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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...
2001-11-22
E. L. Doctorow, City of God. Aus dem Amerikanischen von Angela Praesent. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2001. Titel der Originalausgabe City of God. © 2000 by E. L. Doctorow. "Aus urheberrechtlichen Gründen konnte die dem Originaltitel entsprechende deutsche Übersetzung nicht genommen werden" (Verlagsanzeige).
Ich glaube gern und glaube nicht, daß der Mann einen Roman schreiben wollte. Daraus wurde eine Reihe von kleinen Szenen und Dialogen, um deren Fortsetzung und Verknüpfung er sich ständig bemüht, mit Spekulationen über das Weltall und seine physikalischen Gesetze... Die christlichen Kirchen und ein bißchen Kriegsgeschrei, ein bißchen Judentum, ein bißchen Poesie und ein bißchen Jazz, es soll an nichts fehlen. Der Eindruck zuletzt verdeckt und verschiebt den Eindruck vom Anfang.
Ein paar Pflichteinlagen zur Sexualität und im letzten Viertel ein kurzer Hinweis auf De Civitate Dei des Heiligen Augustinus, die Titelquelle, diese halsbrecherischen Unternehmungen, das Höchste mit dem Niedersten zu versöhnen, man merkt die gute oder vertane Absicht, du meine Güte, und die vom Verlag zelebrierte Kritik spricht von einem für Amerika eigentlich ungewöhnlichen Ideen-Roman. "Eine Seltenheit", sagt Joyce Carol Oates.
Viel Deutsches dabei. Der Lutheraner Tillich und der Philosoph Wittgenstein spuken immer wieder mal auf, was soll das Getue. Dabei haben wir eine einfache Geschichte.
Aus einer Kirche wurde das große Altar-Kreuz gestohlen, eines aus Messing, das seinen Schrottpreis wert ist, mehr nicht. Die Diebe stellten das Kreuz auf dem Dach einer Reform-Synagoge ab. Alles New York. Die Moral der Geschichte?
Wer waren die Täter? Mein erster Gedanke, es müßten eigentlich orthodoxe Juden gewesen sein, die es der Reformgemeinde und dem Ehepaar Rabbiner und Rabbinerin stecken wollten: Wenn Ihr tut, was und wie Ihr es tut, könnt Ihr gleich zur Kirche Euch erklären und zum Christentum übertreten. Im Dachstuhl brennt's!
Den Vorwurf hätte ich jederzeit unterschrieben. Ähnliche Überlegungen läßt auch der Autor anstellen.
Du denkst, er sei ein christlicher Prediger, ein halbherziger Philosemit dazu, doch eigentlich: ein Ungläubiger, ein Abtrünniger, ein Deutscher, der sich rückbesinnt.
Die Stadt Gottes oder den Gottesstaat habe ich nirgendwo und zu keiner Sekunde aufglimmen sehen. Der Erzähler verabschiedet sich mit einer artigen Verbeugung vor dem Reform-Judentum. Eine Reverenz an den Zeitgeist. Nicht einmal an New York. Er bringt es nicht zum Leben. Seine Ausflüge ins jüdische Litauen sind unecht.
Mag sein, er hatte eine Idee von New York, den historischen Wurzeln, doch keine Erfahrung mit der Stadt. Ein poetisches Bild. Gewollt und nicht gelungen. Karl May war niemals im Wilden Westen gewesen, als er seine Bücher schrieb. Aber er hatte Phantasie.
E.L.Doctorow wurde 1931 in New York geboren, gilt, wenn man dem Verlag glauben darf, als "einer der großen amerikanischen Erzähler des 20. Jahrhunderts, erhielt für sein umfangreiches Werk, das als Vorlage für Filme und Musicals diente, zahlreiche Auszeichnungen. Er lebt und arbeitet in New York".
Mich dünkt und deucht, daß ich den Mann und seine Geschichte gründlich mißverstanden habe. Ich bitte also um prüfende Lektüre und wohlwollende Einsichtnahme in die Stadt Gottes.
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