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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

2001-08-28

Avram Kokhaviv

Fata Morgana

Schreiben ist, worauf ich aus und was es immer war.

Ich erinnere mich. Nein, ich erinnere mich nicht. Nur, daß ich etwas mitteilen wollte.

Doch, ich erinnere mich an einen Brief. Es war ein guter, ein sehr nachdenklicher Brief, und ich vielleicht sechzehn, höchstens siebzehn Jahre alt. Im zweiten oder dritten Lehrjahr.

Im dritten verdiente ich hundert Mark. Mit fünfzig hatte es angefangen, noch vor der Währungsreform, stieg im zweiten Jahr auf fünfundsiebzig Mark fürn Monat. So waren die Preise. Der Beruf lag mir nicht. Immobilien. Das sagt viel.

Ich brauchte Bewegung, stellte mich an, für mich Reklame zu machen, und schämte mich um die Perlen, die ich verstreute. Wer durfte über mich urteilen, konnte mir das Wasser reichen? Ich mußte frei sein und leistete Verzicht.

Ich kam vom Dorf, vom Geschäft, alles vergangen. Die Vertreibungen, ich sag's nicht gern, demütigend, daran zu denken, obwohl ich es nicht so erlebte.

Es war eine Befreiung, nicht aus Zwängen, sondern aus den täglichen, örtlichen, mitmenschlichen, nachbarlichen Gewohnheiten.

Ich lebte in einer ungewissen Zukunft, wollte mit der Roten Armee nach Moskau oder Leningrad, meine Eltern waren irgendwie verschollen, ausgebombt, tot oder unbekannt verzogen.

Ich kampierte mit den russischen Soldaten in den Wäldern, wo wir Hütten und Baracken zusammennagelten, die Pferde einzäunten, in großen Kesseln kochten und aus Aluminiumschalen aßen. Ich habe noch den Geschmack im hinteren Nasenraum, ja, den Geschmack, nicht den Geruch, sondern den eigentümlichen Geschmack von gekochtem Essen.

Das Blech wurde nicht abgewaschen, oder nur kalt, meist schnell ausgewischt, wenn wir auf den Feldern lagen und die Pferde weiden ließen. Wir buken Eierkuchen in den Blechtellern, eine Schicht Eier, eine Schicht Zucker, dann wieder Eier, Zucker. Die Butter kochte heiß. Wir schnitten Keile wie aus einer Torte.

Auf dem Wege zur abendlichen Tränke drückte mich mein Talerschimmel gegen eine Giebelwand unterhalb des Bahnübergangs.

Vor dem Kretscham stand noch die alte steinerne Wasserrinne. Und ich schreibe es jetzt auf, schreibe auf, was vor 56 Jahren geschah.

Die Zeit spielt keine Rolle mehr. War ich gerade dabei, meine Heimat, meine Jugend, meine Lebensgeschichte im Stich zu lassen? Ich war überwältigt oder unterlaufen, dennoch fiel es mir leicht, Abschied zu nehmen.

Im Westen schrieb ich die Vertreibungsgeschichte, dazu die Flucht aus dem Osten, doch die stand nicht vornan. Das Vorvergangene erschien mir als die natürliche Landschaft des Schreibens. Es war gewesen, ja, gewesen. Es ist soeben passiert und liegt Jahre zurück. Ich sagte mir, es ist geschehen. Also war es geschehen.

Daraus wurde aber nichts. Der Anlaß bewog und bewegte mich nicht mehr. Später pflückte ich die eine oder andere Blüte von den erinnerten Zweigen.

Ich mußte es tun, weil ich glaubte, ach, sicher war: meine Worte sind wert und wichtig.

Vieles in der Welt ist nicht in Ordnung, die Leute wissen es nur nicht, ich muß es ihnen sagen, dann wird alles gut.

Es war ihnen schnuppe.

Wir lebten, dachten und hantierten in verschiedenen Welten.

Es, es will aus mir heraus. Es bin ich. Es gehört zu mir und wandert aus. Ich wollte fort von hier, einfach fort, nur fort. Ich bin das Wort.

Ich bin ein Ersatz. Eine Ersatzhandlung, glaubte ich, sei das Schreiben. Umgekehrt: machte ich mich auf den Weg, tat ich, wofür das Schreiben ein Ersatz sei, kam ich unbefriedigt zurück.

Im geschriebenen Wort ging mir der Weg auf wie eine Knospe. Unterwegs hatte ich nur eingesammelt.

Der Schrei des Sohnes. Sohn des Gerichts. Schra ibn. SRBN. SRB. Schrift. SRPh. Wir sind nahedran. Write. BRT, écrire, écrier. CR. SchaYR ist das Tor, der Eingang, die Gerichtsstätte, das Maß und das Mal.

S(in)RPh heißt: brennen, verbrennen. Schlange, geflügelte, feurige Engelwesen. S(in)eRePhaH ist die Verbrennung, der Brand. Interessant: S(in)aReYPh: Gedanken. Auch: tZaRaPh = schmelzen, läutern, prüfen, bewähren; Metalle bearbeiten. Goldschmied. Das erinnert fast an: ChaReScheTh = Bearbeitung von Eisen, Stein, Holz.

Noch etwas: SchaRaBh: täuschende Wasserspiegelung in der Sonnenglut der Wüste (Fata Morgana). Denken und Schreiben sind ein Geschick. Und was ist das: Kismet + Kairós (= rechtes Maß, richtiges Verhältnis, rechter Ort, richtige Stelle, rechter Zeitpunkt, günstiger Augenblick, günstige Gelegenheit, Zeitumstände, entscheidender (kritischer) Augenblick.

Kismet, Qisma. Das von Allah vorbestimmte Los. Vielleicht (hebr.) QeSchet(et): Festigkeit, Wahrheit. Auch QeSchaTh, QeScheTh = Bogen (zum Schießen); Wehrkraft, Kraft; Regenbogen. QaSchaTh ist der Bogenschütze. Das transzendierende Moment. Allah ist der Bogenschütze. Der Prophet ist der Pfeil, der Gesandte Gottes. Kairós ist das zeitliche Zusammentreffen. Das und der Moment der Zeugung. Der göttliche Augenblick.

Und der heilige Krieg. Was beschäftigt er mich? Der Heilige und der Krieg. Der messianische Krieg, sagte und schrieb ich. Ja, ich bin ein Kind des Krieges. Meine zweite Kindheit verdanke ich dem Krieg. Er ist mein Fleisch und mein Blut.

Tucholsky nannte die drei Stufen des Bewußtseins: reden, schreiben, schweigen. Ich habe geredet, ich habe geschrieben, ich schreibe, aber schweige nicht. Dennoch ist mir, als schriebe ich, um zu schweigen. Als schwiege ich mit meinem Schreiben.

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