2001-10-10
Nun gibt es einige, die aufatmen, während andere sich ängstigen, weil Osama Bin Laden über den arabischen Fernsehsender Al Jazeera den Beginn des Krieges der Gläubigen gegen die Ungläubigen proklamierte.
Wie der Geist aus der Flasche, war der Ernst aus dem Alltag geflohen und kehrte nun zurück. Denn dieser Geist ist kein fliehender, sondern ein mahnender.
Amerika entspannte sich bereits. Die Medien geboten Einhalt und trugen zur Erleichterung bei. Den Geist zurückrufen oder verscheuchen, man wollte nichts falsch machen und hatte doch keine Wahl.
Die ersten Militärschläge und die Fernseherklärung Bin Ladens haben neue Furcht einkehren lassen, und die Lufträume werden gesichert, als wären sie von jetzt an nicht mehr so sicher.
Politische Taktik fordert ihren Tribut. Die Anti-Terror-Koalition zusammenzuhalten, ist ein Balanceakt, von dessen Erfolg man nicht überzeugt sein muß. Das eine ist die Trapeznummer, das andere, was sie bewirkt. Die Gegenseite wird nicht müde, auch ihre Kunstfiguren vorzuführen. Und Jesus sprach: Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich. Und so laute die neue Bush-Doktrin, wird gesagt.
Das Leben ging weiter. Zur inneren Tragik der Ereignisse, daß das Leben sich normalisierte, trugen auch die wöchentlich gemilderten New Yorker Opferzahlen bei. Das Volk sollte sich beruhigen. Business as usual, hieß die eine Parole.
Inzwischen erreichen uns Schreckensnachrichten über Milzbranderreger in Florida, deren Vorgeschichte und Umstände merkwürdig anmuten. Dazu paßt die allerdings weniger verbreitete Nachricht, daß in Flüchtlingslagern an der afghanisch-pakistanischen Grenze das Ebola-Virus aufgetreten ist. Erste Todesfälle sind zu verzeichnen.
Zur Vervollständigung des Dramas haben Rußland und Amerika sich darauf geeinigt, ein komplexes Arsenal taktischer Atomwaffen gegen Tschetschenien und Afghanistan in Stellung zu bringen. Zentralasien wird in ein nukleares Zentrum verwandelt.
Neue Kernwaffen warten auf ihren Einsatz: high-tech-aggressives Gerät, Spezialmunition mit immens tödlicher Strahlung, Atom-Minen, nukleare Ausrüstung für Kommandounternehmen in unzugänglichem Gebirge.
Wem ist die Anwendung biologischer und chemischer Waffen zuzutrauen, wer fürchtet eine Übervölkerung der Erde? Die Menschenverhütungstheorien liegen als Warnung vor den Grenzen des Wachstums seit Jahrzehnten (und länger) in den Schubladen der freien Welt. Die Ausrottungspraxis ist - euphemistisch umwoben - ein Teil des Lebens und Sterbens in der westlichen Zivilisation.
Wenn nicht das Attentat auf Amerika, so könnte das militärische Konter-Konzert, das offene und zugleich abgedunkelte, zu dem außer Rußland und den USA Tadschikistan, Usbekistan, und andere Nachbarstaaten aufspielen, jene Zäsur sein, von der die Welt spricht.
Andererseits: China schickt zur Unterstützung der Taliban moslemische Truppen. Das Reich der Mitte versteht sich als auch-islamische Macht. In China leben über 30 Millionen Moslems. In Indien sogar rund 100 Millionen.
Das Gesamtszenario ist sehr kompliziert, sehr brisant, und es weist in die Zukunft. Es läßt sich bereits erkennen, daß der Kampf gegen die Taliban ein - willkommener - Anlaß ist.
Afghanistan zählt zu den ertragreichsten Opium-Mohn-Produzenten. Wie ist das möglich: bei knapp 5-prozentiger Agrarnutzung? Dient das Weideland (rund 40 Prozent) als Anbaugebiet? Wovon leben die Herden? Ist das der Grund für die Hungersnot?
Der Rauschgifthandel ist die wichtigste Einnahmequelle Afghanistans, weshalb auch die US-Drogenbehörde DEA - einer von vielen Geheimdiensten - an der militärischen Intervention teilnehmend interessiert ist.
Bezieht die Anti-Terror-Koalition aus diesen Umständen ihre Legitimation? Ist dies die Machtbasis Afghanistans und des von hier ausgehenden Terrors?
Vielleicht müssen wir umdenken und von der Vorstellung einer - allgemeinen - Armut im Lande Abschied nehmen.
Das Drogengeschäft ist in wenigen Händen, und daß die Familie Bin Ladens daran beteiligt ist, sagt uns die gebotene Sachlogik. Der verlorene Sohn Osama ist - demnach - ein Agent des Clan-Geschäfts in abgedeckt zugeteilter Rolle und der Retter tatsächlich ein Ausbeuter des Volkes?
Für die offenen Gesellschaften des Westens geht es also um mehr als um Taliban, Afghanistan und Osama Bin Laden. Der Mann liefert plausible Gründe.
Für den Osten allerdings zählt: Bin Laden steht, auch wenn er als junger Mann ein Snob in der Schickeria des Westens gewesen sein soll, sicher auf dem Boden des Islam.
