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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

2001-12-24

Avram Kokhaviv

Rußland

Standortüberlegungen

Seit dem Ende der Sowjetunion ist Rußland kein fester Faktor mehr, mit dem man rechnen müßte... Das ist die oberflächliche Betrachtung. Rußland ist geopolitisch berechenbar; man muß nur die Formel kennen. Das ist zu flüchtig geurteilt.

Was ist Rußland, was ist zu bedenken und zu beachten, wenn man über Rußland Klarheit gewinnen will?

Das Volk.

Das getreue Abbild eines Volkes ist seine Armee. Das Verhältnis der einfachen Soldaten zu den Offizieren sagt eigentlich alles, was man über Rußland wissen muß. Die Soldaten fürchten und fürchteten ihre Vorgesetzten auf sklavische Weise. Es gehörte zu den ersten und seltsamsten Beobachtungen des Jahres 1945 in Deutschland. Was für ein Sozialismus!

In der Roten Armee herrschte ein rigoroses, wenn nicht brutales Klassen- & Kastensystem. Die Masse der einfachen Soldaten bildete eine große Klasse, während das Offizierskorps, je nach Waffengattung und Sonderaufgaben, in etliche Kasten zerfiel.

An den gesellschaftlichen Gegensätzen hat sich über die Jahrzehnte nichts geändert. Das wurde spätestens wieder klar, als die Sowjetarmee Deutschland verließ: die Offiziere in Polsterklasse- und Schlafwagen, die Soldaten in Viehwaggons.

Prügelstrafe für Soldaten ist eine tägliche Disziplinierungsmaßnahme in der russischen Armee.

Die Offiziere, gleich welcher Kaste, unterscheiden sich menschlich kaum von den einfachen Soldaten; Unterordnung und Unterscheidungen sind sozial-systematischer Art.

Die Russen sind ein liebenswertes Volk. Unsympathisch werden sie durch gesellschaftliche Allüren und in ihrer Einstellung zu den asiatischen Völkerschaften der ehemaligen Sowjetunion.

In sowjetischen Filmen inkarnierte sich ein sozialistischer Rassismus als hellblond-blauäugiger Heldentypus. Das Selbstverständnis der Russen als Abkömmlinge der Waräger/Wikinger ist charakteristisch.

Die Geschichte des Landes.

Ich glaube, daß die Geschichte Rußlands eine Geschichte der Überforderung ist. Das russische Volk war ein schlichtes Bauernvolk, das sich schwertat, in die moderne Zeit herüberzukommen. Peter der Große ließ den Bauern die Bärte abscheren und glaubte, damit einen wichtigen Schritt in die Zukunft zu tun. In Wirklichkeit hat er das Volk gedemütigt, und ich denke, daß das noch tief in den Menschen nachwirkt.

Moskau und Petersburg waren dem Volk fern und fremd und letztlich auch feind. Der Zar mußte im Lande Schrecken verbreiten, um seine Macht zu erhalten.

Rußland war zu groß, zu unübersichtlich, um selbst von seinen schrecklichen Herrschern ganz und gar begriffen zu werden.

Im russischen Märchen scheint oft das Motiv auf, wonach die Dummen nicht gut dran seien; man spürt allewege, daß "das Volk" sich für etwas dumm gehalten habe.

Indessen wird es von seinen ständischen und intellektuellen "Eliten" gern als dumm verachtet: durch die Zarenzeit ins sowjetische System und darüber hinaus.

Die Weisheit des Volkes, aus der jeder Dichter, Komponist und Denker schöpft, verschwindet im Geniekult der russischen Intelligentsia.

Die strukturellen und sozialen Probleme.

Die ursprüngliche und unüberwundene Struktur der russischen Gesellschaft schafft sich ihre sozialen Probleme täglich von neuem.

Die russische Art, damit fertig zu werden, ist eine gezielte Aggressivität gegen die südlichen Völkerschaften.

Die Kaukasier, Asiaten, sind die "natürlichen" Ablenk-Feinde der russischen Politik. In ihrer Bosheit gegen die "tschetschenischen Hunde", gegen Inguschen, Osseten... - all die "Fremden mit den schwarzen Haaren" - zeigen die russischen Menschen einen befremdlich wildernden Rassismus, der zu permanenten Kriegen führt und vermutlich nur mit der Auflösung des russischen Reiches bzw. einer Entflechtung und Neugliederung überwunden werden könnte.

Äußere Mächte waren immer wieder daran interessiert, den hegemonialen Charakter Rußlands künstlich am Leben zu erhalten.

