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Der Krieg ist der Vater der Dinge. -HERAKLIT
Seiten 28, 29, 30
Berlin, [26. April] 1933
POL. ARCH., Vatikanbotschaft. Schreibmaschinenabschrift mit Datum Berlin W 8, den 7. Juni 1933, ohne Unterschrift. Paraphen von Bergen, Klee (mit Datum 10. VII.) und Graf Saurma. Verfasser nicht ermittelt; vgl. DGFP C 1 p. 347 n. 1.
Druck: DGFP C 1 nr.188 p.347 s.; MÜLLER, Kirche und NS Nr. 48 S. 120ff.
Am 26. April d.Js. besuchte auf Grund der Konferenz der Diözesanvertreter Bischof Dr. Berning* mit dem Generalvikar Prälat Dr. Steinmann nachmittags 2 Uhr den Reichskanzler Hitler. Folgende kirchliche Besorgnisse wurden dem Reichskanzler unterbreitet:
1. Freiheit der Kirche,
2. Freiheit der katholischen Schule,
3. Freiheit und Selbständigkeit der katholischen Vereine,
4. Abbau der katholischen Beamten auf Grund ihrer kath. Weltanschauung oder ihrer bisherigen Betätigung in und für die Zentrumspartei.
Der Reichskanzler Hitler führte darauf folgendes in ruhiger, sachlicher Weise aus:
Es sei ihm der Vorwurf gemacht, er gehe gegen das Christentum vor, und dieser Vorwurf hätte ihn schwer getroffen. Er sei auf das Festeste davon überzeugt, daß ohne Christentum weder ein persönliches Leben noch ein Staat aufgebaut werden könne; und besonders der Deutsche Staat sei ohne die feste Basis des Christentums gar nicht denkbar. Auf das Volksbewußtsein allein ließe sich auf keinen Fall ein Staat aufbauen, weil damit die stärkste, nämlich die religiöse und sittliche Grundlage fehlen würde. Er sei aber zu der Überzeugung gekommen, daß das Christentum in den letzten Jahrhunderten nicht mehr die Kraft und die Entschlossenheit aufgebracht hätte, die feindlichen Mächte von sich aus zu überwinden. Es hätte sich darauf beschränkt, die Irrtümer wissenschaftlich zu widerlegen. Infolgedessen sei ihm die Erkenntnis gekommen, daß der Staat die Kirche in diesem Kampfe gegen die Gottlosigkeit unterstützen müsse. Gottlosigkeit und Bolschewismus seien nur mit Härte und Gewalt niederzukämpfen. Daß dabei auch unbillige Härten vorkommen, sei zu bedauern, aber er könnte es nicht hindern. In den Ausführungen hat H. mit der größten Hochachtung von der katholischen Kirche gesprochen. Er kam dann auf die Judenfrage zu sprechen. Hitler berief sich für seine Judenfeindlichkeit auf die katholische Kirche, die die Juden ebenfalls immer als Schädlinge angesehen hätte, die wegen der sittlichen Gefahren verboten hätte, daß Christen bei Juden in Dienst treten. Aus eben diesem Grunde hat die Kirche die Juden in das Ghetto verbannt. Er sieht in den Juden nur die Schädlinge für Staat und Kirche, und deshalb will er die Juden mehr und mehr zurückdrängen, insbesondere vom Studium und den öffentlichen Berufen.
Sodann sprach er über seine Einstellung zum Christentum, von dessen großen Macht und tiefen Bedeutung er vollkommen durchdrungen war. Er werde infolgedessen auch keinen anderen Religionsstifter zulassen. Deshalb hat er sich auch von Ludendorff getrennt. Das Buch von Rosenberg, das man ihm zum Vorwurf macht, gehe ihn nichts an; es sei eine Privatveröffentlichung, mit der sich unter Umständen die lutherischen Pastoren auseinandersetzen sollten.
Einen Kulturkampf lehnt H. energisch ab. Es wird in keiner Weise daran gedacht, in die Rechte der Kirche einzugreifen.
