2001-09-22

Avram Kokhaviv

Ynah

Zeit ist das Initium

Der September ist das Ende und der Anfang. Wie Thebhua. Das Getreide. Die Ernte. Der Ertrag.

Noch zehn Tage, und es wird entschieden.

Hinübergehen, das ist der Abend, Erew. Yrebh.

Der Rabe in der Seele, Vogel des Abends, nicht der Nacht, verwandt den arabischen Stämmen wie auch den Hebräern.

Sie war die Schönste im Land. Das Bild erstrahlte. Im Zauberspiegel, diesem Instrument des Teufels, wie die Zigeuner sagen. Da geschah ein Wunder an ihr.

Eine letzte Ermahnung: Kein Bildnis sollst du dir machen. Du sollst dich nicht spiegeln.

Spiegelkünste machen der Wahrheit die Autorität streitig. Oder stellen sie ins Licht.

Du sollst keine Götter haben neben mir, und doch sind sie in die Tempel und Paläste eingezogen, um unser Leben zu bestimmen.

Sind die Entwürfe für den Jerusalemer Tempel Nachbereitungen des Bilderkults?

Meine Freiheit läßt es zu, und die Entheiligung der Schriften ist ein Akt der Erlösung vom rezitierten Wort.

Bete sie nicht an, und diene ihnen nicht!

Denn ich bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.

Die Ikone ist dem Menschen ein Halt, eine Fixierung. Und ich fühle, wie ich meine Grenzen übertrete.

Ynah war wie ein Experiment. Ihr Inhalt war die Form. Da schlug Gott zu und strafte sie am Marterpfahl.

Sie war eine Verheißung. Der Schmerz in ihr, die Bedrückung, das Elend, die Armut, das Leiden. Ihre Angst. Güte und Sanftmut. Sie konnte noch wählen. In ihr Widerspan, ist die Auflehnung. Es stemmte sich gegen die Rettung.

Wenn sie über ihren Schatten springt, schmeckt sie an der Freiheit, kennt sie das Moment des Füßeentzückens. Ich kann sie nicht fassen; und beweisen, wissen Sie, ich habe noch immer jemanden gefunden, der mir auch das Gegenteil bewies, und es hatte seine Schönheit für sich.

Über die Stufen des Vergessens begegnest du denen auf dem Wege der Erkenntnis. Als es hinab ging, entfiel mir ein Licht.

Du sollst dir kein Bildnis machen, das mag auch heißen, daß du auf deine Freiheiten verzichten sollst.

Die Heldin eines Romans, einer Bilderfolge, stellte die Not in den Schrank, schliff ihre Gefühle hart und spitz. Ynah blieb über den Richterspruch erhaben. Niemand soll über sie richten, niemand sie verurteilen. Denn sie tat nur, was sie tun konnte und tun mußte.

Die Welt spricht von einer Zäsur, von dem Terroranschlag auf das World Trade Center in New York, aufs Pentagon in Washington... Nichts sei mehr so, wie es vorher war.

Die Merkmale der Zäsur sind zahlreich: Amerika ist verwundbar. Die Supermacht ist vorgeführt worden. Die USA gelten als neuer Papiertiger, der nicht weiß, an wem er das Strafgericht vollziehen soll. Er kann alles nur noch falsch machen.

Der Druck, den Amerika ausübt, richtet sich eher gegen Freunde, die zu Disziplin und Solidarität angehalten werden. Noch nie hatte Amerika so viele Freunde. Mancher ist zur Freundschaft gezwungen, um sein Leben zu retten.

Die militärische Operation, die dem Terrorismus über lange Jahre ein Ende bereiten soll, heißt: Infinite Justice. Unendliche Gerechtigkeit.

Ich zähle zu den wenigen, die sie am besten kannten, bin, der ihr keine Chance geben wollte; denn Ynah war eine eitle Egozentrikerin, die sich zuletzt nicht mehr im Spiegel sehen konnte. Die Krankheit war um diesen Preis für eine Weile überlistbar.

Ynah konnte der Stimme ihres Herzens nicht folgen, sie mußte sie übersetzen in ein Zeichensystem, das irgendwo in ihrem Innern, irgendwo in ihrem Leben sein Glossar versteckt hielt.

Ynah war nicht verloren, wenn sie sich nicht verloren gab. Sie war die Schönste und Häßlichste zugleich, als die Zeit entschwand und sich in einem Punkte sammelte. Die Stunde der Wahrheit mobilisierte ihre letzten Kräfte zum Widerstand.

Ja, sie hatte den falschen Idolen vertraut, flüsterte ein, wo sie Gehör fand, richtete Schaden an, wo sie hüten mußte, alles nur, um in Liebe aufgenommen zu werden, doch niemand nahm sie auf. Sie versuchte, zu kaufen, was sich nicht kaufen ließ, Liebe und Vertrauen, Achtung und Respekt. Eine vertane Kindheit stellte sich ihr in die Zukunft. Was versäumt war, entstand noch einmal als Idylle. Du sollst dich im Paradiesgarten nicht widerspiegeln, nicht Jugend noch Schönheit anhimmeln, sollst nicht festhalten, was unterwegs ist.

