1972-05-00
Mark wuchs ohne Mutter auf, das bestimmte sein Leben, davon kam er nicht los. Auf Mutter war er angelegt, sie wollte er sich erobern, dem war sein Leben gewidmet, damit starb er eines schönen Tages, am 11. März des Jahres 1972 auf einer Straße bei Hamburg.
Es geschah just am Geburtstag von G (wie Gustav), der zwei Jahre zuvor, im Winter 70, ebenfalls an einem Verkehrsunfall zugrunde ging, ohne seine Sachen in Ordnung gebracht zu haben.
Mark hinterließ allerlei, sogar Tränen. Die Tränen der Mary, die einen ausgewachsenen Sohn von ihm hatte. Ihr Tränenfluß versiegte, als sie einen Tag nach der Beerdigung vom Gerichtsvollzieher erfuhr, daß Mark bis zum Tode mit einer Andern verheiratet gewesen war. So gut hatte er getüncht in seinem Leben.
So gut war er Widersachern, Freunden und Verwandten durch die Lappen gegangen. Zur Bestattung brachen erwachsene Pferdenarren in Tränen aus. Mark stand im Ruf einer Seele von Mensch, bei denen, die ihn ganz gut kannten. Er galt als Strolch, Lump, Säufer, Radaubruder und Schlagetot jenen, die ihn etwas besser kannten.
Er war blond und blauäugig, nicht dumm, nicht überdurchschnittlich intelligent, geschäftstückisch, was wieder zuviel ist. Was immer er unternahm, er hatte eine unglückliche Hand dabei. Er hatte Pferdeverstand. Darin kam kaum einer an ihn heran.
Als er im Auto verschied, tat er es unter dem Eindruck eines durch die Windschutzscheibe eingefahrenen Balkens. Auch sein Mitfahrer fand den Tod. Dieser stand im Zweiundsiebzigsten, während Mark eben die Vierzig überschritten hatte. Der Todesbegleiter hinterließ einen jüngeren Bruder, der bei Ahrensburg ein Gestüt unterhielt, wo Marys Neffe Dave soeben seine Lehrzeit beendet hatte.
Es war Sippschaft, Mischpoche, Geflecht. Trader Marks Netz. Da kam er nicht wieder heraus. Nebenbei hatte er versucht, ein paar Nebenstränge zu knüpfen. Er tat es bis zum Tode ohne erkennbaren Erfolg. Karlshorst. Mariendorf. Zwei Rennbahnen. Zwei Welten. Ein Mann, der sie bewältigen wollte: Fahrverbot wegen "Trunkenheit im Sulky". Mit nackten Beinen sprang er in eine gläserne Schranktür. Beinah wäre er verblutet. Er kam davon.
Als in Hamburg nach der Baader-Meinhof-Gruppe gefahndet wurde, geriet er besoffen in eine Polizeistreife. Man ließ ihn weiterfahren. Er behielt seinen Führerschein und fuhr sich ein paar Tage später den Balken ins Gesicht. Mark hatte sich für "etwas Besseres" aufbewahrt, hatte "einen Namen zu verlieren". Er verlor weniger als das. Er hinterließ nicht einmal ehrliche Trauer.
Der einzige Mensch, der versöhnt an ihn dachte, war seine Schwiegermutter, die ihn zu Lebzeiten ehrlich gehaßt, verflucht und verhöhnt hatte, von der Mark aber nie abließ, auch wenn es ihm dreckig ging.
Pferderennen hat mit Sport wenig zu tun, ist Geschäft, ist Täuschung, ist Betrug. Nepp um Zehntausende. Hunderttausende. Mark wollte mithalten. Mark war dabei. Mark erfaßte nicht, daß die andern den längern Atem hatten. Er meinte Sport und Geschäft, sie meinten nur Geschäft. Er wollte Sport, ursprünglich, ehrlich, wollte mit den Pferden arbeiten, die er liebte, verrückt nach Pferden, wer bezweifelt es.
Aber er hatte nie Geld in der Tasche. Das hatten die andern. Er mußte ein bißchen gefällig sein, dann und wann, so mochte er davon abbekommen. Vom redlichen Pferdekindskopf rutschte er zum Dopper, Trüger, Schummler ab. Er war nicht skrupellos. Zwischen den Fronten bewegte er sich, nicht ganz ehrlich, auch kein rechter Lump. Dabei soff er sich wiederholt krankenhausreif. Ein Reinfall, auf den die Frauen reinfielen. Die sich vom Pferdehandel locken und narren ließen.
