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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

2001-11-22

Horst Lummert

"Sehr geehrter Parteifreund..."*

Demokratisierungsversuche

*Ulrich Keitel, "Sehr geehrter Parteifreund..." - Parteiinterne Rundbriefe gegen alte Nazis. © 2001 Frankfurter Societäts-Verlag.

Schnee von gestern, denke ich, wen interessiert das heute noch. Dann der nächste Gedanke: Wie wird die Vergangenheit vorgelegt, ist alles so geschildert, wie es mal war; wie es geschah, als es geschah?

Ulrich Keitel ist oder war ein Kämpfer, ein weißer Ritter. Der "Schnee von gestern" ist ein zeitgeschichtliches Dokument, ein bisher fehlender Mosaikstein, der ein paar Lücken abdeckt. Und neue aufreißt, könnte man fast sagen.

Gerhart Baum, Bundesinnenminister a.D., in einem Vorwort:

Wir haben gerade eine intensive, sich über Monate hinziehende Debatte über die sog. 68er Bewegung erlebt. Einer ihrer wesentlichen Beweggründe war damals der energische Kampf der Jüngeren für eine kritische Auseinandersetzung mit der Nazizeit... Ganz allgemein kann man sagen, dass die damalige 68er Reformbewegung die Demokratie auch insoweit gestärkt hat (7).

Das habe ich ganz anders in Erinnerung. Die 68er waren antiautoritär, vor allem aber antiamerikanisch und antiisraelisch. Die "Bewegung" begann mit dem Schahbesuch vom 2. Juni 1967 und dem einige Tage darauf folgenden 6-Tage-Krieg im Nahen Osten.

Die antiautoritäre Studentenbewegung mutierte - im Schatten des Vietnam-Kriegs - zur Außerparlamentarischen Opposition (APO), zum Terrorismus der Roten Armee-Fraktion (RAF), wandelte sich schließlich zur Friedensbewegung und zum von der Geschichte enttäuschten Zeugen der Wende, des phänomenalen Einsturzes der Sowjetunion samt bombastischem Satelliten-Reich, dessen Wiedererstehung akut wird, seitdem Amerika den Einsturz der WTC-Türme erlebte und den russischen Trümmerstaat als Hauptkoalitionär wider den Terrorismus favorisiert. Diese Koalition verspricht auch für Europa nichts Gutes.

Die außenpolitischen Ambitionen der "Bewegung" deckten sich fast nahtlos mit denen der NPD: vornan stand der Austritt aus der NATO. Von einer "kritischen Auseinandersetzung mit der Nazizeit" konnte allenfalls die Rede sein, soweit die Bundesrepublik Deutschland als "revanchistischer Nachfolgestaat" des Hitlerreiches denunziert wurde.

Die "Bewegung" richtete sich formal zwar auch gegen den "Bürokratismus" des Sowjetblocks, erledigte aber im großen und ganzen dessen Politik, indem sie alles darauf anlegte, die Bundesrepublik im Westen bündnisunfähig zu machen.

Die aufrührerischen Attacken gegen den Springer-Verlag hatten - neben seinem Wiedervereinigungsgebot - Springers Israel-Engagement im Sinn.

Die 68er, die APO und ihre Fortsetzung in der sogenannten Friedensbewegung waren insgesamt ein "innerer" Aufruhr gegen die Bundesrepublik als damals stärkstes europäisches Mitglied der NATO.

Die 68er waren objektiv die Speerspitze gegen (nicht für) die Demokratie und ihre Westbindung.

In der späteren Derationalisierung der "Bewegung" - via Feminismus und Ökofaschismus - ist ihre innige Verwandtschaft (nicht Feindschaft) mit der völkischen Tradition immer deutlicher hervorgetreten.

Die sogenannte antiautoritäre Linke hat der aktuellen Rechten den Boden bereitet und ist auch personell und konzeptionell von dieser kaum noch zu unterscheiden.

Die Briefe sind chronologisch geordnet, solide - im Buchsatz - dokumentiert; doch dann denke ich an die - nicht überzeugendere? - Faksimile-Wiedergabe im alten kuckuck, das war in den achtziger Jahren. Später nahmen wir die Dokumente ins Internet zum kuckuck-Archiv.

Eines Tages der Anruf, daß dieses Buch geplant sei, da würde die Website nur stören. Na, gut, es soll keinen Ärger mit dem Verlag geben. Wir nahmen es wieder heraus.