In seiner TV-Nummer hat er klargestellt, daß das Palästina-Problem ihm ein zentrales Anliegen ist, Israel mithin - gegen den veröffentlichten Willen der USA - zur Anti-Terror-Allianz gehört. Zuletzt bestimmt der Feind, was zählt und was nicht.
Das Flüchtlingsproblem an der pakistanischen Grenze ist das Resultat von Evakuierungsmaßnahmen gegen die Steppennomaden Afghanistans.
Die entvölkerten Gebiete dienen offiziell der Vorbereitung auf den Krieg, inoffiziell als Neuland für den Mohn-Anbau. Verkürzt sei gesagt, daß der Krieg um die Kontrolle des Opium-Geschäfts geführt wird.
Diese Zusammenhänge fehlen auch in den bisher wichtigsten und genauesten Informationen: aus kaukasischen und israelischen Quellen. Die Analysen des Kavkaz-Center erinnern ein wenig an marxistische Schulung. Dennoch bleiben so viele Fragen offen. Was besagt eigentlich Chinas Doppelrolle - als Mitglied der Anti-Terror-Allianz und als militärischer Partner der Taliban?
Das Bombenattentat in Saudi-Arabien und der Abschuß der russischen Linienmaschine auf dem Weg von Tel Aviv nach Novosibirsk - über dem Schwarzen Meer - sind Teile eines Puzzles.
Wenn der langsam aus der Legende steigende Osama Bin Laden jetzt den Ägypter Aiman Al Zavahiri - ebenfalls aus alter, reicher Familie, eine Autorität des Islamischen Djihad - als - nun sichtbar - kompetenten Strategen und das Netzwerk Al Qaida ein militärisches Sprachrohr erhält, nimmt die Sache Gestalt an.
Das große Geld der arabischen Welt läßt darüber die Bereitschaft verlauten, für die Sache des Islam eine bis zwei Millionen Märtyrer sich aufopfern zu lassen: "Wie der Westen aufs Leben, so freuen sie sich auf den Tod."
Die Palastherren beuten aus und lassen sterben - so oder so.
Ich bin das Leben, sagt der Gott vom Sinai. Meint Al Qaida einen anderen? Das verbreitete Bild Osama Bin Ladens erinnert ein wenig an christliche Heiligengestalten. "Denn wer sein Leben erhalten will, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird's erhalten" (Markus 8:35).
Die Nachricht kommt aus arabischen Quellen, was nicht heißt, daß ihr nicht zu trauen sei, sondern daß die westlichen Agenturen unter einem - zunehmenden - politischen Druck stehen, der sie in die freiwillige Selbstbeschränkung treibt.
Der Westen verläßt peu à peu seine traditionellen Domänen: Pressefreiheit, Pflichten und Rechte der Information, politisch-historische Aufklärung, Verfassungsgrundsätze, Bürgerrechte. Zur Selbstverteidigung formiert er sich gegen seine heiligen Prinzipien.
Mit "Qaida" ist ein Fieberbrand entfacht worden, der der offenen Gesellschaft viele Opfer abverlangt. Am Ende wird die Welt anders aussehen, als wir sie bisher gekannt haben.
Der aktuelle Terrorismus betreibt - scheinbar - eine Entstaatlichung der Politik. Die Privatisierung des Krieges wird zum Abfallprodukt der Globalisierung. Die Herrschaft des staatenlosen - hier nun: arabischen - Geldes wechselt nur ein wenig die Regie.
Dagegen - das ist neu - schließen sich die Staaten, Todfeinde untereinander, zusammen. Ihre Souveränität ist in Gefahr. Sie wehren sich, möchte man meinen, gegen ihr historisches Verschwinden.
Organisieren sie - alle gegen den Terrorismus, am Ende jeder gegen jeden - unwissentlich das letzte Gefecht, mit dem historischen Ziel, sich - den Staat als Institution - abzuschaffen, die Globalisierung und damit die Privatisierung von Krieg und Politik endgültig zu konstituieren?
Oder stehen wir am Ende eines globalen Experiments, aus dem die ewige Herrschaft von neuem hervorgehen wird? Erleben wir soeben den Anfang vom Ende der Freiheit?
Die politische Privatisierung ist eine nur scheinbar anarchische Form gemeinschaftlichen Lebens. Mit ihr verbindet sich die Idee der Freiheit. Wenn die Staaten ihre Macht einbüßen, werden die Nomaden zurückkehren. Wenn die Staaten siegen, wird die Seßhaftigkeit siegen.
Die amerikanische Demokratie ist beides zugleich, sie ist Freiheit und Staat, ein Staat, der auf der Idee der Freiheit beruht.
Die Verknüpfung der staatlichen Ordnung mit der Idee der Freiheit machte diese Idee zu einer neuen geschichtlichen Erfahrung.
Wo aber verlaufen die Grenzen zwischen legaler staatlicher Ordnung und organisiertem - politischem oder unpolitischem - Verbrechen?
Was ist illegal, wenn die Grenzen unsichtbar geworden sind, wenn die Landschaften ineinander verfließen? Was ist noch legal? Die Entgrenzung ist kein Zeichen der Befreiung. Die befreiende Überschreitung bedarf der Grenzen.
Siehe auch:
Pressetitel: Bereit zum Bio-Krieg
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