So eine war Mary. Eine hübsche Braut, die ihre Schneiderinnenlehre aufgab, um sich dem Trader anzuhängen. Der Knabe, der sich daraus entbarg, wurde Patrick geheißen. Jetzt war sie "groß raus".
Die zwei versponnen sich in einen Traum: in der Heide ein Stück Land mit einem alten Bauernhaus drauf für ein eigenes Gestüt.
Mary sah nicht den Spott um sich herum, wenn sie sonntags auf der Rennbahn erschien, die Dame vorzuführen nach der anstrengenden Wochenarbeit bei der einen, dann der anderen Versicherungsanstalt. Ein Jammer war's. Das kostete eine Menge Geld. Allein die Garderobe verschlang die Hälfte ihres Gehalts.
Als Mark zu Grabe getragen worden war und die Gäste im Gasthaus saßen, wo Mary für einige tausend Mark ein Mahl hatte anrichten lassen, da stürzte sich Patrick an seines Vaters letzte Stätte und fledderte die Kränze, riß Bänder und Schleifen ab, um sie als Trophäen - was für ein Sieg! - sich ins Zimmer zu hängen.
Zwei Monate vor seinem Tode brüllte Mark durch Marys Wohnung: "Ich bin der Herr im Haus!" Zwei Tage nach seinem Tode schrie Patrick: "Jetzt bin ich der Herr im Haus!" Tage des Gerichts.
Sie träumten von vergangenen Zeiten. Und sie träumten von Zeiten, die nicht vergangen, die nie geschehen, die nur in ihren Träumen existierten.
Sie hatten sich ein vergangenes Leben im Schloß ausgemalt. An diese Welt glaubten sie. Auch der Trader glaubte daran.
Da war dieser Kerl einer Versponnenen aufgesessen, und alle meinten, sie sei ein gerissenes Weib, das dem Mark nicht nur das Mark aus den Knochen, sondern auch das Geld aus dem Beutel zog. Es trog! Sie griff ins eigene Portemonnaie.
Es war gut für die Schlösser dieser Tage, auch auf der Rennbahn einen laufen zu haben. Das Mißverständnis war vielseitig. Mark lag ihr auf der Tasche, war immer ausgebrannt. Er war ihre Strafe.
Die Weiber fürchteten seine Zornesausbrüche, wenn er besoffen nach Hause kam. Marks Tod brachte die Erlösung. Längst hatte er den Mut verloren. Schulden ließ er zurück. Gerüchte. Gerüchte krochen aus dem Grab und vergifteten das Bestattungsklima. Mutter Lukrezia, die ihn gehaßt hatte, ging in sich. Zuviel Böses hatte sie ihm an den Hals gewünscht. Bei solchem Wetter entstehen die teuflischsten Krankheiten. Also schön. Patrick riß die Schleifen vom Grab. Fortan ist Unruhe bei den Hinterbliebenen. Der Hermann ist nicht tot zu kriegen.
Trader Mark wartet ab, seine Zeit, seine Stunde, seine Rache. Er gab, schien es immer, nicht auf, das war gut, das war richtig. "Er hat Komplexe", sagte Mary. "Als ob er fürchtet, er könne den andern das Wasser nicht reichen." Mark Hermann, einziger Sohn eines früh verwitweten Kneipiers und Rennstallbesitzers, der den Sprößling enterbte.
Mark wollte am Vater vorbei. Er wollte mehr als der Vater, und dessen Erbe wollte er obendrein. Jahrelang focht er um sein Recht. Vergebens.
Versank dieser Trader, weil der Vater ihn aufgegeben, oder gab der ihn auf, nachdem er den Sohn durchschaut; nachdem er erkannt, daß der eines Tages untergehen würde? Im Suff. Wie weit der Apfel vom Stamme hier fiel?
Zu Beginn des Jahres 1952 brachte Mary den Patrick zur Welt, dessen Vater, Trader Mark, es bis zu seinem Tode auf der Straße bei Hamburg nicht vermochte, ein väterliches Wort an seinen Sprößling zu richten. Konsequent riß Patrick die Trauerschleifen vom Grab seines Vaters.
