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Der Krieg ist der Vater der Dinge. -HERAKLIT
http://www.bautz.de/bbkl/r/roth_j.shtml
Band VIII (1994)
Spalten 742-744
Autor: Ludwig Brandl
ROTH, Josef, kath. Priester, Ministerialdirigent im Reichskirchenministerium, * 2.8. 1897 in Ottobeuren, + 5.7. 1941 bei Rattenberg (Tirol). - R., der aus einem sehr katholischen Elternhaus stammte, wuchs in München auf. Am 1. Februar 1917 rückte er zum Militärdienst ein und nahm am I. Weltkrieg zunächst bei der Reserve-Eisenbahnbau-Kompanie 3 und danach beim 19. bayer. Reserve-Infanterieregiment an der Westfront als Unteroffizier und Offiziersaspirant teil. Dabei verdiente er sich verschiedene Auszeichnungen. Nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst am 13.12. 1918 studierte er in Passau und München Theologie und wurde am 29.6. 1922 zum Priester geweiht. Eine erste Stelle als II. Kooperator in Indersdorf übernahm R. am 15.7. 1922. Bereits zu dieser Zeit hatte er Kontakte zu völkischen und antisemitischen Kreisen und betätigte sich publizistisch in diesem Sinne, ohne die nach can 1386 CIC erforderliche Genehmigung seiner kirchlichen Vorgesetzten erhalten zu haben. In der Broschüre »Katholizismus und Judenfrage« forderte er zum Schutz vaterländischer und christlicher Werte den völligen Ausschluß der Juden aus dem öffentlichen Leben und deren bürgerliche Entrechtung. Wegen seiner Außenseiterrolle und seiner Verbindungen zur NSDAP wurde R. wiederholt von seinen kirchlichen Oberen gerügt, beteuerte aber stets seine kirchliche Loyalität. Seit 16.10. 1924 hauptamtlicher Katechet bei St. Ursula in München und dort seit 1.4. 1925 Kaplan wurde er am 1.1. 1934 in Feldafing aufgrund seiner guten Beziehungen zur NSDAP Religionslehrer (Studienrat) an einer nationalsozialistischen Jugendführerschule, einer NS-Eliteschule. Zu zahlreichen Nationalsozialisten pflegte R. engen Kontakt, unter anderem zu Alfred Rosenberg, dem Chefideologen der NS-Bewegung, und sogar zu Adolf Hitler, auf dessen Wunsch er angeblich der NSDAP nicht beigetreten war. Im August 1935 wurde R. ins neu errichtete Reichskirchenministerium berufen. Trotz Bedenken der beiden zuständigen Bischöfe Michael von Faulhaber und Konrad Graf von Preysing erhielt er für eine befristete Tätigkeit in diesem Ministerium das durch das Reichskonkordat (Art. 7) vorgeschriebene kirchliche Nihil obstat, das jedoch nicht verlängert wurde, als R. am 1.4. 1936 zum Ministerialrat ernannt wurde und die katholische Abteilung, zuletzt als Ministerialdirigent, leitete. Seine Kompetenzen waren aber beschränkt. Eng befreundet war R., der nie laisiert, suspendiert oder exkommuniziert wurde, mit dem 1934 suspendierten Priester Albert Hartl, dem Abteilungsleiter »Politische Kirchen« beim Sicherheitsdienst. R. war auch Mitglied des Reichsinstitutes für Geschichte des neuen Deutschlands, das den politischen Konfessionalismus erforschen sollte, und gehörte als Vertreter des Reichskirchenministers Kerrl dem Sachverständigenbeirat an. Während seines Urlaubs verunglückte R. am 5.7. 1941 bei einer Bootsfahrt auf dem Inn bei Rattenberg (Tirol) tödlich. - R., eine »zwielichtige Person« (Höllen), zählte zu den wenigen katholischen Priestern, die mit der NS-Bewegung offen sympathisierten. Seine Fachkenntnisse als Theologe nutzte er im Dritten Reich zusammen mit einigen anderen ehemaligen Priestern, die ebenso hohe Posten im Dritten Reich erhalten hatten, zum aktiven Kampf gegen die katholische Kirche, wobei er sich gleichzeitig bemühte, nationalkirchliche Bewegungen und die altkatholische Kirche nach Kräften finanziell und organisatorisch zu unterstützen. R. trat für den unbedingten Vorrang der Hoheit des Staates gegenüber der Kirche ein. So forderte er besonders engagiert, aber erfolglos, als ranghoher Ministerialbeamter im insgesamt einflußlosen Reichskirchenministerium die Kündigung bzw. umfassende Änderung des Reichskonkordats. Nach 1938 scheint R. allmählich seine Agitation gegen die Kirche eingestellt oder zumindest reduziert zu haben. Unter verschiedenen Pseudonymen schrieb er antikirchliche Aufsätze in NS-Zeitungen und -Zeitschriften. Solange der Teilnachlaß R.s im Bundesarchiv Koblenz nicht zur Benutzung freigegeben ist, werden freilich nur lückenhaft bibliographische Angaben zu den Veröffentlichungen R.s möglich sein.
