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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

2002-06-15

Tor Weilach

Ich weiß und weiß nicht

Ich bin in meinen Eselszeiten damit beladen worden, nun werde ich es nicht mehr los. Mit diesem Packzeug habe ich mich abzugeben, mit ihm ist ein Unwiderrufliches eingeleitet worden.

Wenn ich mich wiederhole oder wiederhole, was andere gesagt haben, will ich es gern auf mich nehmen, will ich auch dies auf mich nehmen. Denn mein ist dein Herz.

Das fällt in die Sparte des Nichtwissens, allerdings mit einer Gewißheit, die Irritationen nicht zuläßt.

Meine Möglichkeiten sind begrenzt. Eine innere Wiedersprüchlichkeit steht der Indolenz dessen gegenüber, der aus seinem Nichtverstehen eine Tugend gemacht hat.

Man muß nicht alles wissen, vor allem nicht, was einen selbst angeht. Sein inneres Wesen offenbart sich zwar so oder so, denn alles zeigt seine Symptome, die enträtselt werden können, doch Blindheit ist ein Selbstschutz, unter dem du dich ausruhen kannst.

Ich weiß, daß es so ist, weiß aber nicht, wie das, was ist und was ich weiß, sich im einzelnen und in seinem Innern verhält, wie es sich zuträgt. Ich weiß daß, weiß aber nicht wie und was konkret.

Ist dazu eigentlich noch mehr zu sagen? Vielleicht habe ich schon zuviel gesagt.

Journalisten, heißt es, wissen mehr, als sie schreiben, sie offenbaren nicht ihren Hintergrund, nicht die Quellenlage für ihre Arbeit.

Dichter schreiben mehr, als sie wissen. Dichtung lebt aus dem Unwissen, aus dem, was der Mensch nicht wissen kann, was er nur ahnt.

Die Literatur liefert nicht die Fakten, sie bereitet sie nicht um ihrer selbst willen auf. Das Wie, gewissermaßen die Moderation, der Stil, die Verwendung der Sprache macht aus der geschilderten Faktenwelt eben Literatur.

Ich gehe behutsam vor, lasse den subjektiven Genius beiseite, denn schon das Attribut weist auf eine Unterwerfung hin. Das Subjekt ist nicht der Autor, also eigentlich ein unbrauchbares Moment, gar nicht Motor. Die deutsche Begriffsanwendung bremst die Erkenntnis.

Wenn wir freilich die Sprache als die Autorität akzeptieren und respektieren, die das letzte Wort hat, die es zuläßt, daß aus den einzelnen isolierten Lauten und Wörtern sinnvolle Worte werden, die aus sich, besser noch in sich Zusammenhänge bzw. den Zusammenhang an und für sich herstellen, stellen wir unser Unwissen in den Dienst eines höheren Wissen, das vermittels der Sprache uns teilnehmen läßt am Unergründlichen. So offenbart sich die Sprache als unser Genius.

So bilden Wissen und Nichtwissen eine Einheit, die sich als Nicht oder Doch, Ja oder Nein nicht mehr definieren läßt. An die Stelle von Entweder-oder tritt das entschiedene Sowohl-als-auch.

Das Ich weiß, daß ich nicht weiß des Sokrates kommt dem nah, die philosophische Emanzipation vom Göttlichen zeigt hier allerdings ihre negative Seite. Sokrates' relative Agnosis kommt aus dem Gottesverzicht oder dem Gottesverlust der griechischen Philosophie.

Ein Versuch, die Verbindung zwischen Athen und Jerusalem wieder herzustellen, die von der Wahrheit abstrahierte menschliche Erkenntnisfähigkeit in der Gotteserkenntnis wieder zu konkretisieren, wurde im christ-orthodoxen Raum unternommen - allerdings mit kaum erkennbarer Relevanz.

Europa ist dem Atheismus verschworen und nicht bereit, sich glaubhaft und ernsthaft den Göttern, gar dem Gott der Bibel wieder zuzuwenden.

Insofern hat nun das Kirchenchristentum des katholischen Mittelalters einen Erfolg zu verbuchen, indem nämlich Glauben und Wissen, Religion und Erkenntnis hier unheilbar und unversöhnt von einander getrennt sind.

Postreligiöse Mischformen aus Weltanschauung und politischer Philosophie treten als sozialistische oder faschistische Ideologien auf.

Ein seelischer Bedarf hatte zeitweilig eine Erfüllung gefunden, stand aber bald vor den historischen Folgen der Unzulänglichkeit pervertierter Heilsversprechen.

Siehe auch:
Avram Kokhaviv: Die Schriften entheiligen

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