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Der Krieg ist der Vater der Dinge. -HERAKLIT
1995-07-30
Aus einem Brief an
Ihre aufregenden Briefe (Dezember 1991 - Februar 1995) an verschiedene hebräische Zeitungen, die kurze Dokumentation von Pressebeiträgen zur Zimmerman-Affäre und Ihr Skript (Jerusalem and the Jews) zur Jerusalem-Konferenz in London finden einerseits meine Zustimmung, lassen mich andererseits fragen, ob da nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet werde, was schließlich vom Judentum noch übrigbleibe.
Damit aber nehmen Sie den Juden Israels die historische Legitimation für ihre nationale Anwesenheit in Palästina. Wohin soll das führen?
In letzter Konsequenz haben wir dann wieder die Situation von vor 1933. Eine jüdische Diaspora, vom Judentum emanzipiert, an einer friedlichen Assimilation durch die nicht-jüdische Gesellschaft gehindert, findet sich zwischen Baum und Borke, in einem gefährlichen Niemandsland, wieder. Manchmal frage ich mich, ob dies nicht der eigentliche Grund für die Judenverfolgungen war.
Ihre Verteidigung der Gleichheit vor dem Gesetz, der demokratischen Freiheiten, des Rechts auf freie Meinungsäußerung, der Freiheit der Wissenschaft gegen die hybriden Anmaßungen des jüdischen Fundamentalismus ist ehrenhaft und unerschrocken.
Im internationalen Vergleich haben wir freilich zu beachten, daß eine Diskussion, wie Sie sie in dem "unfreien" Israel heute führen können, im "freien" Deutschland, im "freien" Frankreich, in der "freien" Schweiz, im "freien" Österreich strafrechtlich verfolgt wird. Die Strafandrohungen betreffen allerdings nur Nichtjuden.
Die Tendenzen, die Sie in Israel beobachten und bekämpfen, scheinen also weltweit, Sie erwähnen dazu auch die USA, nicht nur die öffentliche Meinung, sondern auch das Rechtsleben zu bestimmen.
Wenn ich oben sage, daß womöglich "das Kind mit dem Bade ausgeschüttet" würde, wenn man Ihren Thesen folgte, so meine ich damit die Sprache der Bibel, das antike Hebräisch, die Sprache der Phönizier, in deren Struktur noch etwas aufgehoben ist von dem, was die Ursprache gewesen sein mag. Ich meine, die "Heiligkeit" dieser Sprache (und ihrer Schrift) beruht auf ihrem unvorstellbaren Alter; darauf, daß sie uns Zeugnis ablegt aus archaischer oder vorantiker Zeit.
Sie bestreiten die Existenz bzw. die Wirksamkeit einer "jüdisch-christlichen" Kultur, lehnen auch den Gedanken einer "abrahamitischen" Tradition als "nonsense" ab. Immerhin ist mit dieser Tradition die Idee des Monotheismus verbunden, einer, wenn Sie so wollen, "religiösen" Vorbedingung aller Wissenschaft, der es letzten Endes immer nur um "richtig" oder "falsch", "gültig" oder nicht, "wahr" oder "unwahr" zu tun ist, mit anderen Worten: um die eine Wahrheit.
Lassen wir von der "jüdisch-christlichen" Zivilisationsgeschichte alles weg, was zeitbedingt ideologisch Verwendung findet, so bleibt uns immerhin noch der entscheidende Rest: Das Christentum führt sich auf den gesamten TNaKh zurück. Im Neuen Testament werden fortwährend Fäden aus dem Alten aufgenommen. Es kommt hier also auf das christliche Selbstverständnis an.
Desgleichen beim Islam: Der Quran basiert nach islamischem Verständnis auf der Offenbarung Gottes, und diese Offenbarung an Mohammed enthält ausdrücklich die vorausgegangenen Offenbarungen als Torah und Evangelien.
Der Vorzug des Islam gegenüber dem Christentum liegt in der fortwirkenden Anerkennung dieser Offenbarungen; während das Christentum das Judentum "ablöst" bzw. "erfüllt", ihm, dem Judentum, also fürderhin keine Chance mehr gibt, bettet der Quran kraft Offenbarung beide - Christentum und Judentum - in Gottes Geschichte auf Erden mit ein.
