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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

2002-06-11

Felix Pech

Hier irrt mein Freund Krakel

Meine Welt ist vergangen, das ist richtig. Die Jahre der Besatzung, die fünfziger und sechziger Jahre, das war meine Zeit. Es ging alles verloren, was mir damals wert war.

Stets fürchtete ich die Machtübernahme durch die Deutschen. Es war verrückt. Wie kann man sich wünschen, daß die Besatzungsmächte bleiben, wie darauf bestehen, daß sie unsere Freiheit garantierten.

Selbstverständlich taten sie es in ihrem Interesse, aber diese Zeit hatte ihren eigenen Esprit. Berlin war nicht nur das Schaufenster der freien Welt, es lebte sich hier gut, weil wir unsere Träume hatten und sie uns nicht nehmen ließen.

Die Fronten waren klar, wir wußten, was wir wollten und nicht wollten.

Wenn Louis Armstrong nach Berlin kam, was wir West-Berlin nannten, auf welchen Ehrentitel wir den größten Wert legten, in die Stadt der Freiheit, die Stadt freien Geistes, der intelligenten Kabaretts, der Diskussionen und Vorträge an der Freien Universität...

Die Badewanne in der Nürnberger, Haus Femina, die Ewige Lampe in der Rankestraße, die Eierschale am, mein Gott, wie heißt dieser Platz bloß, ach ja, Breitenbachplatz, wer einen Namen in der Welt hatte, kam nach Berlin, fühlte sich hier wohl und kam bald wieder.

Die Wühlmäuse in der Martin-Luther-Straße, die Stachelschweine, die Insulaner, das Reichskabarett hinterm Amerika-Haus am Bahnhof Zoo.

In Berlin zeigte sich Amerika von seiner besten Seite, wir waren Amerikaner, was mir erst in Israel auffiel, wo ich in Tel Aviv ähnliches an den Israelis erlebte. Da hatten sich unsere Illusionen aber schon verflüchtigt.

Als die Deutschen Stück für Stück die Stadt wieder übernahmen, kriegten die Kabaretts schöne neue Häuser, der Flughafen Tempelhof innere Gitter, die Parkanlagen die alten preußischen Schienbein-Eisenzäune. Mit den Deutschen zog die alte Enge und Schikane wieder ein.

Es bestand ein großer Widerspruch zwischen dem Mythos West-Berlin und seiner inneren Wirklichkeit. Und der ließ sich im Nu aufklären.

Der Mythos, das waren die Alliierten, die uns schützten und verteidigten, die unsere Freiheit absicherten, wahrscheinlich gegen unsere deutschen Ordnungsfanatiker.

Denn sowie die deutsche Hand irgendwo ins Spiel kam, war es bald aus mit der Freiheit. Der Mythos entstand aus der Diskrepanz zwischen der westlichen Demokratie und ihrer deutschen Anwendung und Interpretation.

Da gab es so merkwürdige Bezeichnungen, die von der Freiwilligen Selbstkontrolle bis zur Freiheitlich Demokratischen Grundordnung reichten, was später als "FDGO" in die Geschichte der Alternativ- und Underground-Presse satirisch einging, die allerdings für sich eine besondere Variante des Deutschtums an den Tag legte.

In Deutschland kann man eben authentisch nur Deutsches erleben, wenn man sich keine Illusionen macht, von denen wir damals aber lebten und leben konnten.

Die Freiheit des Westens war die Illumination unseres Flüchtlingsdaseins. Sie hielt uns am Leben, gab uns Hoffnung. Ohne sie wären wir wahrscheinlich versottet und versumpft.

Den Bau der Mauer feierte ich als einen Sieg über die Sowjettyrannei, die damit ihren Bankrott erklärte.

Aber damals begann auch die seltsame Entwestlichung unserer Stadt, die bald nicht mehr unsere Stadt war.

Siehe auch:
Lex Krakel: Felix Pech kann nicht mehr schreiben

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