Aber gleich im einleitenden Text des Autors und Herausgebers zu lesen:

Hier wird ein Vorgang publiziert, der bis heute unter völligem Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand (13),

ohne jeden Hinweis auf die kuckuck-Episode in den achtziger Jahren... Ist das nicht ein bißchen happig? Macht ja nichts, aber gewissenhaft aufklärend ist es wohl nicht.

Spätestens im Internet fanden einige Dokumente - vorübergehend - die Öffentlichkeit, die sie mit dem Buch niemals erreichen werden.

Was mir inhaltlich sofort auffällt, ist die Außerachtlassung der objektiven Zusammenhänge. Da hat einer in der Partei bestimmte Probleme aufgegriffen und kritisch behandelt, alles parteiintern, natürlich; doch die Geschichte lebte schließlich davon, daß sie eben nicht intern blieb, sondern durch die Parteimaschen nach außen sickerte, falls sie nicht ohnehin hineingetragen war.

Wie wir heute aus dem von der FDP jahrzehntelang unter Verschluss gehaltenen Untersuchungsbericht des damaligen Bundesjustizministers Thomas Dehler, des seinerzeitigen Bundeswohnungsministers Fritz Neumayer und des Bundestagsabgeordneten Alfred Onnen wissen, konnten die Liberalen den im Bericht geforderten Ausschluss des restlos kompromittierten Achenbach niemals durchsetzen. So motteten die Zustände in der FDP Nordrhein-Westfalens und anderwärts weiter vor sich hin (16).

Mit Keitels und Knapps Hilfe erschien der sogenannte Onnen-Bericht ungekürzt im kuckuck, alles in den achtziger Jahren. Seit langem steht der Text bei uns im Internet, wo er täglich abgerufen wird.

Wenn der Bericht nicht schon vor der kkk-Veröffentlichung bekannt wurde, so weiß ich vor allem eine Person, die das rechtzeitig hätte abstellen können.

Wenn kuckuck und kokhaviv publications bei Keitel keine Erwähnung finden, so mag das etwas mit dem Verlagsgeschäft zu tun haben. Es paßt aber auch in den Umstand, daß die kokhavim eine Doktrin vertreten, die sich in Deutschland und also auch in Frankfurt keiner besonderen Beliebtheit erfreut. So kommt es, daß ich nicht einmal das versprochene Rezensionsexemplar vom Autor erhielt. Erich Knapp erwarb es in einer Heppenheimer Buchhandlung. Verkehrte Welt.

Im übrigen enthält der Onnen-Bericht nichts, was wir nicht schon aus früheren Presseberichten wissen konnten. Die Naumann-Affäre beschreibt keinen Selbstreinigungsprozeß, sondern die Intervention der britischen Besatzungsmacht gegen ns-restaurative Bestrebungen in der Partei.

Interessant dabei ist, daß dem "rechten" Erich Mende von sogenannten Linksliberalen und Neutralisten vorgeworfen wurde, gegen die Konspiration der FDP-Nazis agiert bzw. sie vor der britischen Aktion, von der er "seit Monaten" wußte, nicht gewarnt zu haben. Er sollte deshalb aus der Partei "entfernt" werden. Der Parteivorstand wollte an Mende "ein Exempel statuieren" (vgl. Neue Politik 44/1970; kkk 45a-d). Der Mann wechselte später zur CDU.

Politisch ging es um einen einfachen Sachverhalt: Der "rechte" - wirtschaftsliberal und also westlich orientierte - Flügel der FDP tendierte zur Koalition mit der CDU Adenauers und wurde darum als "nazistisch" usw. etikettiert und diffamiert; während die grundsätzlich neutralistischen Nazis - in der FDP und anderswo - eine ebenso klammheimliche wie strategisch elementare Hofierung der Russen auf Gegenseitigkeit erfuhren, die in der Friedensbewegung einen historisch-propagandistischen - wenn auch gewiß nicht letzten - Höhenflug erlebte. Die Feinheiten waren anfangs nicht so klar zu erkennen.

Dieser Vorgang ist natürlich Teil der jahrelangen Auseinandersetzungen zwischen Linksliberalen und Nationalliberalen innerhalb der FDP, die mittlerweile mehrfach von Zeitgeschichtlern, Historikern und auch Beteiligten dargestellt worden sind (13).

Die sogenannten Linksliberalen, die später mit der SPD die sozialliberale Koalition eingehen und damit den ostpolitischen Kuhhandel auf den Weg bringen, diese Linksliberalen "innerhalb der FDP" waren nichts anderes als die Rechts- oder Nationalliberalen, nämlich "Ehemalige" - ehemalige NS-Offiziere, NS-Bürokraten, NS-Propagandisten...

