaubt und auch ratsam, wenn man die Welt verstehen will.
Europa spreizt sich. Unabhängig vom parteipolitischen Hintergrund suchen und finden die europäischen Länder ihre neue, souveräne Identität.
Europa als Einheit ist noch nicht so weit, daß es sich politisch profilieren könnte. Europa ist, was es immer war, ein geografischer Zusammenhang von Nationalstaaten, die untereinander mehr Differenzen auszufechten hatten als gemeinsam gegen Dritte, Äußere, Andere.
Frankreich finanzierte die amerikanischen Befreiungskämpfe gegen England. Auf dem amerikanischen Kontinent spielten sich die alten europäischen Gegensätze ab. Sie spulten sich ab, es entstand daraus etwas gänzlich Neues.
Die Vereinigten Staaten von Amerika traten schließlich die Nachfolge der Briten an. Und das Vereinigte Königreich ist heute der beste und verläßlichste Partner der USA.
Gegen Mitteleuropa waren sie sich zeitweilig mit Rußland bzw. der damaligen Sowjetunion einig. Auch heute ist diese Konstellation relevant.
Washington spielt gern die russische Karte gegen die Deutschen. Daß jüngst Deutschland und Frankreich den Vorschlag machten, der endlich auch Erfolg hatte, Rußland als vollwertiges Mitglied in den G8(bisher G7)-Club aufzunehmen, sieht nach einem europäischen Schachzug beim Werben um Rußland aus.
Das ist die neue Lage in der Weltpolitik. Dabei geht es nicht mehr nur um Europa, sondern um sehr viel mehr. Bisher hat Rußland immer um Europa und besonders um Deutschland geworben.
Die neue amerikanische Machtstrategie bestimmt Europa zum Konkurrenten und potentiellen politischen Gegner.
Europa braucht einen neuen Partner, wie Rußland ihn von jeher nötig hat.
Die Präsidentschaft Putins ist das Regiment einer Übergangszeit.
Europa steht vor der zwingenden Notwendigkeit, sich politisch einig zu werden. Frankreich und Deutschland als organisiertes "Kerneuropa" müssen dies in die Wege leiten. Daran kann Amerika nicht sonderlich interessiert sein.
Im Moment sind wir Zeugen eines Doppelspiels allenthalben. Niemand sagt, was er wirklich will, aber die Situation ist wie ein offenes Buch schon seit langem lesbar.
Am klarsten ist die traditionelle Strategie Rußlands. "Ein alter Geheimdienstgrundsatz lautete, Quellen nicht zu verschütten, sondern offen zu halten" (Der Mann aus Grosny. Seine Spur führt nach Berlin... Seite 44). Wladimir Putin, einst in Dresden ein tüchtiger KGB-Offizier, hat seine Hausaufgaben gemacht.
Rußlands Vorgehensweise ist leicht zu skizzieren. Es will Deutschland und damit Europa für sich gewinnen. Die Deutschen sträuben sich bislang. Da spielt nun die neue weltpolitische Entwicklung hinein.
Die USA sind bestrebt, nach dem Zerfall der Supermacht Sowjetunion die alleinige Weltherrschaft zu organisieren und auszubauen. Der Schlüssel zu diesem Vorhaben ist der "Antiterrorismus" mit seinen bündnispolitischen Implikationen.
Die USA agieren und reagieren mit ständig abnehmender Rücksicht auf ihre westeuropäischen Verbündeten.
Die alte Schutzmacht Amerika wird den Deutschen zu einem Problem, dem sie sich auf die eine oder andere, meist ungeschickte Weise zu entziehen suchen. Hier setzt die russische Überlegung ein.
Die Moskauer und Petersburger Schachmeister werben jetzt nicht um die Deutschen, sondern machen gemeinsam mit den Amerikanern eine Politik auf Kosten der Europäer.
So gerät besonders Deutschland in eine Situation zwischen Baum und Borke. Der - auf dem G7/G8-Gipfel angenommene - deutsch-französische Vorschlag, Rußland zum vollwertigen Mitglied der Runde zu machen, ist die reife Frucht, die nun den Russen in den Schoß gefallen ist, ohne daß Putin sich an Ort und Stelle große Mühe geben mußte.
"Kerneuropa" entwand sich - intentionell - der neuen Zwangslage und landete beim ehemaligen Kalt-Kriegs-Gegner in Moskau.
Wladimir Putin hatte als einziger Konferenzpartner Grund zum Lächeln, und er lächelte auch als einziger am runden Tisch.
Die Schacherfolge der Russen stehen traditionell im deutlichen Widerspruch zu ihren Fähigkeiten, das innere Rußland in Ordnung zu bringen. Das ist hier nichts grundsätzlich Neues. Moskaus Strategie ähnelt der vatikanischen, die auf Jahrhunderte angelegt ist. Für uns neu sind die nun erforderlich werdenden Konsequenzen.
Rußland wurde nie als möglicher Partner in einer weit ausgelegten Kontinentalpolitik in Erwägung gezogen.
Andererseits behandeln wir solche Fragen nicht ideologisch und schon gar nicht dogmatisch. Die kokhavischen Warnungen vor Rußland waren und bleiben gut begründet.
Ein undemokratisches Rußland kommt ebensowenig als Partner in Betracht wie ein undemokratisches Palästina für Israel.
Die nominellen Demokraten und verbalen Demokratiebekenntnisse Rußlands sollen deshalb nicht abgewertet werden.
Aus Rußland erreichen uns viele freie Stimmen. Die Russen scheinen auf die mit dem Sturz der UdSSR gewonnenen Freiheiten nicht verzichten zu wollen, und das zählt.
Die geopolitischen Empfehlungen und weltpolitischen Zwänge könnten entspannter betrachtet werden, als dies noch vor kurzem greifbar erschien.
Alte russische und eurasische Ideen und Theorien bieten sich an, von neuem bedacht zu werden.
Auch von Mitteleuropa sollte eine neue Philosophie der weltpolitischen Grundsätze ausgehen. Ein Komplementär-Konzept, das aufhorchen ließe.
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