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Der Krieg ist der Vater der Dinge. -HERAKLIT

1988-07-09

Horst Lummert (Avram Kokhaviv)

Tel Aviv, 9.7.88

Sehr geehrter Herr Rabbiner Borer,

ich möchte mich bei Ihnen für Ihre Hilfe bedanken, mit der Sie uns das Leben und vor allem die behördlichen Erledigungen ein wenig erleichtern konnten. Die ersten Wochen sind ja immer die kompliziertesten. Wir haben inzwischen ein A-Visum für 1 Jahr erworben und warten jetzt nur noch auf den avisierten Kibbuz-Platz.

Der Hauptgrund meines heutigen Schreibens ist jedoch ein anderer, besonderer - bezogen auf Teile Ihres Gutachtens, das Sie für uns bzw. über uns ausgestellt haben. Ich gehe jetzt davon aus, daß ich den hebräischen Text in diesen Punkten richtig verstanden habe. Einmal lese ich heraus, daß Sie meine politischen Motive natürlich nicht überprüfen konnten und daher nur sozusagen von "Behauptungen" meinerseits sprechen können. Ich habe inzwischen meine Postpakete aus Berlin erhalten, so daß ich Ihnen jetzt Exemplare meiner Zeitschrift, die ich seit 1973 herausgab, zur Lektüre hingeben könnte, falls Sie noch daran interessiert sind.

Noch wichtiger in unserem Zusammenhang scheint mir jedoch der andere Punkt zu sein. Sie schreiben an einer Stelle, daß für meinen/unseren Schritt nach Israel "keine theologischen Motive" vorlägen. Das ist für mich insofern interessant, als Sie ja im Laufe unserer Gespräche mehrmals durchblicken ließen, daß Sie unseren ungesicherten Sprung ins Gelobte Land für ziemlich unvernünftig, ein bißchen naiv, wenn nicht für einen Akt von Verrücktheit halten. Andererseits bestehen Sie darauf, daß die grundlegenden religiösen Fragen sich letzten Endes nicht rational erklären lassen. Ich stimme in diesem Punkt zwar nicht völlig mit Ihnen überein, weil ich denke, daß es - und zwar im Sinne und Geiste des Tnakh - Sache des kritischen Verstandes ist, irrationale Beweggründe und Synthetisierungen (wie z.B. Handlungen, Träume, Lebensäußerungen anderer Art) aufzulösen, zu erklären, mithin zu verstehen. Daß immer noch "ein Rest" bleibt, der sich uns entzieht, ist dann wohl weniger eine Frage des menschlichen Denkvermögens schlechthin, als vielmehr die unseres historischen Wissens. Vieles können wir uns nur einfach deshalb nicht erklären, weil uns die näheren Umstände bestimmter Ereignisse nicht oder noch nicht bekannt sind, es fehlen Details usw., oft haben wir Teile, von denen wir nicht wissen, daß sie zusammengehören, weil die Datierungen unsicher sind u.ä.m.. Aber konzedieren wir uns dennoch einen unerklärbaren Rest, nämlich gleichsam das Nabelproblem, Geheimnis des Ursprungs - und zwar jeweils wiederum individuell. Wir können über einen kritischen Punkt hinaus nur spekulieren, weil wir Gegenstand und nicht Subjekt, mit anderen Worten, Töpfe und Geschöpfe, nicht Töpfer und nicht Schöpfer sind.