Der "linke" Flügel wollte eine sozial-liberale Koalition mit der SPD. Daß die "linken Liberalen" à la Scheel, was die NS-Vergangenheit angeht, nicht weniger "rechts" als die "Rechten" bzw. "Nationalliberalen" waren, scherte damals niemanden, denn schließlich war es darum zu tun, eine "Neue Ostpolitik" einzuleiten bzw. erst einmal vorzubereiten.

Zunächst: Nach zwei Monaten stößt Erich Knapp zu Ulrich Keitels Initiative. In seinem Brief vom 23. Mai 1960 an den Parteivorsitzenden Erich Mende äußert er sich umfassend zur damaligen Misere der FDP. Das Schreiben erinnert den Kenner der Szene in manchem an Knapps Jahre beim Bund Deutscher Jugend (BDJ) und an die Theorien des BDJ-Vorsitzenden Paul Lüth.

Knapps kritische Bemerkungen zu Preußen können im Lichte seiner aktuellen islamo-preußischen Ideen gelesen werden. Ich sage das ohne Häme. Jeder von uns hat seine Erkenntnisprozesse durchgemacht. Wer sich nie an die Öffentlichkeit wagte, weiß nicht, wovon die Rede ist.

"Knapp ist einer jener zahlreichen Liberalen", schreibt Keitel einleitend, "die einmal in unserer Partei waren. Er verließ sie im März 1957 nach 7jähriger Mitgliedschaft. Knapp ist heute stellvertretender Vorsitzender der Frankfurter Gruppe in der Deutschen Gruppe der Liberalen Weltunion" (67).

... auch der Elitebegriff, von der modernen Soziologie längst als unwissenschaftlich abgetan, symptomatisch für eine faschistische Mentalität. Auch hier möchte ich Sie fragen, was eine liberale Partei mit solchem "Gedankengut" zu schaffen hat und ob Herr Rinné für derlei Allerweltnonsens etwa deshalb so aufgeschlossen ist, weil er sich mal in großer Zeit, wie der Monat zu berichten weiß, um die Mitgliedschaft in einer gewissen "Eliteorganisation" beworben hat.*
3.) Der Preußen-Komplex: Der Appell an propreußische Gefühle, der immer wieder im Freien Wort ertönt, zahlt sich gewiß in den Hansestädten und in West- und Süddeutschland nicht aus. Eher wirkt er dort abschreckend. Preußen hatte außerdem eine sehr unselige Eigenschaft: es verstand es meisterhaft, sich und Deutschland in der ganzen Welt so unbeliebt zu machen, wie es beispielsweise Frankreich oder Österreich selbst in den Zeiten ihrer größten Macht und Aggression nie fertigbrachten... Es empfiehlt sich nicht, an kompromittierte Traditionen anzuknüpfen, um so weniger, wenn sie auch in nichtkonfessionalistischen Kreisen auf Abscheu stoßen. Was schließlich den im Freien Wort oft beschworenen legendären fleißigen, pflichttreuen, sparsamen preußischen Beamten anbetrifft: er hatte in den "Musterländlen" durchaus Seinesgleichen, nur gemütlicher, menschlicher, weniger "Zwölfender". Der österreichische Beamte aber brachte fremden Völkern weitaus mehr Takt und Einfühlungsvermögen entgegen, als die preußischen Beamten den deutschsprechenden Elsässern und Lothringern. - Zuletzt möchte ich noch daran erinnern, dass auch die Nazis mit dem Fridericus-Rex-Mythos operierten. Muß die liberale Partei da nachziehen?
4.) Der Reichs-Komplex: Auch das im Freien Wort zu oft beschworene Reich ist leider gerade durch Deutschlands Nationalisten pervertiert und zerstört worden. Deshalb verknüpft sich "das Reich" heute für alle unsere Nachbarvölker mit der Schreckensvorstellung des "deutschen Imperialismus". Von diesem mißbrauchten Wort sollten wir unserem Volk nicht die Zukunft verstellen lassen. Doch davon abgesehen scheinen auch die Redakteure der FDP-Wochenzeitung vom übernationalen Charakter des alten Reiches wenig Ahnung zu haben. Der Aufsatz des Herrn W.W.v.Wolmar über den unheilvollen Flottenbauer von Tirpitz sagt darüber genug aus.
Ich will gar nicht bestreiten, daß Das freie Wort auch gute Mitarbeiter hat: K.H.Flach, H.Lenz, W.Stephan, M.Habdank usw. Doch gerade der Gegensatz zwischen, kurz gesagt, Liberalen und Nationalisten läßt eine klare Profilierung des Freien Wortes nicht zu. Ich bin ein Liberaler und habe für den Marxismus und den Konfessionalismus so wenig übrig wie für den Nationalismus. Deshalb würde ich dem deutschen Liberalismus ein Publikationsorgan wünschen, das seine Ideen so klar, fundiert, einprägsam und eindeutig vertritt, wie das der Vorwärts und der Rheinische Merkur bei den Gegnern des Liberalismus fertig bringen.
Vielleicht spricht Das freie Wort einen gewissen Teil unseres Volkes an, den, der politisch abstirbt. Liberale, Demokraten und europäisch Denkende wirbt es nicht an; es stößt sie eher ab, auch von der FDP. Eigentlich liegt es auch in Ihrem Interesse, sehr geehrter Herr Dr. Mende, ob das Sprachrohr der FDP an die Tumben und Gestrigen oder an die Hellen und Aufgeschlossenen appelliert, ob es Ressentiments nährt, die das Deutsche Reich zerstört und das alte deutsche Kulturvolk geschändet haben, oder die freiheitlichen Kräfte im Lande anspricht. Die FDP steht nicht so gut da, daß sie sich eine Wochenzeitung leisten kann, durch die ihre Mitglieder weder zu liberal-demokratischen Überzeugungen gelangen noch freiheitlich gesinnte Wähler angezogen werden.
*Im Monat konnte man im März 1960 lesen: "Dieser von Erik Rinné verfaßte Artikel des Organs der FDP gewinnt an Farbe und Aussagewert, wenn man weiß, daß Rinné sich noch 1944 bemühte, seinem Führer in der SS zu dienen" (69f.).