Bezüglich der Schule erklärte H., daß er eine weltliche Schule niemals dulden werde. Eine Charakterbildung sei nur möglich auf dem Grunde der Religion. Diese dem Volke zu vermitteln, sei Sache der Kirche, und infolgedessen müsse auch die Kirche Einfluß auf die konfessionelle Schule haben. Es genüge aber nicht, daß getaufte Katholiken an der Schule tätig sind, sondern es müßten auch gläubige Lehrer daran tätig sein. Auf dem Gebiete der Schule müssen Staat und Kirche aufs engste zusammenarbeiten.
Bezüglich der Vereine erklärte H., die katholischen Organisationen sollen in keiner Weise beschränkt werden, wenn sie ihre Aufgaben erfüllen, den christlichen Geist in ihren Mitgliedern zu fördern, den Staat bejahen und den Gemeinschaftsgeist pflegen. Auch die Jugendvereine werden nicht angetastet werden, wenn sie den Kampf gegen den Marxismus ermöglichen. Übergriffe mögen vorgekommen sein, sie werden bedauert und werden in Zukunft nicht wiederholt werden.
Bezüglich der Beamten erklärte Hitler, daß wohl in einzelnen Fällen Härten entstehen können. Zwei Gründe veranlaßten zum Abbau:
1. die Sparsamkeit und
2. Es muß auch Platz gemacht werden für die Vorkämpfer der Nationalsozialistischen Bewegung, die früher zu Unrecht zurückgedrängt wurden.
Die Marxisten müssen zunächst hinausgesetzt werden. Bezüglich des Abbaues der Zentrumsbeamten erklärte er, daß seine erste Sorge sei, den nationalsozialistischen Beamten zunächst wieder einen Platz freizumachen, es muß aber schonend vorgegangen werden. Dem Prälaten Kaas hat er die Frage vorgelegt: "Sind Sie einverstanden, daß die Zentrumsbeamten in demselben Prozentsatz wie die Stimmenzahl des Zentrums bei der letzten Wahl war, in ihren Ämtern belassen werden?" Auf diese Frage hat Kaas nichts geantwortet. Wenn Unordnung vorgekommen ist, werde er Abhilfe schaffen. Im übrigen hätten die Nationalsozialisten ja gar nicht soviel ausgebildete Beamte, um alle Stellen besetzen zu können, sodaß auch für das Zentrum noch Stellen übrig bleiben würden.
Hitler bat dann, seine Ausführungen vertraulich zu behandeln. Den Bischöfen könnte davon Mitteilung gemacht werden; vertraulich von Hand unterstrichen.
27. April 1933
Er betonte nochmals, daß er den größten Wert darauf lege, mit der katholischen Kirche zusammenzuarbeiten.
Mit diesen Ausführungen decken sich dann auch die Ausführungen des Kultusministers sowie des Ministerpräsidenten Göring. Abgelehnt wurde überall der Kulturkampf. Die Freiheit der Kirche soll in keiner Weise angetastet werden, ihr werde die volle Freiheit in der Ausübung der Seelsorge und des Gottesdienstes garantiert. Den Vereinen soll ihr selbständiges Eigenleben erhalten bleiben. Auf alle Fälle müßten aber, wie Herr Göring betonte, sich die katholischen Organisationen freihalten von Parteipolitik und liberalistischen und marxistischen Ideen.
Bezüglich des Beamtenabbaues erklärte er, es würden unweigerlich alle marxistisch gesinnten Beamten entlassen, um Platz für die nationalsozialistischen Beamten zu schaffen. Freilich müßten dabei auch einige Zentrumsbeamten abgebaut werden.
* In einem Protokoll über die Diözesanvertretertagung in Berlin am 25./26. April 1933 ist ebenfalls ein Bericht aber diesen Besuch Bernings bei Hitler enthalten (Druck: MÜLLER, Kirche und NS Nr. 48 S.116 ff.).
Materialien zum Reichskonkordat
Nach einer Veröffentlichung der Kommision für Zeitgeschichte, bearbeitet von Alfons Kupper. Matthias Grünwald Verlag, Mainz 1965
Über die Vorverhandlung (Band 2)
online-Redaktion kkk
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