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Der Krieg ist der Vater der Dinge. -HERAKLIT

1990-06-20

Horst Lummert

Die vergessene Alternative

Aus YISHMAEL ALEPH vom Juni 1990 / Auszug nach kkk-feder 25/26, 1999

Zionismus und religiöse Orthodoxie gleichermaßen spalten das Land und das Volk. Ethnisch begründete Separationen haben sich nirgendwo in der Welt bewährt, sondern die Probleme lediglich verdrängt und verharmlost, Belgien, die Schweiz, die Sowjetunion, Jugoslawien geben aus verschiedenen Weltwinkeln periodisch zu erkennen, daß ethnische Ordnungen nicht Frieden und Verständigung stiften, sondern Neid, Mißgunst und böses Blut. Der "völkische" Föderalismus ist nicht die Überwindung des Nationalismus, sondern seine Pervertierung ins Kleinkarierte. Zionismus, politischer Judaismus und palästinensischer Etatismus sind allesamt separatistische Bewegungen, die die Probleme nicht lösen, sondern ihre Lösung nur aufschieben. Es ist ein historischer Anachronismus, die "völkische" Staatsidee künstlich am Leben erhalten zu wollen.

Der Zionismus hatte seine geschichtliche Berechtigung, unter den Umständen seiner Entstehung war er eine Notwendigkeit, eine überzeugende Konsequenz. Die Nationalstaaten hatten ebenso versagt, wie der Sozialismus sich schließlich zu seiner eigenen Karikatur verdrehte, und Amerika war weit und auch nicht für jeden erreichbar. Ein nationaler Sozialismus, der wie der Zionismus eine übersichtliche, kontrollierbare Perspektive bot, war zu seiner Zeit eine Wahl, die ein Jude in Europa guten Gewissens treffen konnte. Dennoch war er eine Verlegenheitslösung, entstanden aus der Enttäuschung über die europäischen Nationalstaaten, über den Sozialismus, die es beide nicht vermocht hatten, sich über mehr oder weniger ethnisch konditionierte Kollektividentitäten hinwegzusetzen beziehungsweise hinauszuentwickeln. Mit dem Zionismus fand sich ein Ausweg, und es war der Ausweg der Nachahmung und imgrunde der Resignation. Denn die Juden in Europa hatten von einem Staat, von einer Gesellschaft geträumt, darin sie neben und mit allen anderen Bürgern gleichberechtigt würden leben können, nun hatten sie ihren eigenen Staat, und mit der zivilen Gleichberechtigung ist es heute wirklich nicht weit her.

Es muß verstanden werden, daß Israel letztlich ein Kind der Resignation war, die man nun aber nicht überwindet, indem man Israel aufgibt, es verläßt und vergißt (auch verrät), sondern indem man sich auf die ursprünglichen Beweggründe besinnt, die doch sehr viel mit den Gedanken zur französischen Revolution, vor allem jedoch mit der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika zu tun hatten. Der historische Glücksfall Amerika sollte nicht unnötig aufs Spiel gesetzt werden, sondern durch Neugründungen demokratisch konstituierter Staaten abgesichert werden.

Eine repräsentative Umfrage schon vor längerer Zeit ging von den drei Komponenten der gesellschaftlichen Situation in Israel aus, nämlich 1) dem demokratischen Staat, 2) seinem jüdischen Charakter und 3) der Okkupation von Westbank und Gazastreifen. Alle drei paßten nicht zusammen, und man könne sich immer nur für zwei der drei Gegebenheiten entscheiden. So fiel die Entscheidung entweder für das Verlassen der "Gebiete" oder für die Vertreibung der Araber aus diesen Gebieten. Fiel die Entscheidung gegen die Besetzung, so weil auf diese Weise der jüdische sowohl als auch der demokratische Charakter des Staates erhalten blieben. Eine Besetzung der Gebiete schien nur in Form von Unterdrückung und Diskriminierung der palästinensischen Bevölkerung denkbar, schließlich mit ihrer Vertreibung.

Man meint, mit der Aufgabe der Gebiete den jüdischen Charakter und die Demokratie retten zu können, obwohl diese zwei Grundsätze einander bereits ausschließen. Eine "jüdische Demokratie" ist ebensowenig eine Demokratie wie eine "deutsche Demokratie" oder eine "weiße Demokratie" in Südafrika. Eine "Demokratie" unter Ausschluß demokratischer Rechte einer Mehrheit oder einer Minderheit oder unter Ausschluß dieser Minderheit oder Mehrheit gar selbst, ist eben von vornherein undemokratisch.

Israel kann seine Demokratie nur retten beziehungsweise wiederherstellen, wenn es das Land annektiert und sämtliche Bewohner des somit entstehenden größeren Staatsgebietes zu gleichberechtigten Bürgern erklärt.

Eine verfassunggebende Versammlung wäre das Ziel einer ersten freien und geheimen Wahl im gesamten Staatsgebiet. Die demokratische Eroberung orientiert sich an der Charta der Menschenrechte, der Trennung von Staat und Religion, der Teilung der Gewalten, den Grund- und Freiheitsrechten der westlichen Demokratien. Land und Bevölkerung, Rechte und Freiheit sind unteilbar. Parteien, den Prinzipien der Demokratie verpflichtet, können sich zur Wahl stellen. Die demokratische Eroberung Palästinas richtet sich ihrer Natur nach gegen jüdischen und arabisch-palästinensischen Nationalismus gleichermaßen, d.h. gegen jede Form des Separatismus.

Die demokratische Eroberung Palästinas ist der Beginn einer Demokratisierung des Nahen und Mittleren Ostens. Das Prinzip der Trennung von Staat und Religion wendet sich sowohl gegen den jüdischen Verdrängungsfundamentalismus als auch gegen den islamischen Anspruch auf Totalität. Eine kritische Auseinandersetzung dient endlich der Entideologisierung, der Aufklärung über Geschichte und Bedeutung der monotheistischen Religionen. Das "Shma Israel" - "Höre Israel" - weist - aktualisiert - den zionistischen und judaistischen Eroberungsgeist darauf hin, daß seit der Einnahme des Gelobten Landes durch Yoshua sich Grundlegendes geändert hat: daß die Hebräer von heute nicht gegen Götzenanbeter, Baalsdiener und Aschera-Priester kämpfen, sondern gegen Menschen des Islam, die denselben Gott - den Gott Abrahams, Ismaels, Isaaks, Jakobs und der Stämme - wissend anrufen. Wo niemand die Wahrheit unbeschädigt für sich besitzt, werden die Nachdenklichen davon besessen sein, die ganze Wahrheit zu ergründen, Forschungsergebnisse auszutauschen. Ein Zeitalter der Aufklärung könnte dem Mittleren Osten wie ein erfrischender Regen sein, ein Segen Gottes.

Merke: Der kuckuck lebt aus seinem Widerspruch. Krieg oder Frieden, der den Namen verdient, das ist hier die Frage.

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