Dem Erich Mende wurde vorgehalten, mit dem Adenauer Politik gemacht zu haben, und darum war er der "Revanchist"... Komisch ist, daß Helmut Kohl zur verborgenen Grundsatzfrage - aus anderem Anlaß - an Ulrich Keitel schrieb, als er - der spätere langjährige Bundeskanzler - noch nicht so bekannt war wie heute.

Die Diskussion um Hans Filbinger hat eine entscheidende Frage aufgeworfen - die Frage, ob wir uns eine "Vergangenheitsbewältigung" leisten können, bei der nach einem geradezu pharisäischen Schnittmuster vorgegangen wird: Wer als NSDAP-Mitglied nach 1945 den Weg zur SPD fand, ist als Geläuterter für immer tabu; wer aber nach Kriegsende in anderen demokratischen Parteien tätig wurde, sitzt als Unbelehrbarer für immer auf der Anklagebank (265).

Nach dem gleichen "Schnittmuster" wurde nun zwischen "linken" und "rechten" Liberalen unterschieden und geurteilt. Dabei ist noch nicht einmal erwähnt, welche deutschlandpolitischen Einmischungen, per Information und Desinformation, etwa aus der sogenannten DDR damals zu diesen inneren Zerreißproben der Bundesrepublik geführt haben. Darüber wissen wir heute mehr als damals, wenn auch noch immer nicht genug.

Das zentrale Angriffsziel der politischen Kampagnen war die westliche Bündnispolitik Adenauers und später Kohls. Die Konsequenz der Politik im Atlantischen Bündnis war der eine und einzige Knackpunkt, gegen den sich sämtliche künstlich aufgetürmten Affären, Kampagnen und Fieberexzesse, Erschütterungsaffären richteten. Es war eine psychologische Kriegführung gegen den Westen, die nicht immer ausdrücklich antiwestlich auftrat, aber allemal den Mächten östlich der Elbe diente.

Bundesrepublik Deutschland. Keitel stand zu dieser Republik und ihrer Bündnispolitik, stellt dies auch wiederholt grundsätzlich klar. Die Statements waren nötig, weil der eine oder andere mißtrauisch geworden war. Die Parteiinterna konnten für die äußeren Zusammenhänge auch ein bißchen blind machen.

