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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

2002-07-23

Felix Pech

Die Wasserschleife

Die Not ist groß. Das Wasser wird knapp. Will man den Berichten glauben, so haben wir bald ein Wasserproblem, gegen das die geläufigen Energieprobleme sich winzig und vor allem weniger brisant ausnehmen.

Man kann auch sagen: daß die verschiedenen Energieträger verschiedene Probleme und damit verschiedene Arten von Interessenträgern mit sich bringen, oder umgekehrt, wer weiß.

Und noch etwas. Will ich mit einem Kohleland Krieg führen, muß ich mir was zur Kohle einfallen lassen. So ist es auch mit dem Öl und anderen Naturschätzen, solange die Märkte nicht abgesteckt sind.

Wasser bringt einige Probleme mit sich, die nichts miteinander zu tun zu haben scheinen.

Wir haben im Nahen Osten eine komplizierte Lage, wenn es ums Wasser geht. Israel hat sich mit den Vorwürfen herum zu schlagen, zuviel Wasser zu verbrauchen. Zum Beispiel.

Wasser ist zum Waschen da, und in Israel wurde immer viel geduscht. Man ging großzügig mit dem Wasser um.

Die Wassertarife der sechziger Jahre waren so gestaltet, daß die Kibbuzbewohner dazu angehalten wurden, recht viel Wasser zu verbrauchen, um die Kosten niedrig zu halten.

Heute ist es anders. Und man muß sich fragen, warum das so ist. Was hat sich seitdem eigentlich geändert?

Ich las einmal in einer Statistik, daß auf die privaten Haushalte unserer modernen Gesellschaft etwa 4 bis 5 Prozent des Wasserverbrauchs entfallen.

Na ja, könnte man sagen, da haben wir's: die Bevölkerungszahl ist in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen. Das ist der Grund. Aber die Logik sagt uns sofort, daß es so nicht sein kann. Es muß andere Gründe geben.

In der erwähnten Statistik wurde der Grund bereits genannt: die Industrie verschwendet so ungefähr den Rest.

Wasser hat einen wichtigen Anteil an jeder Produktion. Wo gekühlt wird und wo es dampft, ist Wasser mit im Spiel. Kühl- und Heizungssysteme beruhen auf der Zirkulation von Wasser.

Was aber meines Erachtens nicht oder kaum bedacht wird, ist das Besondere: die Konserven- und vor allem die Getränkeindustrie.

Von dem Wasser, das uns zur Verfügung steht, wartet eine Riesenmenge in verschlossenen Büchsen und Flaschen auf den Verbrauch.

Jedes Getränk - Biere, Limonaden, Säfte, Selters - besteht zu fast 100 Prozent aus Wasser.

Jedes Obstglas, jede Getränketüte enthält Wasser, Wasser, Wasser. Aus Angst vor unreinem Leitungswasser - die Berliner Wasserwerke "verzichten" seit langem auf die letzte Feinreinigung des traditionell guten Berliner Wassers - wird mehr und mehr Wasser in Flaschen gekauft, das mit der Abfüllung erst einmal in die Warteschleife kommt.

Das von der Getränkeindustrie bereitgestellte Wasser ist dem Kreislauf entzogen und wartet in einer großen Wasserschleife.

Den Menschen wird ständig empfohlen, nicht so viel Wasser zu verbrauchen, beim Waschen und Spülen mit Wasser zu sparen.

Das auf diese Weise "verbrauchte" Wasser ist jedoch nicht verbraucht, sondern fließt unentwegt durch Rohre, Kanäle. Mit ihm wird der Kreislauf nicht unterbrochen.

Aber die Industrie hütet eine Wasserwarteschleife, die dem Zyklus fehlt.

Wenn es jetzt im Nahen Osten, falls nicht bloße Politik dahinter steckt, tatsächlich ein Wasserproblem gibt, dann hängt das mit der gewachsenen Industrielandschaft zusammen.

Eine hochentwickelte Industriegesellschaft verschwendet das Wasser, das den weniger entwickelten dann fehlt.

Getrunken wird heute aber überall. Wo sich die Menschen das teure Flaschen- oder Büchsengetränk nicht leisten können, wird weniger verkauft, bleibt mehr in der Warteschleife.

Man kann es drehen und wenden, wie man will. Das fehlende Wasser ist nicht verbraucht, sondern wartet unverbraucht in irgendwelchen Kartons, Kisten und Fässern.

Wassermangel entsteht nicht durch Verbrauch, sondern durch Abzweigung und Lagerung.

Und ich habe den Verdacht, daß die Umweltpolitik mit der Getränkeindustrie im Bunde steht.

Eine gesunde Ökologie müßte die Zirkulation sichern und nicht von "Wasserknappheit" reden. Die Industrie hat sich das kostenlose Naturprodukt Wasser angeeignet und macht ein Milliardengeschäft daraus.

Eine gesunde - menschenfreundliche, nicht menschenfeindliche - "Umweltpolitik" ist - oder wäre - eine Gesundheitspolitik, die nicht die "Umwelt" vor dem Menschen, sondern den Menschen vor seiner "Umwelt" schützt.

Reines Leitungswasser, reine Luft, reines Stadtbild, Beseitigung von Lärmquellen... Was den fünf Sinnen des Menschen gut tut, hat - oder hätte - den ersten Platz auf der Liste einer menschenfreundlichen "Umweltpolitik" - sprich: Gesundheitspolitik - zu beanspruchen.

Wer reines Leitungswasser trinkt, tut etwas gegen die Wasserknappheit und für seine Gesundheit. Reines Leitungswasser gibt einer Großstadt die Seele - zurück.

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