Werke: (frdl. Mitt. Prof. Dr. Konrad Repgen, Bonn): Katholizismus und Judenfrage, Franz-Eher-Nachfahren, München 1923; Für Gott und Vaterland. Ein offenes Wort in ernster Sache. Nach einem Vortrag übermittelt durch Heinrich von Stadtbrück, Kassel 1925; A.M. (i.e. Roth), Das Konkordat von Papen, in: Flammenzeichen Nr. 31 v. 5.8.1933, 244-246; [ohne Verf.angabe], Ein Jahr Reichskonkordat, in: Flammenzeichen Nr. 38 v. 22.9.1934, 299 f.; Walter Berg (i.e. Roth), Zwei Jahre Reichskonkordat, in: Deutscher Glaube v. 3.6.1935, 314-320); Alfred Richter (i.e. Roth), Parteiprogramm der NSDAP und Reichskonkordat. Zum dritten Jahrestag der Unterzeichnung des Reichskonkordats (20. Juli 1933), in: Deutschlands Erneuerung 1936, 464-470; [ohne Verf.angabe], Kirchenverträge in der neuen Volksordnung, in: Deutsche Freiheit v. 20.7.1936; Walter Berger (i.e. Roth), Vier Jahre Reichskonkordat. Grundsätzliche Betrachtungen zum Jahrestag der Ratifizierung am 10. September 1933, in: Deutsche Freiheit 6 (1937) Folge 22, 1 f.; Alfred Richter (i.e. Roth), Das Verhältnis zwischen dem Staat und der römischen Kirche, römisch-katholisch, geschichtlich und nationalsozialistisch gesehen. Eine Stellungnahme zu dem Werk von Alfredo Ottaviani. Grundlinien des Kirchenrechts, in: Deutschlands Erneuerung 1936, 736-740; [ohne Verf.angabe], Konkordatsfragen. Gegen irreführende kirchliche Propaganda, in: Essener Nationalzeitung v. 7.3.1937; [ohne Verf.angabe], Kirchenrecht - Staatskirchenrecht - Religionsrecht, in: Nordland v. 13.11.1938, 257.
Lit.: Alois Natterer, Der bayerische Klerus in der Zeit dreier Revolutionen 1918-1933-1945. 25 Jahre Klerusverband, München 19462, 285 f.; - Ludwig Volk (Bearb.), Akten Kardinal Michael von Faulhabers 1917-1945, Bd. II: 1935-1945 (= VKZ, Reihe A: Quellen, Bd. 26), Mainz 1978, 64-66, 128, 134-137, 139, 546, 768, 794-796; - Martin Höllen, Heinrich Wienken. Der »unpolitische« Kirchenpolitiker. Eine Biographie aus drei Epochen des deutschen Katholizismus (= VKZ, Reihe B: Forschungen, Bd. 33), Mainz 1981, 82 f., 86, 92.
Ludwig Brandl
Letzte Änderung: 18.02.1999
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