Hatte Patrick nicht die verlogene Welt dieser trauernden Roßtäuschergemeinde mit wenigen Handgriffen decouvriert? Hatte er nicht bewiesen, daß er besser kapierte als jemals sein Vater?
Und es pflanzte sich fort. Mark ward nicht verstanden vom Vater und begriff nichts von seinem Sohn Patrick. Und Patrick schob alle Schuld auf Mark, wie dieser es mit seinem Vater getan.
Seinem Namen Meier, Mark Hermann Meier, hatte er es zu verdanken, daß Mary ihn nicht heiratete und Sohn Patrick also unehelich blieb. In Sachen des Namens, der Herkunft, des Standes, und sei's auch nur eines vorgemachten, einer nachgemachten Herkunft, in diesen Sachen, gleichviel, war Mary konsequent bis zur Verbissenheit.
Trader Mark hieß mit Zunamen Meier, schlicht Meier, mit ei. Ein Vorname lautete auf Hans. Hans Meier hieß der Trader. Marys Mama hatte zu Zeiten, als sie nicht haßte, befunden, daß Hänschen ein Mann sei und komme wie ein Herr. Seitdem ward im Hänschen der Hans zu dem Herrn und zum Mann. Daher der zweitdritte Name Hermann, wobei es dann blieb.
Alle kannten die Geschichte und vergaßen den Meier mit ei. Nicht so der Standesbeamte. Mary Meier? Das aber hätte Mary nie ertragen.
Irene Mary Badenburg, die freundliche Marie aus der Nähstube in Karow bei Berlin, sie sollte ja die Werkstatt ihrer Mom übernehmen, verließ die Schneiderei, ging mit dem Narren der Pferde und hieß sich fortan Erenya von der Badenburg.
Die Badenburgs führten ihren Namen auf eine fernverzweigte Verwandtschaft im Badenschen zurück. Außerdem wußten sie von einer Versippung mit altem Bayernadel. Und sie wußten davon stundenlang zu erzählen, auch von dem alten Schloß im polnisch verwalteten Teile deutschen Ostens.
Wer ihnen gern zuhörte, gewann ihre Zuneigung. Mit schwindendem Interesse keimte schwiegermütterlicher Haß der alten Badenburg, Lucia oder Lukreziana.
In den Jahren lernte die Familie mit den Geschichten leben, in den Geschichten, aus ihnen heraus. Die Frauen vergaßen, wie man lebt ohne sie.
Luk und Mary legten Patiencen.
Trader Mark stand ins Haus. Sie kokettierten mit dem Gedanken, er könnte es zum Einsturz bringen. Er brachte frischen Wind in die Räume, und gleich auch den schlechten Geruch seines Suffs.
Mutter saß in der Altberliner Kachelofenecke, rauchte Zigaretten und trank Kaffee. Wenn sie wollte, zeigte sie schöne helle blaue Augen. Man sah sie damals nie ohne Turban um den Kopf. Ein rotbrauner Wollschal bedeckte das Haar. Luk saß im Mantel, im Ofen glomm ein Holzfeuer, das kaum die Kacheln erwärmte.
Heißer Kaffee. Gespräche wie Spaziergänge durch eben erst auslaufende Vergangenheit. Krieg. Evakuation. Flucht. Hunger. Kälte. Und keine Zukunft. Vorhanglose Fenster. Der Stoff lag auf den Betten herum, niemand fand sich, die häuslichen Dinge zu richten. Als Mark hereinschneite, schien sich das Blatt von heut auf morgen zu wenden. Mit Patrick, dem Kleinen, kam der erste Sonnenschein, kamen neue, ganz andere Sorgen, kam Zukunft.
Den Trader zog es nach Hamburg, wo er für sein Fortkommen mehr Chancen sah. Mary zog es nach. Sie ging mit Pat, und die Mutter zog mit. So lebten die vier bis zu Meiers Unfalltod. Patrick war zwanzig Jahre alt geworden. Etwa zwanzig war Mark Hans Hermann, als Erenya ihn vor den Ställen kennenlernte.
