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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

2001-09-27

Avram Kokhaviv

Selbstmordattentäter
und das unendliche Sterben der deutschen Philosophie

Ayatollah Khomeini drückte jedem seiner Kinderkrieger einen Plastikschlüssel fürs Tor zum Paradies in die Hand, und die westliche Welt war empört.

Arabische Piloten steuerten amerikanische Linienmaschinen in die Zwillingstürme vom World Trade Center und erneuerten somit die japanische Kamikaze-Tradition, die der Welt im Zweiten Weltkrieg ein bewunderndes Schaudern abrang.

Der deutsche Philosoph Gadamer hat sich jetzt dahingehend geäußert, daß diese Einstellung zum Tode uns Westlern fremd sei; daß es keine Verbindung zwischen dem Islam und uns gebe.

Die palästinensischen Selbstmordattentäter, die die Straßen Israels in Blutbäder verwandeln, sind uns so fremd, wie es fremder nicht sein kann, denn so etwas tut ein Europäer, ein Weißer, ein Westler, nicht.

Aber man kann es auch anders sehen. Die fliegenden Selbstmord-Attentäter über Manhattan und die moslemischen Kinder haben der westlichen Zivilisation ein Stück von deren innerem Wesen abgeguckt.

Sie haben gelernt, daß man seine Zukunft vernichten muß, wenn man Erfolg haben will. Sie sehen, wie die Europäer mit Vorliebe ihre Kinder umbringen, daß sie deren und damit ihre eigene Zukunft auslöschen, noch ehe sie beginnen kann.

Die westliche Welt tötet ihre Ungeborenen und scheint damit vom Himmel noch belohnt zu werden; denn der Westen ist reich, erfolgreich, glücklich und schön. Wenn Gott die Selbstmörder wider alle Schrift vielleicht doch liebt, warum sollen wir Verlierer es nicht auch mal damit versuchen?

Es wird von den feigen Selbstmordattentätern gesprochen, aber sie sind nicht feige, sie sind mutig, verrückt, wahnsinnig, fanatisch, wohl nicht einmal haßerfüllt, denn sie tun es aus Liebe zu Allah. Sie sind fromm und voller Glauben an das Gottgefallen ihres Tuns.

Die islamischen Märtyrer bringen sich als Opfer dar, und wäre die westliche, einst abendländische Welt von ihrer geistigen Heimat nicht inzwischen völlig isoliert, würde sie das Martyrium dieser Menschen auch verstehen.

Das christliche Europa hat seine Märtyrer als Helden und Heilige verehrt und verewigt. Die christlichen Kreuzzüge symbolisieren und historisieren diese Haltung einer Glaubensgewißheit, die dem heutigen Westen so fremd geworden ist, daß er seine eigenen Wurzeln nicht mehr versteht.

Die abgetriebenen Kinder des Westens wären unter diesem Gesamtaspekt als Opfer an die Zukunft hochzurechnen, was einem rigiden Rückfall in heidnische Zeiten, und das heißt letztlich: in die Dunkelheit des Unwissens gleichkommt, aus der nur noch die Feuerbestattung, die Verbrennung des toten Leibes, retten kann.

Eine islamische Autorität in Palästina schlug dem amerikanischen Präsidenten George W. Bush kürzlich vor, zum Islam überzutreten. Einen gleichen Vorschlag machte einst Ayatollah Khomeini dem sowjetischen Präsidenten.

Bei seiner jüngsten Zusammenkunft mit islamischen Würdenträgern in einer amerikanischen Moschee legte Bush die rechte Hand auf den heiligen Quran.

Den Feldzug gegen den Terror hat er umbenannt. Infinite Justice ist von moslemischer Seite beanstandet worden. Nur Allah könne unendliche Gerechtigkeit üben. Der Respekt Washingtons vor der Autorität Gottes ist manifest.

Enduring Freedom ist der neue Name der Operation, die für mehrere Jahre angesetzt worden ist und voraussichtlich viele Opfer kosten wird. In dieser Ankündigung verbirgt sich gewiß der Gedanke, das Schlimmste abwenden zu können. Ein Neuanfang, dem es an Weisheit nicht mangelt.

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