2002-07-03
Dieser Zusammenhang wollte entdeckt sein. Am 13. August 1961 wurde in Berlin die Mauer gebaut. Es war die sichtbar totale Niederlage und Kapitulation des mittel-ost-europäischen Sowjetregimes.
In Berlin gab es ein paar Versuche, die Erbauer an ihrer Arbeit zu hindern und das Erbaute wieder einzureißen.
In der Wilhelmstraße hatte eine Gruppe junger Männer auf dem Trümmerhaufen des ehemaligen Gestapo-Geländes einen Balken gefunden.
Vereint unternahmen sie es, die Mauer der ersten Stunde zu rammen.
Daraus wurde aber nichts.
Von östlicher Seite kamen Drohrufe, und im Westen fuhr, wie gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten, die Polizei auf, um Schlimmeres zu verhüten.
Das waren die letzten Bewegungen, die sich schnell verliefen. Wir hatten in Berlin eine neue Situation, und auf neue Weise wurde reagiert.
Es war nicht sofort klar, daß sich Grundsätzliches auch für die Menschen im Westen geändert hatte. In erster Linie galt die Mauer natürlich den Flüchtlingen. Der tägliche Aderlaß sollte unterbunden werden.
Im Westen änderte sich eher unauffällig, aber auch nicht mehr aufzuhalten, die allgemeine weltpolitische Sicht.
Wie sich mit dem Mauerabriß knapp dreißig Jahre später die Orientierung neu ordnete, so war es in den Jahren nach dem Mauerbau.
Ich glaube, daß mit dieser neuen Situation auch eine Umorientierung nach Israel vor sich ging.
Ich habe da ein Beispiel vor Augen. Eines Abends klingelt es an der Wohnungstür eines Westberliner Bürgers, vielleicht war es an einem Samstagnachmittag. Draußen stehen zwei junge Männer und bitten um Gehör.
Es sind Bibelforscher, Zeugen Jehovas, die sich mit ihm über die Heilige Schrift unterhalten möchten. Er bittet sie in die Wohnung. Am großen Wohnzimmertisch nehmen sie nun gemeinsam Platz. So beginnt eine lange Serie von Besuchen.
Es kommt bald nur noch einer von beiden, der ein beträchtliches Buchwissen an den Tag legt. Irgendwann bringt er seine hübsche Frau mit.
Es entwickelt sich eine vertrauliche Atmosphäre, in der viele Gedanken ausgetauscht werden.
Der dozierende Gast trifft auf ein starkes Interesse, aber auch auf Widerspruch, als er seine Position klärt, wonach die Juden von heute nicht mehr das Volk Gottes seien.
Sie sind durch die Zeugen Gottes gewissermaßen ersetzt worden.
Die Treffen wurden eines Tages abgebrochen. Der Gastgeber klärte darüber auf, wer er sei, was er denkt, wie er die Zukunft der Religion einschätzt.
Israel war für ihn nicht nur ein abstrakt heiliges Land, sondern eine konkrete politische Wirklichkeit mit ihren geschichtlichen Ursachen. Einige Jahre danach wanderte er aus.
Was nun an diesen Vorgängen nachdenklich stimmen kann und auch aufschlußreich ist, das sind die zeitlichen Umstände.
Israel hatte bis zum Mauerbau keinen besonderen Platz in seinem Denken. Das Hauptaugenmerk richtete sich auf die deutsche Teilung, die Spaltung Berlins, auf den weltanschaulichen Streit der Demokratie mit der sowjetischen Diktatur.
Diese geistige Auseinandersetzung stand im Vordergrund und nahm die volle Aufmerksamkeit für sich in Anspruch.
Westberlin war das Schaufenster der freien Welt. Hier kam sie zusammen. Es lohnte sich, hier zu leben, es war ein geschichtliches Privileg, hier leben und arbeiten zu dürfen.
Frei nach den Appellen Ernst Reuters schauten die Völker der Welt auf diese Stadt. Westberlin war das neue Jerusalem. Die Heilsbotschaft hieß Freiheit!
Das änderte sich abrupt mit dem Bau der Mauer. Denn auch im Westen blieb die Politik und die Gesellschaft nicht frei von dem Gedanken, daß die endgültige Teilung doch wohl das Beste für beide Seiten wäre.
Die Ideale gingen mit der Zeit vor die Hunde. Freiheit galt nicht mehr wie bisher als das Höchste.
Vielleicht sollte man sich nach einem anderen Jerusalem umschauen.
In dieses Klima trat der Mann mit der Bibel und eröffnete das Gespräch mit dem Juden, der sich um die heiligen Schriften bis dahin nur wenig gekümmert hatte.
Sein intellektuelles Interesse galt der deutschen und der griechischen Philosophie, aber auch der Psychoanalyse.
Freuds Mann Moses hatte in ihm die erste Kritik am leichtfertigen Umgang mit der hebräischen Tradition erregt. Der Boden für die vertiefte Auseinandersetzung mit den Schriften war bereitet.
Auch der Bau der Mauer blieb schließlich ein ausführender Akt, der sich in ein übergeordnetes Fügen und Walten ordnete. Das war damals noch nicht so deutlich, in Ansätzen jedoch bereits greifbar.
Im Jahr des Mauerbaus fand der Prozeß gegen Eichmann statt, der aus seinem südamerikanischen Unterschlupf vom Mossad nach Israel entführt worden war.
Die Beschäftigung mit Karl Marx brachte ähnlich wie das Studium Freuds die Erkenntnis, daß es doch besser und nützlicher wäre, sich gleich dem Original zuzuwenden.
Die Abtrünnigen Marx und Freud, so sah er sie nun, sollten endlich an den von ihnen in Frage gestellten hebräischen Überlieferungen gemessen werden.
Selbstbefragungen, philosophische Interessen, Mauerbau und immer wieder die Erkenntnis, daß alles, was die Gesellschaft an Regeln und Gesetzlichkeiten zu bieten hatte, letztlich relativ sei, das alles wollte Antworten, suchte nach den Quellen des zeitlos Gültigen. Es stand nur als Spurenelement in den staatlich relevanten Rechtsvorschriften.
Alles lief auf den Mauerbau zu und in ihm zusammen, gänzlich unabhängig von den politischen Zwängen und Absichten, die dazu geführt hatten. 1961 war ein Grenzjahr, ein Schnitt in der Geschichte der Nachkriegszeit und des Kalten Krieges.
Jetzt erleben wir den Mauerbau Israels zum Schutz vor den Palästinensern. Das ist ein merkwürdiger Zirkelschluß.
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