Es gab Versuche, Keitels Rundbriefe umzusteuern, umzufunktionieren, in ihren Absichten zu konterkarieren, Keitels Ruf zu verderben:

Schiedsgericht weist Ausschlussantrag zurück
In meinem Rundbrief vom 7.7.1960 hatte ich angekündigt, "den Fall Schneider... auch auf dem nächsten Bundesparteitag zur Sprache zu bringen" (s.o.S.44). Wohl deshalb kam der hessische Landesvorstand auf die geniale Idee, meine Parteimitgliedschaft zu suspendieren, also zeitweise auszusetzen. Dabei kam ihm zustatten, dass am 15.3.1961 unter Missbrauch meines Namens und meiner Anschrift ein Rundbrief an FDP-Mitglieder versandt worden war, der in Formulierung (z.B. meine jeweilige Schlussformel "mit freundlichen Grüssen an alle liberalen Parteifreunde") und Aufmachung meine Briefe imitierte. Inhaltlich allerdings verfocht der Verfasser Positionen, die den meinen diametral entgegengesetzt waren: Er wandte sich nicht etwa gegen Nazis und Nationalisten, sondern plädierte für Lockerung des Bündnisses mit den USA, für Abrüstung, Entspannung und eine atomwaffenfreie Zone. Es handelte sich also um eine relativ leicht zu entlarvende Fälschung. Ich informierte sogleich alle maßgebenden FDP-Vorstände einschließlich des Bundesberufungsausschusses und stellte Strafantrag bei der Frankfurter Staatsanwaltschaft.** Gleichwohl unterstellte mir der hessische Landesvorstand, dass ich Autor und Versender dieser Fälschung sei und somit gegen den Beschluss des Landesschiedsgerichts vom 19.11.1960 verstoßen habe.
**Leider wurde der Fälscher nicht ermittelt. Mit Schreiben vom 13.6.1961 teilte der Oberstaatsanwalt beim Landgericht Frankfurt a.M. mit, dass "alle nach Lage der Sache gegebenen Möglichkeiten, den Absender des Rundschreibens vom 15.3.1961 zu ermitteln, ausgeschöpft" seien und "das Verfahren daher einzustellen war." (Aktenzeichen 4Js440/61) (149).

Die politische Handschrift ist unverkennbar. Offensichtlich hatte Ulrich Keitel eine Saite angezupft, die einer seit langem spielenden Melodie schnell eingestimmt werden mußte.

Daß die Politik Adenauers und Kohls von der Geschichte bestätigt wurde, läßt ihre Gegner und Feinde bis heute nicht schlafen. Mit der Parteispendenaffäre brachte sich sogar die CDU in den Verdacht, die alte Bündnispolitik abstoßen zu wollen. Das "Mädchen" hat sich jedenfalls verhalten wie eine Geheimwaffe der SPD und ihres geopolitischen Hintergrunds. Ist damit alles gesagt?

Später geht der Liberale Ulrich Keitel selbst zur CDU, warum?

Die Frankfurter Korrespondenzen und Briefe an CDU/CSU-Mitglieder. Mein Parteiwechsel von der FDP zur CDU
Eine gewisse Differenz eines Parteimitgliedes zur Politik und den Zielen seiner Partei ist nicht nur normal, sondern kann auch Impuls und Motiv für mehr oder minder intensive Mitarbeit sein. Wenn aber die Übereinstimmung immer geringer wird und schließlich unter 50 Prozent sinkt, dann stellt sich die Frage des Parteiaustritts oder des Parteiwechsels. Diese Frage kam ab 1966 immer drängender auf mich zu.
Nach gründlichem Überlegen und langem Zögern - der Schritt weist ja manche Analogie zur Ehescheidung auf - erklärte ich im Mai 1967 nach 16jähriger Mitgliedschaft meinen Austritt aus der FDP und trat der CDU bei. Denn zu dem laxen und von mir jahrelang kritisierten Verhalten gegenüber den personellen und sachlichen Restbeständen des Nationalsozialismus kamen in meinen Augen die gefährlichen Illusionen vieler und maßgebender FDP-ler in der Frage der Wiedervereinigung. Beispielsweise gab Rubin diesen Tendenzen in der Zeitschrift liberal (März 1967) kräftigen Auftrieb: "Wer die Wiedervereinigung will,... muss die Existenz des anderen kommunistischen Staates auf deutschem Boden mit allen unvermeidlichen Konsequenzen zur Kenntnis nehmen." Dabei hatten wir das Ulbricht-Regime bereits im Augenblick seines Entstehens zur Kenntnis genommen. Es fragte sich jedoch, ob nicht mit dem "Zurkenntnisnehmen" in Wirklichkeit die Anerkennung der DDR gemeint war. Nach Rubins Voraussicht würde das wiedervereinigte Deutschland zudem ein "neutralisiertes Deutschland" sein. Das allerdings hieße Bruch der Westbindung der Bundesrepublik und Rückkehr zur Schaukelpolitik zwischen West und Ost, was ich bis heute entschieden ablehne. Da die FDP in dieser Wiedervereinigungspolitik eine Alternative zur Europa-Politik erblickte, aktivierte sie ihre Vorbehalte gegenüber der europäischen Einigung. So vereitelte die FDP im Frühjahr 1967 eine gemeinsame Erklärung des Bundestages zum 10. Jahrestag des Abschlusses der Römischen Verträge. Das widersprach meinen proeuropäischen Auffassungen.
Da ich die FDP nicht mit der fortgesetzten Herausgabe einer Liberalen Korrespondenz provozieren wollte, wandelte ich sie zur Frankfurter Korrespondenz. Von ihr gibt es nur zwei Ausgaben. In der ersten, erschienen im Februar 1970, analysiere ich eine Gedenkrede von Georg Ferdinand Duckwitz, 1967 bis 1970 Staatssekretär im Bonner Außenministerium, auf Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau, der 1919 das Amt des Reichsaußenministers bekleidete und ab 1922 Botschafter in Moskau war. Indes gehört diese Ausgabe, da ich mich in ihr nicht gegen alte Nazis wendete, im Gegensatz zu ihrer Nachfolgerin nicht in diese Dokumentation (235f.).