Mark hatte ein Problem, das hieß Mark. So kam es zum Verrat am Liebsten, das er hatte. Es war nicht wieder gut zu machen. "Um ehrlich zu sein, in meinen Augen ist Mary eine Hure. Ich kenne sie. Wenn man nicht ständig auf sie aufpaßt, geht sie fremd. Aber ich komme von ihr nicht los. Ich habe sie gern, ich begreife das nicht, ich hänge an ihr. Ich kann auch die Mutter gut leiden, obwohl sie manchmal ein richtiges Aas ist. Irgendwie ist sie mir sympathisch, sie ist auch nicht dumm, sie ist sehr intelligent und gebildet, sowas imponiert mir, obwohl ich von Büchern nicht viel halte. Ich finde es albern, wenn Erenya ein Buch ins Regal stellt. Soll sie machen. Für mich vielleicht zu hoch. Aber ich mag intelligente Frauen, verstehen Sie, kluge Frauen, die sich zu benehmen wissen, in Gesellschaft und so. Mary macht überall einen guten Eindruck, irgendwie, man merkt das doch. Wenn sie sich unterhält mit den Leuten auf der Rennbahn, wir treffen da öfter mit Kollegen, Besitzern und ihren Frauen zusammen, da sticht sie die andern aus, was die natürlich ganz schön aufreizt. Mary sieht gut aus, das muß man ihr lassen. Die meisten Rennbahnfrauen sind rundlich, aber immer teuer gekleidet. Mary kann mit ihrer schlanken Figur in dem einfachsten Kleid Eindruck machen. Sowas fällt auf. Sie hat Chancen bei den Männern. Aber da passe ich schon auf. Auf der Rennbahn geht das okay. Bloß wenn ich woanders nicht dabei bin. Bei ihrer Arbeit, weiß ich, was da passiert, wenn die ihre Betriebsfeste feiern? Ich kenne sie. Am liebsten würde ich mich ja selbständig machen. Ich versuche es auch immer wieder. Aber das ist heute nicht so einfach. Und solange das nicht klappt, kann Mary da nicht weg. Irgendwann wird es mir gelingen. Das weiß ich, irgendwann. Wenn bloß die blöde Trinkerei nicht wäre. Manchmal bin ich so am Boden, wissen Sie. Und das Saufen bringt mich dann noch tiefer. Ich müßte die Tapete wechseln. Wollte schon mal nach Frankreich. Habe es versucht. Aber da kam ich mit der Sprache nicht hin. In der Schule war es nicht weit her mit mir. Ich sollte Vaters Geschäft übernehmen, und rechnen konnte ich immer ganz gut. Aber wo nichts ist, hilft das ganze Rechnen nicht. Lassen wir das lieber."
Solche Gespräche dauerten in den Morgen. Mark trank dabei, nicht überstürzt, aber unablässig, zwischen zwei Sätzen, zwei Überlegungen, ohne daß man ihm eine Sinnestrübung anmerken konnte. Erst wenn er aufstand und sich auf den Heimweg machte, erkannte man, daß er stockbesoffen war.
Das stundenlange Reden, das Vergrübeln des Übriggebliebenen, die dumpfen Gedankenrückstände im Taxi nach Hause, das paralysierte ihn; zuletzt war nur noch Wut in ihm, und so geschah es, daß er Steine gegen die Fenster warf, durchs Treppenhaus grölte oder zu grölen drohte, um endlich einen mörderischen Krawall zu veranstalten, Möbelstücke zu zerschlagen, auf die Schwiegermutter loszugehen, bis sie auf den Knien um Gnade flehte.
Gegen Mary wurde er nie handgreiflich, das soll angemerkt werden. Am Ende fiel er aufs Bett und schlief seine zwölf Stunden durch, entschuldigte sich anderntags, warb um Verständnis, kaufte etliche Kilo Fleisch beim Schlachter und bereitete ein üppiges Mahl.
"Er hat nie ein vernünftiges Wort mit mir gesprochen. Er ist gar nicht wie mein Vater. Wenn ich mal nach Pferden fragte, irgendwas von der Rennbahn wissen wollte, dann unterhielt er sich mit mir. Aber sonst. Auf meine persönlichen Fragen erhalte ich von ihm keine Antwort. Er spricht nicht mit mir. Wir leben so nebeneinander her. Er spricht nur mit Mary, das ist meine Mutter; sie wollte, daß ich Mary sagte, ihr war's am liebsten, wenn die Leute uns für Geschwister hielten. Jetzt ist es anders. Mary ist älter geworden. Jetzt möchte sie einen großen Sohn haben und jung aussehn. Ich kann nach zwanzig Jahren nicht auf einmal Mama sagen. Oma Luk und Hermann gehen einander aus dem Weg. Ich müßte hier raus. Mary sagt, ich brauche nur zur Schule zu gehen und eifrig zu lernen. Das Finanzielle regelt sie. Sie sagt, sie verdiene genug, um sich das leisten zu können. Ich kann hier nicht arbeiten. Ich ziehe mich in mein Zimmer zurück. Einschließen darf ich mich nicht, ich habe keinen Schlüssel, Mary will das nicht. Wenn ich eine Freundin zu Besuch habe, kommt Mary plötzlich herein und guckt nach, was wir machen. Ich weiß doch, wie die in ihrer Jugend waren."
