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Der Krieg ist der Vater der Dinge. -HERAKLIT
1990-06-20
Die Jewish Agency hat die Aliyah-(Einwanderungs-)Prozedur an die israelische Regierung abgegeben...
In der israelischen Presse wird darauf hingewiesen, daß die Juden Rußlands für Israel lebenswichtig seien...
Auffallend an sämtlichen politischen Selbstdarstellungen, wenn man die Kommunisten mal ausnimmt, ist die Ausgrenzung der arabischen Bevölkerung. Lediglich die Art und Weise, wie man sie loswerden könne, erhitzt die politischen Gemüter. Es fehlt das demokratische Gesamtkonzept ohne ethnische ("demographische") Vorbehalte.
Die Frage "Wer ist ein Jude" sorgt zusätzlich für soziale und individuelle Verunsicherungen. Selbsteingrenzung und Ausgrenzung ist der Würgering, der Israel mit der Zeit umbringen muß.
Israel hat viele Freunde in der westlichen Welt. Viele Menschen, die sich um die Existenz des jüdischen Staates sorgen, traten zum Judentum über, um damit ihre Zuneigung, ihre Solidarität und den Willen zu bekunden, und diesen Willen schließlich in die Tat umzusetzen, nach Israel zu gehen, sich mit dem Staat zu identifizieren, ihn aufbauen zu helfen und notfalls auch zu verteidigen.
Das religiöse Judentum ist rituell geteilt, die Feindschaft zwischen Juden und Arabern ist relativ harmlos, vergleicht man sie mit dem Haß, der die jüdische Orthodoxie, um es einmal so abzukürzen, vom Reformjudentum, ja selbst von den sogenannten Konservativen trennt.
Das orthodoxe Judentum zeichnet sich vor allem dadurch aus, daß es nur sich anerkennt, daß es außer sich nichts und niemanden sonst als "jüdisch" anerkennt. Das hat schwerwiegende politische Konsequenzen.
Bezüglich religiöser Konversionen gibt es statistische Beobachtungen, die darauf hinauslaufen, daß die Reform-Proselyten in hohem Maße politische Motive haben, während bei den Orthodoxen vornehmlich religiös Inspirierte um Aufnahme bitten.
Innerhalb der Orthodoxie findet nun noch eine heiße Auseinandersetzung darüber statt, ob man heute überhaupt Proselyten machen solle.
Die einen sagen, mit Blick auf Hillel, es sei von der Torah auferlegte Pflicht, jeden, der anklopft, einzulassen, während eine andere Fraktion, der auch der ehemalige Oberrabbiner Schlomo Goren zugehört und die zum Beispiel die Wiedererrichtung des Jerusalemer Tempels mit Verve vorbereitet und eingeleitet hat, mit Beruf auf historische Erfahrungen jeden Proselyten von vornherein abweist.
Proselyten seien "Eitergeschwüre", die "Lepra" am gesunden Körper des Judentums.
Weiß man nun, daß diese Aussage die Reformproselyten nicht einmal entfernt mitbedacht hat, so wird der abweisende, beleidigende, diskriminierende, inhumane Charakter dieser - höchst autoritativen!- Auffassung deutlich genug.
Bei genauerem Hinsehen erkennt man die Abschreckungsabsicht und den politischen Aspekt.
In Gesprächen ist zu hören, daß diese und jene Zionisten der Gründergeneration nach halakhischem "Gesetz" keine Juden seien, was man dann freilich auch von einer ganzen Reihe herausragender Bibelpersönlichkeiten sagen könnte.
Das nichtreligiöse Israel liegt im Fadenkreuz scheinbar religiöser Streitigkeiten. Das politische Israel wird gespalten, der postreligiöse Zionismus als "unjüdisch" denunziert, politische Freunde, die "übertraten", um ganz dazuzugehören, werden ausgeschlossen.
Gleichzeitig geht die Rede, das russische Judentum sei lebensnotwendig für Israel, was einer bewußten Irreführung gleichkommt, weil es mit dem russischen Judentum tatsächlich nicht allzu weit her ist.
Ein starkes bürokratisches und nach meiner Beobachtung stalinistisches Potential kommt aus Rußland herein nach Israel.
Wer als Sowjetbürger den Weg nach Amerika offen hat und trotzdem nach Israel geht, ist entweder dumm oder ein KGB-Agent, sagt mir mein kleiner Schelm im Ohr.
Der Zionismus ist nach Lage der Dinge nicht mehr zu retten und als ein allzu eng geknüpfter Nationalismus ohnehin überholt.
Als ob Stalinismus und jüdische Orthodoxie das gute arme Israel festhalten, damit der Ökofaschismus es nun säuberlich zerrupfen kann.
Wem es irgend möglich ist, der verläßt Israel. Wer heute als Einwanderer nach Israel kommt, macht sich bei den Normalbürgern verdächtig. Wer kommt, während die andern gerade gehen wollen, kann nur dumm sein oder sonstwie nicht koscher.
