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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

2001-12-22

Avram Kokhaviv

Afghanistan ist die ideelle und ideale Heimat der Situationisten. Könnte man meinen.

Die bombenden Komiker schießen sich mittlerweile zirkusreif.

Wer rechnet denn damit, daß ein Anruf genügt, um die US-Luftwaffe auf erflunkerte Ziele loszulassen. Das ist ja wie im Zirkus. Der Dompteur hält das Stöckchen, und die Air Force zeigt, was sie kann. Sie braucht den Applaus.

Daß aus Versehen die eigenen Agenten dabei hops gehen, glaubt wohl keiner, dem es nicht mehrmals, nun auch von unverdächtiger Seite bestätigt wird.

Die Fälle häufen sich. Den Einsatz der amerikanischen Luftwaffe dirigieren nicht die Kommandeure, sondern wer sich was davon verspricht.

Nord-Allianz-Streiter, vielleicht Tadschiken, die mit anderen Nord-Allianzern, vielleicht Usbeken, im Streite liegen, berichten den Amerikanern von angreifenden Taliban- oder Al-Qaida-"Banden". Prompt schickt der Große Bruder seine Kampfbomber und poltert los. Immer aufs Schlimme. Treffen sie ins Ziel oder daneben, es trifft mit Sicherheit Verbündete oder die eigenen Leute.

Zuletzt stützt sich Amerika auf wandernde Afghanen oder Höhlenbewohner im Freigang, die herum erzählten, daß zwei Landwege weiter eine Kolonne Al-Qaidas, mit Osama bei sich, auf der Flucht sei, man solle doch, dann aber schnell... Super-Intelligence schnappt das fix super auf, gibt die Erkenntnisse an die operative Befehlszentrale weiter, und gleich geht's ab.

Richtig: eine große Kolonne. 14 Fahrzeuge werden zerstört, 65 führende Persönlichkeiten getötet.

Leider waren es keine Taliban oder Al-Qaida-"Banditen", sondern Stammesführer und religiöse Autoritäten, Anhänger Karsais, die sich - wie auf dem Bonner Petersberg beschlossen - an seiner künftigen Übergangsregierung beteiligen bzw. darüber verhandeln wollten. Sie waren auf dem Weg nach Kabul.

Es war eine Finte: US-Intelligence wurde Opfer talibanischer List, afghanischer Intelligenz, wenn man so will. Die Supermacht brachte eine beachtliche Zahl ihrer prominentesten Verbündeten um.

65 hohe und höchste Würdenträger. Das wird teuer. Die alten Stammesgesetze - Auge um Auge, Zahn um Zahn - fordern einen hohen Blutzoll. Die nachrückenden Autoritäten werden ihre Amtszeit mit einer so oder so gearteten Rechnungslegung beginnen.

Sie werden untereinander beraten, doch nicht in Kabul. Der eine oder andere Stammesfürst wird darüber nachdenken, ob er aufs falsche Pferd setzte, als er für die "Koalition gegen den Terror" votierte. Kollaborateure der westlichen Eindringlinge leben gefährlich in Afghanistan.

Al Qaida ist wahrscheinlich über alle Berge, und die Taliban haben es schwer, nach den verheerenden Bombardierungen wieder auf die Beine zu kommen. Die talibanischen Rückzüge haben allerdings die Zivilbevölkerung vor noch größeren Bombenschäden bewahrt.

Die Abwesenheit der Taliban hindert sie indessen nicht, über ihre Feinde zu triumphieren.

Wieder wurden die Invasoren mit ihren eigenen Waffen geschlagen.

Inzwischen kursieren allerlei Dementis: Rumsfeld bleibt dabei, daß die Bombardierten Taliban oder Al Qaida waren; Karsai schließe sich dem neuerdings an. Er hat in Kabul seine Regierung gebildet und streite ab, daß afghanische Würdenträger seiner Anhängerschaft bei dem Bombenangriff umgekommen seien. Außerdem, so die jüngsten Berichte oder Gerüchte, seien die angreifenden Bombenflugzeuge zuvor vom Konvoi aus mit Raketen beschossen worden.

Wer die US-regierungsamtlichen Statement-Eiertänze der letzten Tage miterlebte, gewann ohnehin die Gewißheit, daß die Große Politik auch von einem Desaster wie dem berichteten Fehlangriff sich nicht die Tour vermasseln lassen werde.

Drum ist eben nicht wahr, was nicht wahr sein darf.

Zusatz

Nach der allerjüngsten DEBKA-Nachricht vom Abend des 22. Dezember war die Falle noch raffinierter ausgedacht und gestellt, als hier angenommen. Danach kommt der Al Qaida allerdings eine weitaus größere Bedeutung zu, als ich bisher eingeschätzt habe.

Die US-Regierung wird nun wohl endgültig von ihren blamablen Schutzbehauptungen Abstand nehmen müssen. Vielleicht sollten bald auch personelle Konsequenzen gezogen werden, auch wenn dem Satiriker dann etwas fehlen wird.

See also:
Material: Der Beschuß eines Fahrzeugkonvois nahe Tora Bora in der Presse
Afghan Interim Government Inauguration blighted

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