Mary sagte: "Ich habe alles in den Jungen reingesteckt. Ich habe immer nur für ihn gearbeitet. Jetzt wird er frech, will sich nichts mehr sagen lassen. Mark sagt, ich solle aufpassen, es sei strafbar, den unmündigen Sohn mit einem Mädchen allein im Zimmer zu lassen. Jetzt will der Bengel den Schlüssel. Ich weiß nicht mehr weiter. Was sollen die Leute denken, man kann uns wegen Kuppelei belangen, sagt Mark. Im Grunde ist er ein Spießer, irgendwie hat er auch recht. Patrick ist so faul. Er arbeitet nicht für seine Schule. Man darf den Leuten gar nicht sagen, was ich mit dem schon angestellt habe, damit er wenigstens einen Abschluß bekommt. Jetzt wollte er die Schule verlassen und eine Lehre anfangen. Als Kunstschmied. Oder irgend so ein Handwerk. Das kommt gar nicht in Frage. Dafür hat das alles zuviel gekostet. Nun soll er auch was Vernünftiges werden. Er könnte auch studieren, aber der Junge tut ja nichts für seine Schule. Was soll ich nur machen? Ich arbeite und schaffe das Geld ran..."
Pat: "Das wirft sie mir immer vor. Aber wenn ich sage, daß ich mein Geld selber verdienen will, dann legt sie mir jedesmal einen Stein in den Weg. Ich soll zur Schule gehen, zur Schule! - dabei interessiert mich das gar nicht. Solange ich hier wohne, wird es sowieso nichts."
Es fiel auf, daß Pat nicht ging, sondern blieb; daß er blieb, wie sein Vater geblieben beziehungsweise immer wieder zurückgekommen war.
Was beiden zweifellos die Hölle, barg auch Annehmliches, etwas, das sie brauchten. Als ob sie ohne die Hölle nicht zu leben vermochten!
Noch etwas fiel auf: Pats Freundin. Pats Freundinnen. Von ihnen war viel die Rede. Von Pats sexuellen Problemen. Ob jene die Pille nehmen sollten oder nicht. Wie er sich zu verhalten habe. Freundinnen. Bettgespielinnen, zahlreich. Aber seine Ferien verbrachte er mit einem Freund und mit Cousine Malve auf Trampwegen durch die Lüneburger Heide.
Patrick erzählte, daß er sich schulisch aufs Abitur vorbereite - mit Unterrichtsbüchern für die neunte Klasse einer Mittelschule. Erzählte Pat Märchen?
"Weißt du noch", fragte er seine um zwei Jahre jüngere Cousine Malve, "wie es damals in dem Schloß war, am Kamin, darüber das Gemälde der Freifrau von Badenburg?" Es war die Krone Badenburgscher Geschichten.
Was hatte es mit dem "Schloß" auf sich? Schloß und Freifrau waren in Aller Munde, und Erenya stand nicht an, sich im Laufe der Jahre mit jener "Freifrau von der Badenburg" zu identifizieren. Als sei ihr da etwas abhanden gekommen, ein geladen Stück Vergangenheit, Familengeschichte, unaustilgbar konserviert im phantastischen Gedächtnis der Mary Erenya und ihrer unmittelbaren Familie - samt Hans Hermann Meier, der ebensowenig davon ablassen mochte. Und nun auch Patrick, der Jüngste, der damals noch gar nicht lebte?
Mutter Lukrezia war mit Töchtern und Mutter zu Kriegszeiten evakuiert. Sie lebten im Kaschubenland im heutigen Polen bis zum Einmarsch der Roten Armee.
Auf der Flucht hausten sie einige Wochen in einem Schloß ehemals deutscher Großgrundbesitzer irgendwo in Westpreußen. Erenya war damals ein Kind von zwölf Jahren, hing sehr an ihrer Mutter. Lukrezia war eher apathisch und in sich versunken als imstande, Praktisches zuwege zu bringen. Luc und Erenya verschliefen die Zeit. Aus diesen halbwachen Tagen kommen die Badenburgschen Geschichten.
