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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

2001-12-20

Avram Kokhaviv

Rumsfelds Drohungen

Seine Drohungen sind eigentlich Warnungen. Er will uns vor drohenden Gefahren schützen. Darum sagt er uns rechtzeitig, daß die Terroristen allemal auch europäische Städte wie Paris, Berlin oder London, diesmal gar mit Nuklearbomben oder chemikalischem Geschoß bewerfen könnten. Doch es liest sich wie eine Drohung. Donald Rumsfeld gehört zu den Politikern, denen ich zu allererst zutrauen würde, wovor er uns bewahren möchte. Also. Ich habe Schwierigkeiten, dem Mann zu trauen.

Tatsächlich hätte ja Amerika ernsthaft Gründe, den Konkurrenten Europa nachhaltig so zu beschädigen, daß er für eine Weile ausfiele. Danach kann man weitersehen. An einem starken, gar einigen und unabhängigen Europa kann auch einem Rumsfeld nicht gelegen sein, denn immerhin ist er für die Verteidigung seines Vaterlandes zuständig, und Europa, geeint, wäre ein starker Rivale, natürlich auch Partner, aber was macht das schon.

Es ist wirklich verrückt. Seit dem 11. September 2001 stimmt wieder mal gar nichts, wie damals im Vietnamkrieg und später im Golfkrieg. Wenn ein Amerika-Fan wie ich solche Töne anschlägt, muß was im ärgsten Argen liegen.

Mit dem "Terroristen"-Trick ist alles möglich. Eine Supermacht auf dem "Terroristen"-Trip kann die ganze Welt terrorisieren und den "Terroristen", keiner kennt sie, niemand hat sie je gesehen, den "Terroristen" alles in die Schuhe schieben. Wenn die Welt heute tatsächlich gefährlich lebt, so unter diesen Umständen. Es gerät alles außer Kontrolle, und der Stärkste behält immer Recht. Das ist politisch korrekt.

Das neue Faustrecht ist wirklich phänomenal. Das Verrückteste daran ist, daß kaum jemand es zu merken scheint. Als die Staaten einst die Piraterie selber betrieben, blühte sie erst so richtig auf. Der Partisanenkampf gegen die Nazi-Wehrmacht war letztlich so erfolgreich, weil von Staats wegen organisiert. Auch in Jugoslawien kämpften nicht einfach die Bauern und Arbeiter gegen die Okkupanten. Das hätten die Befehlsstrukturen gar nicht zugelassen. Die spanischen Anarchisten, diese authentischen Freiheitskämpfer, wurden nicht von ihren äußeren, sondern von ihren inneren Feinden, in diesem Fall war's die Kommunistische Partei, vernichtet. So war es in der Sowjetunion, in Jugoslawien und überall in der Welt: Alles Autonome wird tendenziell und tatsächlich ausgerottet. Darum geht es eigentlich auch unseren "Anti-Terroristen".

Ich meine, das autonome Individuum wird sich auch im eben angelaufenen Jahrtausend nicht einfach ausrotten lassen. Dieser Menschentypus wächst nach wie die Generals, wohl weniger zahlreich, dafür in sich differenzierter. Um mit einem von ihnen fertig zu werden, bedarf es der Generals in großer Zahl. Meine Handformel war immer: etwa 1 zu 300. Auf einen mehr oder weniger kommt es hier nicht an.

Es ist nicht dasselbe, ob ein autonomer Schwacher die Generals oder die Generals die Schwachen terrorisieren. Natürlich müssen die Generals vor jedem Ohnmächtigen, in dem das principium individuationis waltet, Angst haben. Die Angst vor dem höheren Niveau ist immer bei der Überzahl, oder genauer: bei deren Generalstäben, die mit der großen Klatsche arbeiten. Das ist ein Gesetz. Und daran muß von Zeit zu Zeit erinnert werden.

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