Der Lehrer vom Sinai nimmt an die Kandare und heißt zugleich: spring über deinen eigenen Schatten! Freiheit ist zu erdienen. Anders: Wenn wir sind, wie Gott uns will, daß er seine Notwendigkeit ablegen kann, so sind wir frei. Gott schuf uns nach seinem Bilde, er ist unser Vorbild. Wenn wir werden wie er, sind wir frei und mächtig wie er. Wir überschreiten die Grenze, sind Hebräer.

Der Gott vom Sinai hat uns Heuschrecken ins Ohr gesetzt und Schwingen ins Gehirn. So können wir hüpfen und fliegen, springen und singen. Das hat er an uns getan.

Das hat uns reich gemacht und in die Gewißheit gehoben, unabhängig zu sein. Vor uns diese Fata Morgana ist das verheißene Meer, der gelobte Ozean, das "Land" Kanaan.

Wenn Gott gerecht ist, war Ynahs Leiden eine Strafe. Ein Martyrium zur Ehre Gottes. Oder der Beweis für seine Ungerechtigkeit. Oder Gott ist nur eine Idee. Es wäre viel. Wenn ich nicht richten darf, darf ich nicht sehen.

Oder die Strafe ist eine Prüfung, ein letzter Versuch, Ynah von sich zurück zu halten. So geschah ein Wunder an ihr.

Sie wollte zum Toten Meer, dem Yam HaMelech, das auch Yam HaMelekh gehört werden kann. Das Meer der Engel und Könige, vielleicht der königlichen Botschaft.

Ynah ist das Baby, das immer dicker wird, ist die alte Frau, die zusehends verfällt.

Das Wunder, worin es bestand. Ynah ließ eine Zauberin kommen, der sie vertraut. Wie König Shaol bleibt auch ihr das letzte Gespräch, die Besprechung des Leids.

Die peruanischen Frauen haben am Altar Lichter angezündet und für Ynah Hilfe erbeten. Der Gedanke lag nah. Debhorah fürchtete, daß Ynah nicht schuldlos sei an dieser Not, und wollte nichts versäumen. Die Hexennägel unterdes wachsen, und der Dummkopf am Geldbaum ängstigt sich vor dem Alleinsein und der Vergreisung. Ynah ist ihm ein Albtraum.

Wenn die Gebete der peruanischen Frauen erhört werden, sollte Ynah den katholischen Glauben annehmen. Doch Ynahs letzte Zuflucht ist nicht der Glaube, sondern die unverstandene Zauberei. Vom wahren Korn der zigeunerischen Künste weiß Ynah nichts.

Du sollst dich zu denen kehren, denen niemand sich zuwenden würde, der seinen Verstand beisammen hat.

Die Zauberin hilft über die nächste Nacht. Auch wenn der Prophet sagt, daß verflucht sei, wer das Schwert aufhalte.

Kein Bote kam, kein Wunder geschah. Es tobte sie zuschanden. Die Lichter brannten aus, die Gebete blieben unerhört. Er gönnte ihr den kurzen Prozeß nicht, mehrte die Marter, und wir sollen an seine Gerechtigkeit glauben.

Seht sie euch an, diese Welt, wohin er sie gebracht hat. Und die Welt war nie anders. Du hattest die Wahl. Infinite Justice nennen die Amerikaner ihre soeben anlaufende Militäroperation gegen den Terrorismus.

Oder wirkte ein Böses in ihr, das den Willen Gottes konterkarierte? Es würde vieles erklären. Infinite Justice?

11. September: Terroristische Kriegshandlung gegen Amerika in New York, Washington und Pittsburgh.

18. und 19. September (1./2. Tishri 5762) Rosh HaShanah.

19. September 2001. Der Nazarener und die peruanische Tochter heiraten in Köln. Ynah liegt im Sterben.

Das Ende des Wortes. Und da steht: Die Korrespondenz mit dem lieben Gott hat ihren Preis. Dämonologie oder das Ende freien Denkens und Schreibens.

Am Vormittag des 21. September 2001 ging es mit Ynah zu Ende. Sie schlief nicht friedlich ein, sie bäumte sich noch einmal auf, sie wollte nicht sterben, und sie konnte es nicht, doch ihre Angelegenheit war bereits vor Gott.

Eine Frage ist geblieben, die unendliche Marter, an die jeder denkt, als Präsident Bush den Namen seines Antiterrorkrieges bekanntgibt. Infinite Justice.

Die historische Stunde hat ihren Namen. Ynahs Martyrium und der Kampf gegen das Böse in der Welt. Der nicht enden wollende Todeskampf, dieses Aufbäumen gegen den Willen Gottes.

Die Zerstörung der Türme als ein Zeichen des Himmels. Der New Yorker Bürgermeister will sie wieder aufbauen. Ignoranz ist bei den Ereignissen, und die unendliche Selbstgerechtigkeit einer Hochzivilisation.

Die peruanische Tochter ist eine Prophetin. Gutz Gauch hat sie entdeckt.

Es bleibt zu sagen: Der Islam ist ohne Israel nicht denkbar. Und Israel hüte sich vor dem Krieg gegen den Islam, denn dieser Krieg ist ungerecht vor Gott.

Der Islam wird als neue Minderheit in skorpionische Nöte geraten. Das ist seine messianische Stunde. Allah stürzt die Türme und stützt die Schwachen und Eingekreisten, die Wenigen, die Verfolgten und Beredeten.

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