Natürlich hatte man in der Familie ständig davon erzählt, so daß Pat schon als kleines Kind nicht Wirklichkeit und Gespinst voneinander trennen konnte. Nicht einmal Mary und Luk vermochten es. Neu ist und überraschend, daß auch Mark, der ja erst sehr viel später in die Familie geriet, die gleichen Badenburg-Geschichten für wahr nimmt und weiter erzählt, ja geradezu, genau wie jene, aus ihnen lebt! "Man muß das verstehen. Die zwei Frauen haben einmal bessere Tage gesehen." Bessere Tage? Müßte nicht aber Hanah, die immer dabei war, noch etwas davon wissen? Hanah kommt in den Geschichten tatsächlich nicht vor.
Sie weiß, in welchem Elend sie lebten, nachdem der Vater sich von der Mutter wegen deren jüdischer Abkunft hatte scheiden lassen, in Deutschland, zu Nazizeiten, was einem versteckten Mordanschlag gleichkam.
Was die halbe Ortschaft wußte, die Kinder wußten nichts von ihrer jüdischen Mutter. Hanah mußte sich mit ihren "Schulfreundinnen" auseinandersetzen, wurde "von der Seite angesehen", beschimpft, die Nachbarskinder gingen ihnen aus dem Wege. Die wahren Gründe dafür kannte sie nicht, und die Mutter ging über diese Dinge stillschweigend hinweg. Sie trugen keinen gelben Stern.
Mutter Luk verschwieg das Judentum ihrer Eltern nicht nur gegenüber ihren Kindern, sie selbst wollte "nichts davon wissen". Durch ihre Einheirat in die "arische" Familie Badenburg hatte sie den "Makel" selbst ihres "jüdischen" Mädchennamens abgelegt. Die Umstände des Bombenkrieges, ihre private Evakuierung zu Verwandten im Osten, die offenen Maschen im Netz der behördlichen Perfektion und schließlich die Tatsache, daß Hanah vorübergehend der nazistischen Jungmädchenorganisation angehörte und von daher einen amtlichen Ausweis besaß, der auf der Fahrt ins Kaschubenland bei polizeilichen Kontrollen auch die Mutter mit auswies, all das schützte die drei vor direkter Verfolgung. In der zurückgelassenen Nachbarschaft glaubte ohnehin jeder, sie seien nachts deportiert worden. Man zeigte sich überrascht, als Luk mit den zwei Töchtern nach dem Krieg wieder daheim auftauchte. Die Treue wurde belohnt.
Ja, irgendwie hatte Luk "schon bessere Tage gesehen"; aber eben nicht in jenem Schloß, sondern in den wohlhabenden Kreisen ihrer jüdischen Familie, von der sie sich durch ihre Ehe mit dem "Arier" Badenburg, der sie und die Kinder zuguterletzt beinahe dem Gas auslieferte, lossagte. Und damit lossagte vom Judentum. Der Verrat ehelichte den Verrat.
Zwischen diesem Verlorenen und dem Nichtgewonnenen wuchert die Geschichtenfolge vom Schloß jener "Freifrau von Badenburg". Daß Luk ihre erste Tochter obendrein Christiane nannte, war eine deutliche Herausforderung der jüdischen Familie und wurde auch so verstanden.
Man könnte es eine Ironie der Ereignisse nennen, daß Hanah später viel Mühe darauf verwandte, die von ihrer Mutter streng gehüteten, verheimlichten und bewußt falsch dargelegten Zusammenhänge und Hintergründe aufzudecken. Bereits aus frühesten Verhüllungsversuchen mögen die Badenburg-Geschichten ursprünglich herzuleiten sein.
In der Mathematik ergibt minus mal minus ein Plus. Der Verrat mit dem Verrat multipliziert, bringt Verwirrung hervor. Oder eine zurückfindende Treue.
Die Wirrnisse des Krieges und der Nachkriegsjahre brachten Marys Bewußtsein beträchtlich durcheinander. In Erenya vermischten sich Lüge und Wahrheit, Geschehenes und Erfundenes, Dinge und Undinge.