Vgl. kuckuck 42e-h (1983).

Ungleichzeitig

Nachdem ich dies abgeladen, finde ich Nachdenkliches, eigentlich zwischen den Parteien.

Außerdem, nach so langer Zeit: Was auch mich - stets Parteiunabhängigen - damals aufregte, läßt mich heute kalt oder es milde betrachten. "Wir" waren eben nicht bereit, die Realität anzuerkennen, dachten idealistisch: Der Krieg ist vorbei, die Nazis sind in der Versenkung verschwunden, nun können "wir Jungen" alles anders und natürlich besser machen. Darin steckt schon der erste Irrtum. Und der zweite. Und der dritte.

Die zwölf Nazijahre waren nicht einfach verschwunden, ohne tiefe Spuren zu hinterlassen. Vor allem waren es dieselben Menschen, die mit und unter Hitler Politik und Krieg machten, und die nach Hitler die Bundesrepublik und übrigens auch die DDR aufbauten.

Du kannst immer nur auf die Menschen zurückgreifen, die da sind, und andere waren nicht da. Nazigegner waren rar, obwohl jetzt natürlich so gut wie jeder dazu gerechnet werden wollte.

Und dann die wenigen Unverbesserlichen und Unbelehrbaren. Wenn ich mir heute das so überlege, wenn ich gerecht sein will, muß ich zugeben, daß sie eigentlich die Ehrlichen waren. Sie blieben sich treu, verleugneten ihre politische Biografie nicht, während jene als ewige Feinde Hitlers auftraten, die sie nie gewesen waren.

Moralisch haben wir einen eingeschlagenen Meteoriten über den Berg zu wälzen. Darauf kommt man erst Jahrzehnte später. Damals standen die Nazigegner außer Zweifel.

Wer im Kriege an einem anderen Ort war, kennt die personellen Verhältnisse nicht, die er am neuen Ort vorfindet. Das eine sind die Fakten, ist die tägliche Wirklichkeit, ist der Versuch, die Dinge einzuordnen, sie zu begreifen. Daß man zunächst gar nichts verstand, das hat man erst sehr viel später verstanden.

Das andere ist die Erkenntnis nach vielen, vielen Jahren. Du verstehst die Hintergründe, die geschichtlichen Abläufe, findest alles plausibel, entdeckst, daß die Wirklichkeit zu ihrer Zeit - offenbar - nicht erkannt werden konnte und sollte. Die Offenbarung ist, daß sich alles verhüllte.

Wer dennoch sah, wurde vielleicht für verrückt erklärt. So ist nicht einmal sicher, ob die Wahrheit - vor der Zeit - das Wahre auch sei. Ob nicht der Rufer in der Wüste ungehört - ja, eben unerhört! - bleiben muß. Möglich, daß die Ungleichzeitigkeiten Teil des Erkenntnisprozesses sind. Das Ewige und Wahre wird nur "von Zeit zu Zeit" akzeptiert. Verstehe das, wer mag.

Materialien + Kommentare:
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