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Der Krieg ist der Vater der Dinge. -HERAKLIT

1982-12-07

Horst Lummert

Aus einem Brief an

Henryk M. Broder
Jerusalem

Das Emma-Heft habe ich mir inzwischen besorgt, gestern abend rief Gunnar Heinsohn an und fragte, ob Sie den kuckuck bezögen, er möchte gern, daß Sie die jetzige Nummer mal lesen, ich schicke Ihnen ein Heft mit gleicher Post.

Heinsohn erwähnte übrigens auch die Diskussion in Jerusalem, von der Sie mir schrieben, an der auch Margarete Mitscherlich teilgenommen hatte.

Und das alles zusammen - Emma-Heinsohn-Broder-Mitscherlich - macht ein Bild, an dem ein paar, sagen wir mal, theoretische Schönheitskorrekturen notwendig werden, der Wahrheit zuliebe. Sie werden im kuckuck (37/38/39), den ich Ihnen diesmal wirklich ans Herz legen möchte, u.a. eine Heinsohn-Geschichte (Briefwechsel) finden. Sehen Sie selbst.

In dem Streit mit Alice Schwarzer finde ich bisher nirgendwo das meines Erachtens wesentliche Problem erörtert. Ich vermisse die einfache Feststellung: Der Feminismus ist ein Antisemitismus. Man kann nicht Feminist(in) sein, ohne zugleich Antisemit(in) zu sein.

In diesem Zusammenhang interessiert mich natürlich auch Wibke Bruhns, deren Jerusalem-Buch (stern)...

Die Vermischung der politischen Problematik im Nahen Osten mit dem deutschen Antisemitismus nach der Formel: Antizionismus = Antisemitismus ist falsch, überhaupt nicht realitätsgerecht, wiewohl sie natürlich politisch-propagandistisch nützlich und vor allem sehr handlich sein mag.

Es ist just diese Formel, die die Israelis immer wieder dazu verführt, sich im Ausland und insbesondere in Deutschland die falschen Freunde einzuhandeln.

Die sogenannte Linke in der Bundesrepublik ist nicht antisemitisch, weil sie politisch Position bezog gegen die israelische Politik gegenüber den Arabern, insbesondere gegenüber den Palästinensern. Dies für sich allein kann eine ganz vernünftig motivierte, rationale politische Entscheidung sein.

Die bundesdeutsche "Linke" ist antisemitisch, schiebt ihre Propaganda gegen den Zionismus lediglich vor, weil bzw. insoweit sie ihre Handlungen und politischen Urteile eben aus ganz anderen Quellen nährt als etwa aus der rationalen und konkreten Analyse der Situation im Vorderen Orient, d.h.: weil sie in Wahrheit gar keine Linke, sondern eine mißverstandene neue Rechte ist.

Der wiedererwachte deutsche Nationalsozialismus setzt seinen alten Krieg nur mit alternativen Mitteln fort, und ein ideologisches Ferment in dieser "neuen" Bewegung ist eben auch der sogenannte Feminismus. Zuletzt ist das alles eine ganz simple psychologische Angelegenheit.

Ich habe schon vor kurzem mal an Michel Lang geschrieben, der wohl zum Thema Antisemitismus ein Buch machen will und zunächst an einen Titel dachte: Die Linke und die Judenfrage, daß er bei dieser Problemstellung weder die "Linke" noch die "Judenfrage" hinterfragt - als gäb's hier eine Linke, als gäb's hier eine Judenfrage, und nicht vielmehr die Frage des Antisemitismus!

Zur Aufhellung der Antisemitenfrage tragen wir jedenfalls nichts bei, wenn wir sie auf die politische Ebene des Nahostkonflikts übertragen. Was wäre dann Uri Avneri, was Matzpen (ich weiß nicht, ob es die jetzt noch gibt), was wären die orthodoxen Juden, die den Staat Israel ablehnen?

Im Gegenteil sind nach meiner Beobachtung gerade auch innerhalb der zionistischen Bewegung antisemitische und antijudaische Momente auszumachen, die nicht eben beruhigend sind. Die Aversion und Arroganz der Europäer gegenüber den orientalischen Juden war einer meiner frühen Eindrücke in Israel.

Kennen Sie Michael Handel? Er studierte damals in Jerusalem Historie (und Politik, glaube ich), hat vor kurzem, er ist wohl jetzt in Harvard, ein Buch über Israels Atombombe veröffentlicht, gemeinsam mit einem anderen Autor. Als ich ihm damals sagte, die Israelis müßten wieder Juden werden, blickte er mich ganz erstaunt an.

Ich bleibe dabei. Meinte nicht Lea Fleischmann neulich, Israel müsse ein orientalisches Land werden (oder so ähnlich)? Auch dies gehörte zu meinen ersten Eindrücken.

Das Selbstverständnis als Vorposten Europas hat natürlich seine Geschichte, aber es liefert den Gegnern Israels im Nahen Osten zu viele Argumente.

Indes: Israels Demokratie, seine innere Freiheit - ich meine, es ist doch lächerlich, wenn die arabischen Staaten sich als politische Alternativen aufspielen.

Am demokratischsten sind vielleicht noch, bzw. im Laufe der Jahrzehnte geworden, die Palästinenser. Aber daß da jetzt erst mal alles verschüttet ist in bezug auf Verständigungsmöglichkeiten, ist mir auch klar.

Wer kümmert sich eigentlich um die Verbrecher, die das Massaker veranstalteten? Beirut ist vergessen, in Israel wird wenigstens versucht, Licht da hinein zu bringen. Aber die christlichen Milizen? Sie waren doch die Täter.

Die sogenannte Dritte Welt hüllt sich einfach in Schweigen, und jeder zeigt Verständnis für deren Verhaltensweisen. Ich meine, Israel hätte da noch wichtige Aufgaben zu erfüllen.

Ich denke allerdings, Israels Hauptfeind sitzt nicht im Orient, sondern in Deutschland. Solange die Israelis nicht verstehen, worauf sie ihre Aufmerksamkeit wenden müssen, wenn sie nicht eines Tages vor noch größeren Problemen stehen wollen, muß wohl der Ersatzfeind herhalten.

Die ideologische Selbstvergiftung der Deutschen sollte sie jedenfalls mehr beunruhigen als die PLO, insoweit diese nicht immer auch ein bißchen von jenen instrumentalisiert worden ist (kaum umgekehrt).

Die Germanophilie der Jeckes werden auch Sie nicht heilen, und Ihre eigenen Sehnsüchte können dazu wohl ohnehin kaum etwas beitragen. Die Deutschen lernen eben nicht aus ihrer Geschichte, warum sollten da die deutschen Israelis eine Ausnahme machen. Ich hoffe ja immer noch, daß Sie eines Tages doch von Ihrem liberalen Trip wieder runterkommen.

Kennen Sie die alte Geschichte Nannen/Habe? Daß einer wie ich erst so spät sein Herz für den Antifaschisten und Demokraten Hans Habe entdecken konnte, hat einen tiefen Grund in der jahrzehntelangen Desinformations- und scheinheiligen Propagandapolitik der norddeutschen "liberalen", sprich: verdeckten nationalistischen Presse von stern über Zeit bis zum Spiegel (der natürlich an die erste Stelle gehört). Was Sie "Linke" nennen, sind nur pubertäre Ableger von jenen.

kkk NETWORK red

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