Der Unterschied zwischen dem islamischen Fundamentalismus und dem jüdischen Fundamentalismus ist der zwischen Universalismus und Ethnozentrismus. Während der jüdische wie auch jeder andere Ethnozentrismus alles, was ihm nicht gleicht, ausschließt, ist im islamischen Universalismus Platz für alle Buchreligionen.
Die islamische Toleranz ist grundsätzlicher Natur. Das Christentum muß sich selbst überwinden, wenn es das Judentum wieder "anerkennen" will oder soll. Das Judentum erkennt ohnehin nur sich an. Alles andere ist eine Machtfrage.
Ich denke, daß ein islamisches Reich, dem sich auch Israel/Palästina zu integrieren hätte, eine bessere Lösung wäre als die von Ihnen bevorzugte, an Aufklärung, Französischer Revolution und Atheismus orientierte Auflösung bzw. Überlebung aller Religionen. Ich erinnere daran, daß die "Fundamentalismen" eine post-aufklärerische Erscheinung sind.
Wenn wir die Aufklärung nicht verlorengeben wollen, müssen wir sie gegen ihre fatale Dialektik (Horkheimer, Adorno) absichern, indem wir sie auf die alten, erprobten und unwiderlegten Fundamente stellen.
Die eigentlich jüdische, nachbiblische Literatur zählt in meiner Sicht nicht zu den Fundamenten, ist sekundärer Art, allemal lesenswert, doch ohne jeden Gesetzescharakter. Das gilt für die talmudischen Schriften, für Maimonides, Joseph Karo: alles wichtige Zeugnisse und Zeugen, doch - verglichen mit der Torah - ohne bindenden Charakter.
Die Exilliteratur machte gewiß aus der Not eine Tugend. Der Frevel aller post-toranischen "Halakhah" liegt in ihrer Torahwidrigkeit; daß sie die Lehre auf den Kopf stellte, aus der besonderen Verantwortung ein Privileg machte. Die talmudische Selbstheiligung des jüdischen Volkes ist die reine Blasphemie, ist Häresie par excellence.
Indem wir uns aber auf die Fundamente besinnen, haben wir plötzlich eine Chance, die heutigen Konfliktstoffe als wirklichen Nonsense aufzulösen. Wir brauchen die Völkermordbefehle an Yehoshua nicht weiter zu beachten, wenn wir erkennen (akzeptieren oder nicht), daß sie - ontologisch, theologisch - gegen "götzendienerische" Religionen gerichtet waren.
Der jüdische Extremismus von heute muß lernen oder an dieser Wahrheit zugrundegehen, daß seine aktuellen "Feinde", die er vertreiben will, keine "Götzendiener", keine Heiden sind, sondern an denselben Gott glauben, ihn anbeten und anflehen, den Gott Abrahams, Ismaels, Israels...
Die jüdischen Fundamentalisten Israels kommen dreitausend Jahre zu spät. Sie verstehen die Welt nicht mehr. Insofern sind sie mit den islamischen Fundamentalisten keineswegs zu vergleichen.
Die islamische Revolution versteht sehr wohl die Welt. Sie hat nämlich begriffen, daß die moderne westliche Welt einen Krebsschaden hat, den wir mit vielen Namen belegen können.
Das Projekt der Islamisierung läuft nicht Gefahr, in Europa, insonderheit Deutschland von "falscher" Seite aufgegriffen zu werden.
Der israelische Geschichtsrevisionismus hat einen deutschen Bruder, der die innerisraelischen und innerjüdischen Auseinandersetzungen gern aufnimmt, ohne dabei auch sich selbst zu überprüfen. Es gibt da Idiosynkrasien, die bisweilen unüberwindbar erscheinen.
Ich könnte mir vorstellen, daß am ehesten ein "revisionistischer" Verlag in Deutschland sich für Ihre Arbeiten interessiert.*
*Prof. Shahak dachte an eine deutschsprachige Ausgabe seines Buches:
Israel Shahak, Jewish History, Jewish Religion. The Weight of Three Thousand Years
Foreword by Gore Vidal
First published 1994 by Pluto Press, London
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