Vielleicht rechnet er sich Vorteile aus, einen strategischen Ruhepunkt zu erobern. Vorsicht ist angebracht.
Tatsächlich scheint auf sämtlichen politischen Programmen die Auflösung des Staates Israel gleich an erster Stelle zu stehen.
Die Methode der individuellen Abschreckung führt wie automatisch zu einer negativen Auslese.
Die politisch Motivierten werden nicht hereingelassen, die Starken und Bewußten verlassen das Land.
Die Zustände verschlechtern sich in einem Maße, daß niemand mehr dort leben will. Nur wer gezwungen ist, dortzubleiben, und wer destruktiven Nutzen aus seinem Kommen ziehen kann, wird das Land bevölkern, wenn nicht ein Wunder geschieht oder endlich die Demokratie Einzug hält, der Rechtsstaat, die geschriebene Verfassung, die strikte Trennung von Staat und Religion.
Zionismus und religiöse Orthodoxie gleichermaßen spalten das Land und das Volk.
Die Intifada mag sich als eine soziale Kraft erweisen, die die demokratische Idee einer Verwirklichung näherbringt - oder als ein nationalistischer Akt, der den Separatismus eines dritten Staates auf palästinensischem Boden als realpolitische Zwischenlösung anstrebt, während er die nationalpalästinensische Eroberung des ganzen Landes strategisch nicht aus den Augen verliert.
Eine demokratische Initiative kann einer solchen Entwicklung vorbeugen beziehungsweise entgegenwirken; eine Initiative, die buchstäblich jeder ergreifen kann - als respektabler Anwärter auf einen Platz im politischen Weichenstellerclub für die Zukunft des Nahen Ostens. Der von Peres bereits vor Jahren angeregte Marshall-Plan für die Region müßte an solche Bedingungen geknüpft werden.
Die Trennung von Staat und Religion ist schon deshalb notwendig, weil der Rechtsradikalismus sich in der Regel einen religiösen Anstrich gibt und in einer Art von politischem Messianismus - Rabh Meir Kahane plus Tempelbau - alles in Frage stellt, was bisher mit dem Staat Israel verbunden war.
Die Vertreibungspolitik der Kach-Partei ist mit der Politik Hitlers verglichen worden. Parteichef Kahane wird von Dialektikern als KGB-Agent verdächtigt, was so direkt wahrscheinlich ein Schlag ins Wasser ist, aber die Interessenlage durchaus trifft.
Die seltsame Einwanderungspolitik, die ständig von der Behauptung begleitet wird, das "sowjetische Judentum" sei für Israel existenznotwendig, treibt ja längst ihre Blüten.
Die Frage, wer denn überhaupt Jude sei, wird in Rußland letzten Endes von den sowjetischen Behörden entschieden, die die nötigen Papiere ausstellen, um die Ausreise möglich zu machen.
Durch einen Zufall ist herausgekommen, daß sich 1988 unter den Einwanderern über 500 Sowjetbürger befanden, die keine Juden waren, die niemals irgendetwas mit dem Judentum zu tun hatten.
Die offizielle Erklärung der Sowjets, man könne nicht in jedem Einzelfall den Personenstand überprüfen und sei zuletzt auf die Angaben der Antragsteller angewiesen, ist fadenscheinig.
Welche Motive verbinden die Behörden der USSR - und man darf sicher sein, daß diese hochempfindlichen Personalsachen unter der Aufsicht des KGB stehen - mit der Einschleusung nichtjüdischer Sowjetbürger nach Israel?
Diese Politik ist jedenfalls nicht zu kontrollieren.
Es ist möglich, einen Juden von der Auswanderung auszuschließen, aber unmöglich, jeden eingeschleusten Agenten zu identifizieren, womit ich nicht sagen will, daß es sich in besagtem Fall auch tatsächlich um Agenten gehandelt habe. Heikel ist diese Angelegenheit allemal.
Es stimmt nachdenklich, daß die angeblich so existenznotwendige Aliyah-Welle mit derartigen Ungewißheiten einhergeht.
Nichts dran, wenn soeben eingewanderte "Juden" nichts Eiligeres zu tun haben, als eine "Gesellschaft für israelisch-sowjetische Freundschaft" zu gründen, wie das rund 80 Leute taten?
Die "Eroberung" der israelischen Behörden durch geübte Bürokraten ist eine Frage der Zeit.
Organisierte Rücksichtslosigkeiten, Ellenbogenauftritte und andere Merkwürdigkeiten, auf die ich nicht näher eingehen will, wirken wie Provokationen, die dem Kahane-Kach-Rechtsextremismus in die Hände arbeiten.
So ergibt sich allmählich folgendes Bild:
Die West-Aliyah aus den demokratischen Ländern wird mit scheinreligiösen Begründungen, resultierend aus dem Streit zwischen Orthodoxen und Reformern, nachhaltig gebremst, allein der Stil der Auseinandersetzung hält viele Israel-Freunde davon ab, diesen Weg in eine Gesellschaft ungleicher Bürger zu gehen.
