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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...
2001-10-24
Ein "mutmaßlicher Terrorist" wurde gefaßt.
Ort des Geschehens: Frankfurter Rhein-Main-Flughafen.
Passiert war es bereits am 17. Oktober; aber der Innenminister brauchte für den Besuch beim amerikanischen Justizminister Ashcroft eine frische Erfolgsmeldung.
So kam die Nachricht eine Woche später - zeitgleich mit dem Schily-Besuch - in die Schlagzeilen.
Und keiner lachte.
Die deutschen Medien waren auf einen "mutmaßlichen Gag" hereingefallen.
Man möchte es nicht glauben.
Die Rollen sind ganz gut besetzt. Der Ergriffene paßt ins Mosaik der deutschen Islam-Szene: einer aus der Kaplan-Familie, die in Köln lange Zeit von sich reden machte.
Der Stifter des "Kalifats" - Cemaleddin Kaplan - ist verstorben, sein Sohn Metin sitzt im Gefängnis. Bleibt ein Schwager des Kölner "Emirs und Kalifen": der "kommissarische Kalif" Harun, ein 29-jähriger Student.
Harun hatte - eigens für die verschärften Kontrollen auf den Flughäfen - eine Sturmmaske, einen ABC-Schutzanzug, Tarnkleidung; im Probefläschchen eine quecksilberartige Flüssigkeit, mit der der Zündkreis einer Bombe geschlossen werden kann, Materialien zur Herstellung eines Sprengsatzzünders, Videocassetten und Zeitungsausschnitte über das Kaplan-Verfahren, eine CD-Rom mit dem Ausbildungsprogramm für Gotteskrieger und detaillierten Anweisungen zum Kampf im Heiligen Krieg, "möglicherweise", so Die Welt, "darüber hinaus auch noch ein Decodier-Gerät" in sein Reisegepäck geschnürt.
Ein bei ihm gefundener und in betont lyrischer Diktion geschriebener Abschiedsbrief könnte auf ein geplantes Selbstmordattentat hindeuten, das durch die Festnahme verhindert werden konnte.
Es fehlt nur der weiße Pfeil auf dem Koffer mit dem Hinweis: "Vorsicht! Terrorist! Hier öffnen und suchen! Packzettel anbei."
So was ist wohl nur in Deutschland möglich. Da packt also einer, wenn nicht Schilys Leute selbst es waren, seine Taschen voll mit belastendem Material und macht sich auf den Luftweg nach Teheran.
Spätestens seit dem 11. September muß er damit rechnen, daß seine Sachen gefilzt werden. Harun hat also, wenn nichts anderes dahintersteckt, seine Festnahme organisiert.
Wenn er das Flugzeug in die Luft sprengen wollte, für wen war der Abschiedsbrief bestimmt, den man bei ihm fand? Wozu der ABC-Schutzanzug? Wollte er die Passagiere vergiften? Womit? Warum dann der Sprengsatz?
Oder plante er mehrere Anschläge, als Finale ein Selbstmordattentat gegen den Iran; wollte er den Brief für die Nachwelt bei der Bord-Stewardess hinterlegen?
Oder den Iranern zeigen, wie man eine Bombe bastelt, weil die davon nichts verstehen?
Die Mullahs zu Gotteskriegern ausbilden?
Der Kölner Fuchs möchte sich der Al Qaida Bin Ladens als Märtyrer empfehlen.
Sein Anwalt freilich weist die Vorwürfe zurück. Die brisanten Reise-Utensilien seien seinem Mandanten "untergeschoben worden". Diese Version paßt jedenfalls besser ins Tatsachenumfeld als der Erfolgsbericht.
Die französischen Situationisten - vor dreißig oder vierzig Jahren - waren Schauspieler, politische Operateure, die durch raffinierte Auftritte kollektive Reaktionen hervorriefen und so aufs öffentliche Bewußtsein einwirkten.
Was immer dahinterstecken mag, Harun hat eine neue Situation kreiert: vom Bundesgrenzschutz aufwärts spielen alle mit.
Der Generalbundesanwalt - er unterliegt gemäß §§ 146-149 des Gerichtsverfassungsgesetzes den Weisungen der Bundesministerin der Justiz - hat, sonst kaum zu erschüttern, die Ermittlungen eilig an sich gezogen. Er verdächtigt den Mann aus der Türkei, "als Mitglied einer terroristischen Vereinigung mit fundamentalistisch-islamischem Hintergrund schwere Gewalttaten geplant zu haben".
Der Ermittlungsrichter beim Frankfurter Amtsgericht erließ einen Haftbefehl.
Siehe auch:
Pressetitel: Mutmaßlicher Terrorist in Frankfurt gefasst
Pressetitel: Fahndungspanne soll Nachspiel haben
Pressetitel: Terrorbekämpfung per Anzeige
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