Mary hing als Kind an ihrem Vater, dem Verräter. Und hatte die Mutter den Lumpen geliebt, als sie ihn ehelichte? Nicht Liebe band sie an ihn. Hanah war keine Badenburg, sondern das Kind eines jüdischen Ingenieurs; Hershel Berend hatte Luk, die auch Orah hieß, geliebt, gemeinsam nach Brasilien auszuwandern, dazu mochte sie sich nicht entschließen. Die werdende Mutter spielte ihm eine Posse vor, heiratete unterderhand den "Arier" Badenburg, der dann auch als Hanahs Vater galt. Doch er sah es täglich deutlicher, wie scharf sie dem Emigranten aus dem Gesicht geschnitten war. Der in London lebende jüdische Onkel William wollte Hanah adoptieren, was von Mutter und "arischem" Ersatzvater allerdings strikt abgelehnt wurde.
So blieb auch Hanah bei der Mutter und ging deren Wege durch Kriegs- und Nachkriegszeiten mit.
Trader Mark ist der Vorwand für eine Geschichte des tiefgreifenden Verrats. Des Verrats an der eigentlichen Geschichte.
Und der "arische" Vater machte auf seine alten Tage den albernen Schmus mit der verblichenen "Freifrau von der Badenburg" auch noch mit!
Hermann ist tot. Die Hinterbliebenen geben diese oder jene Darstellung; man ist nie sicher, was man glauben darf, was nicht. Sobald sich ein paar Fakten haben zusammentragen lassen, erhebt sich die Frage, wie es um ihre Bedeutung bestellt sei. Eine ideologische Front hat es auf bewußte Irreführung angelegt, um aus dem ganzen Schlamassel die Badenburgschen Geschichten zu retten.
Wenn Hermann knapp bei Kasse war und niemand sich fand, der ihm was pumpte, kriegte er es übers Herz, nachts im Hamburger Freihafen Mehlsäcke zu schleppen. Er machte es heimlich, niemand sollte es wissen. Hans Meier hatte einen Namen zu verlieren. Daß er wegen Trunkenheit am Steuer im Gefängnis gesessen, galt als Kavaliersdelikt. Er hatte immerhin einen schweren Verkehrsunfall mit Todesfolge verursacht. Kriminell war er nicht. Er schnitt immer gerade so ab, hatte auch viele Freunde auf der Rennbahn, wo doch allerlei passierte.
Mary lief zornesrot an, und Mutter Luk wurde giftig, wenn einer zu behaupten wagte, Pferderennen seien wie jeder kommerzielle Massensport betrügerischer Nonsens. Da kamen Aggressionen geballt, massiv. Nicht von Hermann. Der war ehrlich; er wußte zuviel, sagte aber nur wenig. Er wollte sich nicht die letzten Chancen verbauen. Mary: "Im Bett, also beim sexuellen Akt, hatte er manchmal Schwierigkeiten, richtige Schmerzen. Sein Arzt sagte ihm, da hätte in der Kindheit etwas gerichtet werden müssen. Aber nun sei es wohl schon zu spät dafür. Er ist ja doch über vierzig. Ich glaube, er wußte es, wollte es aber niemandem sagen. Bei mir fühlte er sich sicher. Zu mir hatte er Vertrauen. Aber direkt sprach er auch mit mir nicht darüber."
Und Hermann glaubte, sie sei eine Hure.
Was immer der Mensch mit sich herumschleppt, zu messen ist an dem, was er daraus macht, wie er damit fertig wird.
Als Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre auf den Sportseiten der Tageszeitungen und sogar im Sender Rias Berlin der skandalöse Verkauf eines kostbaren Rennpferdes durch ein norddeutsches Gestüt die Gemüter erhitzte, bekamen auch Uneingeweihte einen kleinen Einblick in die Gepflogenheiten des Pferdegeschäfts.
Dort arbeitete ein Neffe des Traders. Dave und Pat hatten eine Zeitlang gemeinsam die Schulbank gedrückt. Dave entschied sich dann für den Pferdeberuf. Nach Marks Todesfahrt, bei der auch ein Bruder des Züchters zu Tode kam, kursierten in Pferdehändlerkreisen viele Gerüchte. Auf dem Gestüt erwog man bereits eine Sippenhaftung.
