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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...
2002-07-03
Keine Sprache ist eine Fremdsprache. Jede Sprache ist mit jeder anderen Sprache verwandt. Also ist auch Russisch keine fremde Sprache. Wem sie dennoch fremd erscheint, der hat kein Sprachproblem. Er muß sich an Rußland gewöhnen, dessen Sprache das Russische nun einmal ist.
Eine starke Ambivalenz tritt hervor. Die russische Sprache ist eine schöne, wohlklingende Sprache. Wer sie spricht, kann mit Sympathien rechnen. Die Menschen und ihre Sprache sind dazu angetan, Freunde in der Welt zu gewinnen. Wäre da nicht diese quantitative Seite der Angelegenheit.
Die Sprache ist die Seele des Volkes. Eine angenehme Sprache verspricht eine wohltuende Seele des Menschen, der sie spricht. Die Muttersprache ist der wohlklingende Wider- oder Nachhall der sich von Kind zu Kindeskind weitergebenden Seele. Diese Art Seelenwanderung ist anderer als der gewohnten Natur.
Schöne Seelen sind wie das Meer, sie sind Musik in den Ohren und Herzen der eroberten Menschen. Nachbarn und Fremde. In den Gesängen der Taiga lockt eine Gefahr.
Die Gesänge expandieren und mit ihnen die russische Seele. Rußlands Kunst der Betörung ist ein Instrument der Eroberung. Wie die Kirchenglocken einer Großstadt hüllen die Melodien der russischen Seele den Abend der Steppendörfer ein.
Hinter den Gesängen verbirgt sich das russische Bewußtsein, von Gott gesandt zu sein, um die Welt, wenigstens aber die halbe Welt zu erlösen. Die russische Seele ist so naiv, zu glauben, daß die Menschen noch nicht wüßten, was Rußland ihnen sagen möchte.
Vielleicht liegt es an der Amusikalität der Welt, daß sie das russische Angebot für eigene Zwecke nutzt, aber Rußland als Dirigenten und Intendanten nicht anerkennt. Rußland ist hochgradig bauernschlau.
Rußland ist vieles, genügt jedoch seinen Ansprüchen nicht. Es eignet sich nicht zum Herrn der Welt. Sein künstlerisches Genie ist ihm zu Kopf gestiegen. Wer schön singen und musizieren kann, der tauge zu allem andern auch.
Ein Maßstab aber bei der Beurteilung Rußlands ist nicht die Perle der Kunst, sondern das liegen gebliebene Riesenland, das der gezuckerten Perle schnurzpiep ist.
Solange Rußland in seinem allgemeinen Zustand verharrt, kann es sich den Luxus der besonderen Selbstbewunderung nicht leisten.
Eine elitäre Schickeria und Gesellschaftsnomenklatura, die das Volk hungern und mit seinen Sorgen allein läßt, ist eine verantwortungslose Kaste, die der Teufel holen soll.
Rußland hat ein Bewußtseinssyndrom. Rußland ist ein Bewußtseinssyndrom. Rußland ist halt so, wie es ist. Es wird sich nicht ändern, allenfalls an der Oberfläche ein wenig den Eindruck moderieren. Rußland ist kein dummer Riese. Rußland, bleib bei deinem Leisten, das heißt mehr oder weniger, daß Rußland in seinem Wolkenkuckucksheim bleiben solle.
Jedesmal, wenn es mit seiner Macht auftrumpft, seine kleinen Nachbarn belehren und die großen beeindrucken will, macht es sich mit seinen blutigen Händen auch noch lächerlich.
Rus ist rot. Rus ist ein Kopf, der ständig errötet. Rus wird rot vor Verlegenheit... Das Rotwerden ist ein wiederkehrendes Erkennungszeichen in der russischen Literatur.
Es spricht für eine gesellschaftliche Unausgereiftheit und Unsicherheit. Möglich, daß sich die einen für die anderen immer wieder schämen müssen.
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