Gehen wir nun zur "Frage" unseres Herkommens (= nach Israel!) zurück, so sind es doch die "irrationalen" Momente daran, ist es das "Unverständliche" und in gewisser Weise "Irrsinnige" an der ganzen Sache, was jedenfalls die Vertreter zweier Berufe aufhorchen lassen müßte: nämlich den Psychiater und den Theologen. Denn wir sind entweder "verrückt" oder eben "theologisch motiviert", um es einmal so abzukürzen. Aber natürlich ist dazu noch viel zu sagen, natürlich läßt sich ein rationaler Kern freilegen. Aber dem Theologen müßte es nun genügen. Wie der sich ja auch damit begnügt, Befehle anzunehmen, auszuführen, sobald sie ihm göttlich erscheinen, obwohl es gerade hier doch sehr wichtig ist, den Vermittlungszusammenhang, der immer ein menschlicher ist, aufzuhellen - gerade auch, um der Gefahr des Mißbrauchs - Gottes, seines Namens, seines Wortes - vorzubeugen. Es hat mir sehr zu denken gegeben, als Sie mir sagten, daß das "Schma" wohl "nicht so wichtig" sei. Obwohl gerade dieser Anruf und Aufruf nachprüfbar autoritativ und authentisch ist - wohingegen so vieles von dem, was aus grundlegenden Mißverständnissen heraus so stark in den beachteten und zu beachtenden Vordergrund geriet, tatsächlich aus Hinzufügungen und Weglassungen besteht, mithin genau das darstellt, was gemäß dem Geiste der Torah füglich zu unterbleiben hätte. Nicht unwesentliche Bestandteile religiöser Praxis widersprechen offensichtlich der ursprünglichen Theorie, sind geradezu torah-widrig. Das alles wäre im Rahmen einer wohlverstandenen judaistischen Wissenschaft genau zu überprüfen. Wo Angst der Ratgeber war, die Angst nämlich, etwas falsch zu machen, um auf diese Weise letztlich das Richtige zu meiden, ihm geradezu aus dem Wege zu gehen, da wäre kritisch anzusetzen. Die, wenn Sie so wollen, Arbeit ohne (gesellschaftliches) Netz beginnt genau jenseits dieser Angst. Wir müssen dort anfangen, wo gemeinhin aufgehört wird. Ohne elementares Gottvertrauen ist das aber nicht möglich. Was tun? Die Frage ist für mich ja nicht, ob das eine oder andere "abgeschafft" werden sollte. Als populäre tägliche Praxis hat das alles seinen Sinn, als Literatur - wenn auch Sekundärliteratur - möchte ich's nicht missen, als prinzipielle Bedingung jedoch, als Prüfungsschwelle, ist es nicht akzeptabel. Hier stehen wir tatsächlich vor dem Grundproblem, wer oder was denn nun eigentlich der Rechtfertigung bedarf - vor Gott. Hier geht's ja doch um eminent Religiöses. Oder haben wir's vielleicht nur mit einer politischen, machtpolitischen Frage zu tun?

Wenn es wahr ist, ich werde jetzt grob, daß die geschriebene Torah der mündlichen Ergänzung bedarf (die obendrein niedergeschrieben worden ist, widrigerweise!), dann bedeutet dies doch, daß Gottes Wort - allein - nur eine halbe Sache sei. Erst mit unserm "Geschwätz" wird es komplett. Aber nein, natürlich muß am Ur-Wort gemessen werden; wir haben es mit verschiedenen geistigen Ebenen (und Authentizitäten) zu tun.

Wie aber kann sich einer wie ich in solcher Situation verhalten? Soll er sich anpassen, soll er seinen "Lehrer" täuschen, ihn also belügen, nur um von diesem "anerkannt" zu werden? Oder soll er und muß er nicht dies als eine Art Herausforderung annehmen, seine eigentliche Prüfung, weil der Konflikt, der sich da ankündigt, auf einem Felde sich zutragen wird, wo es um ein Stück Wahrheit geht, als Wahrhaftigkeit. Wenn Aufrichtigkeit gleichsam die individuelle Grundbedingung par excellence ist, wie kann dann aber einer, der denkt, wie ich denke, jemals die Gnade des Oberrabbinats finden? Gleichwohl! Und doch ist dieser Weg zu gehen. Nicht etwa resignativ, nein, sondern mit der sicheren Überzeugung, am Ende damit auch erfolgreich zu sein. Hier mögen Zeit und Umstände, die kleinen zufälligen Gegebenheiten helfen.

Ich bestehe - um es jetzt kurz zu sagen - auf meiner vollen, uneingeschränkten "Anerkennung", als der, der ich bin, weil geworden und geführt worden bin nach Israel - samt meiner Familie.

Insofern ist dies hier nicht nur ein Diskussionsbeitrag, sondern darüberhinaus an Sie die Mitteilung über meine Beurteilung der Sachlage und über meine weiteren Intentionen, die neben der Fortführung meiner publizistischen Arbeit z.B. auch die Überlegung einschließen, mich beim Institut für Judaistik als deutschsprachiger Tnakh-Lehrer zu bewerben.

Ich wäre Ihnen dankbar und würde mich freuen, wenn Sie mir zu meinen Darlegungen etwas - natürlich Kritisches - sagen könnten. Denn eigentlich war ich ja hergekommen, um zu lernen und nicht zu lehren. Für Ihren guten Rat nach wie vor offen, bin ich mit herzlichen Grüßen

Ihr gez. H. Lummert

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