Waren Mark und Dave nicht Verwandte? War Dave nicht aufsässig, wenn nicht aufrührerisch ins Gestütsgespräch gekommen? Stand er nicht im Ruf eines "Gewerkschafters"? Hatte Dave sich nicht empört - etwa darüber, daß ein darmkrankes Pferd elend verrecken mußte, weil der Tierarzt nicht gerufen wurde, um die Arztkosten zu sparen, weil das Tier ohnehin "nichts mehr einbrachte"? Hatte Dave nicht beanstandet, daß erstens die Löhne um ca. 50 Prozent unter Tarif gezahlt wurden; daß zweitens für ca. achtzig Pferde zwei bis drei Leute beschäftigt wurden, obwohl nach den Vorschriften jeweils für zehn Tiere ein Mann zur Verfügung stehen sollte?
Hatte Dave nicht wegen einer schweren Mangelerkrankung, die beinahe Erblindung zur Folge gehabt hätte, mehrere Wochen im Krankenhaus gelegen? Und führte er diese Krankheit nicht auf das miserable Essen und die schlechten Arbeitsbedingungen sowie ein geradezu wölfisches Betriebsklima zurück?
Dave schätzte den Hermann als Pferde-Mark. Hermann mochte den Dave von Kindheit an, lobte später seine Gewandtheit im Umgang mit den Tieren. Dave hatte als kleines Kind niemals Angst vor dem betrunken randalierenden Hermann. Das hat der ihm nie vergessen. Während Pat eingeschüchtert zu Großmutter Luk flüchtete, ging Dave mit seinen kleinen Fäusten fröhlich auf den dicken Hermann los. Offenbar glaubte er nicht, daß Hermann Ernst machte, hielt alles für einen groben Jux. Und das überwältigte den Hermann zu Tränen. Es ist unvergeßlich. Daß sein eigener Sohn Patrick sich vor ihm verkroch, hat Hermann ebensowenig aus dem Gedächtnis verloren.
Wer als Kind nur Böses über seinen Vater hört, obendrein von der eng verbundenen Oma, der ist für den Vater verloren. Mary wirkte auf den Jungen ein, indem sie ihn von anderen Kindern absonderte, ihn auf Zukunftsplanung abzurichten. Es gelang nicht nach Wunsch. Pat widersetzte sich der ehrgeizigen Mutter auf ihre Weise: "Komm, wir gehen weiter. Diese dreckigen Proleten."
Man versteht die alten Geschichten vom Kampf gegen den Drachen, erkennt ihren Märchen- und Wunschcharakter: der Drache ist nie besiegt worden. Siegfried war ein Phantom, König Gunter, der Unzulängliche, ist die unbesiegbare Wahrheit.
Vielleicht war der Nazismus Ausdruck der Polarisierung von Wahrheit und Wirklichkeit.
Ein Mittel, die Kluft erträglich zu machen, ist die Illusion, sind Betrug und Selbstbetrug, die Erklärung der Lüge zur Wahrheit.
Als an ihre "jüdische Herkunft" erinnerte wurde, ließ Mary den Patrick im Großformat fotografieren, um zu demonstrieren, wie "arisch" er doch sei. In Bewegung gebracht hatte es der Sohn eines ehemaligen SS-Führers. Das Bürschlein hielt sich etwas darauf zugute, in "Rassenkunde" von seinem Vater "ausgebildet" worden zu sein. Er "erkannte" Menschen von "minderwertiger Rasse auf den ersten Blick".
Der Trader hatte es leicht, in solcher Gesellschaft Freunde und Anklang zu finden, er war der germanische Hoppla-Held in Person.
Leider ist Mark derweil gestorben; ihm ist nicht mehr zu helfen. Allerdings ist Pat nun da, und wenn es wahr ist, daß er in Vaters Fußtapfen tritt, ist Vorsorge geboten.
Der "Arier" Badenburg hat nach dem Krieg bereut, daß er sich scheiden ließ von der jüdischen Frau und ihren Kindern.
In mir ist der Satz: "Die Sonnengläubigen beten den Zorn an und die Ungeduld." Vielleicht kam die Ungeduld später hinzu.
Zorn will zu Wort und diesen Verrat nicht dulden, nicht das Vergessen, nicht das Weglassen, Hinzufügen, Verändern... Will nicht verzeihen, nicht annehmen die späte und wertlose Reue. Die Goldwaage der Gerechtigkeit bleibt Literatur. Der Undank wird Gott nicht erreichen. Er hat sie gerettet, er hat das Schicksal gewendet, so daß alle davonkamen. Einfach so.
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