Die Ost-Aliyah aus der Sowjetunion hingegen wird maßlos und völlig unkontrolliert (und unkontrollierbar) gefördert, ja mit der Existenz des Staates geradezu schicksalhaft verbunden.
Verbirgt sich dahinter ein politischer Tatbestand "höherer" Dimension, den wir nur noch nicht begriffen haben?
In dieser Neuordnung der Einwanderungspolitik muß man die Abgabe des Aliyah-Verfahrens durch die Jewish Agency an die Regierung in Jerusalem sehen.
Die Ostschleusen werden geöffnet, die Westschleusen werden geschlossen. So einfach stellt es sich dar, wenn man alle Steinchen zusammenfügt.
Einzelne Vorgänge geben Anlaß zu dem Verdacht, daß die Dinge in Wahrheit sich noch schlimmer entwickeln.
Dabei wollen wir immer im Auge behalten, daß die amerikanischen Reformkonvertiten vom israelischen Oberrabbinat nicht als Juden anerkannt werden, weil sie nicht nach orthodoxem Ritus, d.h. nach halakhischem "Gesetz" übergetreten sind, und daß die Statistik uns lehrt: Reformproselyten haben zumeist politische Motive in einem positiven Sinn für den Staat Israel - als Solidarität und Identifikation mit den Verfolgten und Ermordeten.
Ein kritisches Interesse verdienten aber andere "Übertritte", die allerdings nicht nur stillschweigend hingenommen werden, sondern besondere Privilegien zu genießen scheinen.
In der ARD-Serie "Ein deutsches Schicksal" erfuhren die Zuschauer am 6. März 1989 die Geschichte des Rabh Aharon Shear-Yashuv, Major der israelischen Armee und Militärrabbiner, verheiratet mit einer tunesischen Jüdin in Jerusalem, Kinder.
Der Mann wurde als Wolfgang Schmidt und Sohn eines SS-Offiziers 1940 in Bochum geboren.
Der einstige Pazifist und anerkannte Wehrdienstverweigerer wollte evangelischer Pfarrer werden.
Jetzt wohnt er im exklusiven Jewish Quarter der Jerusalemer Altstadt.
Über seinen Vater, den SS-Mann, möchte er nicht sprechen ("bitte nicht").
Einzelschicksale gibt es überall in der Welt, Gottes Wege sind unergründlich. Das ist hier nicht der springende Punkt. Aber unser Bild erhält nun noch schärfere Konturen:
Russische Nichtjuden werden von sowjetischen Auswanderungsbehörden mit "jüdischen" Papieren für Israel ausgestattet, potentielle KGB-Agenten kommen in großer Zahl nach Israel, ohne hier auf irgendwelche Schwierigkeiten zu stoßen. Ihre Motive bleiben dunkel. Die israelische Presse veröffentlicht immer wieder Aufsätze und Leserbriefe, in denen die Bedeutung dieser Immigranten für die Existenz Israels betont wird.
Wer sich der Prozedur eines Übertritts nach halakhischem "Gesetz" unterwirft, hat nach bestandener Prüfung, Beschneidung (was bei älteren Jahrgängen vielleicht nicht einmal verlangt wird) und Tauchbad mit keinerlei Schwierigkeiten, seine Person betreffend, zu rechnen.
Er kann der Sohn eines SS-Verbrechers sein, ein politischer oder unpolitischer Krimineller, ein "evangelischer Pazifist", der die israelische Armee "unterwandern" will, ein grüner Wehrdienstverweigerer aus Deutschland als Militärrabbiner an sicherheitsempfindlicher Stelle: als "Jude", der er nun ist, genießt er sämtliche Rechte und Privilegien in Israel.
Die Frage der Konversionen hat noch einen besonderen und, wie ich meine, besonders peinlichen Aspekt. Wer anklopft, wer sich bewirbt um eine Aufnahme, der wird bald den Wink erhalten, daß er es sich etwas leichter machen könnte, ich meine, wenn Sie es eilig haben damit, ich kenne da jemand, ich selbst mache sowas selbstverständlich nicht, aber ich könnte Ihnen eine Adresse geben, da hätten Sie's bald hinter sich.
Du kannst dich, mit anderen Worten - nach "halakhischem Gesetz", wohlweislich, bei einem orthodoxen Rabh -, einkaufen ins Judentum.
Und nun die Idealisten, die "Politischen", die Aufgeklärten, die Demokraten und Bekenner, die werden abgewiesen.
So entsteht ein scheinbar religiöses Phänomen, hinter dem sich eine erhebliche politische Brisanz verbirgt.
Die amerikanische "Reform"-Jüdin Shulamit Miller wurde abgewiesen, der Deutsche Wolfgang Schmidt ist Major und Militärrabbiner der israelischen Armee.
Die israelischen Gerichte haben nicht nachgelassen, dieses Bild zu korrigieren, aber die Macht der "Orthodoxie" ist groß, entsprechend die Rechtslage deprimierend. Es sind grundlegend politische Fragen, die hier gelöst werden müssen.
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