Seit dem vorigen Jahrhundert erleben wir, daß die USA eine Großmacht Rußland als Kontroll- und Drohpotential gegen Europa und Mittelasien erfolgreich verbürgen.

Eine euro-islamische Strategie, wie sie hier schon vor Jahren vorgeschlagen worden ist, sollte dem vorbeugen bzw. entgegenwirken.

Die Religion und die Rolle der orthodoxen Kirche.

Das orthodoxe Christentum ist ein komplizierter Machtfaktor. Die seelische Kraft Rußlands potenziert sich gewissermaßen in der christlichen Orthodoxie, die als russisch-orthodoxe Kirche - in politischer Verbundenheit mit der griechischen und serbischen Orthodoxie - ihre historischen und kontinentalen Ansprüche herausstellt.

Rußland kommt als Drittes Rom wieder. Das innere Chaos wird es nicht hindern, sondern die Grenzen des Reiches überschreiten.

Der Geist von Byzanz tritt - bei anhaltender Feindseligkeit gegen den Islam - in die eigentliche, ursprüngliche Konkurrenz zum westlichen Europa.

Der Vatican weiß es. Dagegen ist sein Verhältnis zum Islam eher entspannt.

Die euro-islamische Strategie hat der geschichtlichen Logik nach ihren europäischen Stützpunkt in Rom.

Die Psychologie russischer Politik begründet ihre Konstanten. Sichtbare Veränderungen sind praktischer und taktischer Natur. Die russische Wiederbesinnung auf die religiösen Wurzeln verspricht dem Reich eine starke Zukunft.

Machtbewußtsein und seine historische Notwendigkeit.

Der russische Flächenstaat ist nicht so durchstrukturiert, daß man von einem Gesamtorganismus sprechen könnte. Es fehlt das infrastrukturelle Netz des modernen Staates.

Die alte Staatsdoktrin Rußlands besagt, daß ein so großes Land über ein durchorganisiertes Straßen- und Eisenbahnsystem auch leichter zu erobern wäre.

Rußland braucht starke Grenzen. Viele tausend Kilometer Außenfront wollen bewacht sein. So viele Grenztruppen gibt es gar nicht.

Infrastruktur schafft auch Sicherheit. Die aktuelle Bedrohung kommt aus der Luft. Die russische Regionalpolitik ist ebenso altmodisch wie vielleicht - trotz allem - über die Zeiten richtig.

Rußland hat sich an einen Ring von Pufferstaaten gewöhnt, die freiwillig oder unter Druck die Sicherheit des Großreiches garantieren sollen.

Allerdings gibt die moderne Technik den kleinen Staaten Mittel zur Hand, sich aus solchen Zwängen zu befreien.

Mit ernsten Vorbehalten ist darum zu sagen: Als Drittes Rom kann Rußland seine Schwächen ausheilen. Die Rückbesinnung auf seine alte Seelenstärke macht Rußland unüberwindlich.

Was kann Europa sich davon erhoffen? Rußlands gute Laune.

Europa muß den Riesen bei guter Laune halten. Überlisten wird es ihn nicht.

Der russische Riese ist kein dummer, wie wir ihn aus deutschen Märchen und vielleicht aus unserer Wirklichkeit kennen. Der russische Riese ist ein genialer Schachspieler. Mag Rußland sein Volk nicht satt kriegen, seine schachspielerische Meisterschaft ist von Europa aus unbesiegbar.

Die große Politik der Gegenwart. Das Verhältnis zu Amerika als Schlüsselfrage.

Die Kraft der russischen Seele fördert die politische Ambition. Das neue Rußland versteht sich als Weltmacht wie das ganz alte. Dies - eben dies - gibt ihm die Gewißheit fürs neue Jahrtausend.

Die von Westeuropa her nicht zu besiegende Macht Rußland ist allerdings verwundbar und ohnmächtig in der asiatisch-islamischen Flanke.

Rußland reagiert auf den Islam ebenso panisch wie die USA seit dem 11. September. Die Abneigung der Russen gegen den Islam sitzt jedoch tiefer.

Die christliche Orthodoxie Osteuropas hat im Islam ihren - geistig imgrunde unangreifbaren - Urfeind erkannt.

Europa

Durch ein imperial-entschlossenes Rußland womöglich bedrängt, muß Europa, da die atlantische Allianz wegzubrechen droht, über kurz oder lang im Islam die historisch gegebene Sicherheitskomponente sehen.

Amerikas Krieg gegen den Islam ist nicht der Krieg Europas. Wenn Amerika nicht davon abläßt, muß Europa sich von ihm trennen, was nicht leicht sein wird.

Oder Europa muß sich der russischen Vor- und Übermacht unterwerfen.

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