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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

2001-08-20

Avram Kokhaviv

Was kennt keine Zeit?

Ein aufgespannter Titel, der hervorkramt, was ewig ist: daß Zeit eine Illusion sei, wie Einstein gesteht, indes, eine Illusion, auf die wir nicht verzichten können. Wir brauchen das Gefühl zwischen gestern und morgen.

Was von Dauer ist, bringt sich in den Verdacht, Zeit nicht zu kennen. Das Leben ist ewig. Der biblische Gott sagt: Ich bin das Leben.

Was lebt, ist verflochten. Pflanzen gehören Gattungen an. Das Tier entspringt einer Art und setzt sie fort. Ein Kind kommt aus der Mutter, kam in sie durch den Vater. Ein einfacher Gattungszusammenhang: die Ur-Ordnung des Lebendigen, das Gott nach seinem Bilde schuf.

Leben besteht von Anfang durch Vorordnung und Nachordnung, tut sich als Über- und Unterordnung kund. Der Mensch ist geworfen, unterworfen, wächst heran, um zeugen, werfen und unterwerfen zu können. Die Hierarchie ist nicht reformierbar, sie ist ewig; sie kann studiert, nicht belehrt und korrigiert werden, sie ist vollkommen von Anfang bis Ende.

Die scheinbar temporäre Ungleichheit ist unabdingbar. Als Kind bist du Sklave und frei. Die Ältern geben dir die Freiheit im Rahmen ihrer Älternschaft. Als Kind kannst du ihr nicht entfliehen, ohne dich in Gefahr zu bringen. Älternschaft ist Schutz und Autorität. Jede Herrschaft beruht auf dieser Ur-Ordnung mit ihrem Ur-Recht. Die Familie, der Stamm, die Stämme sind die Hierarchie, der keiner entrinnt.

In der modernen Gesellschaft ist der Ur-Befund verschleiert, lebt er als psychische Bindung und Hörigkeit fort. Das politisch organisierte "Volk" zehrt davon, daß über die Zeiten alle Menschen miteinander blutsverwandt sind. Die Verhüllung der Verwandtschaftsverhältnisse ist eine Kapitulation vor der großen Zahl, vor der Unübersehbarkeit der als Familie entstandenen heiligen Herrschaft.

Die Verhüllung geht ineins mit der Unwissenheit. Unwissenheit bedingt aber auch, daß die Menschen sich emanzipiert wähnen, daß sie glauben, sich von den Ur-Bindungen gelöst zu haben. In dem Bewußtsein, von allem Alten befreit zu sein, wächst sich eine undurchschaute, unbekannte, eigentlich nur vergessene Verwicklungsstruktur als letztlich unberechenbar aus. Die damit potenzierte Gefahr in der Gesellschaft ähnelt jener des Ur-Zustands beim Versuch, sich aus dem Stamm individuell zu befreien.

Die Aufhebung der Sklaverei, die Befreiung des Menschen aus seinen Bindungen, Verflechtungen, Herrschaftsverhältnissen kann darum nur eine Utopie bleiben, ein Niemals und Nirgendwo.

Utopien sind Wunschvorstellungen, Traumszenarios, Wahnbilder, deren Verwirklichung heute mit technischen Mitteln möglich geworden ist. Die bewegten Bildfolgen in Kino und Fernsehen spiegeln vor, was nicht existiert.

Wenn die Wirklichkeit in Zweifel steht, da die mit ihr verhäkelte Zeitauffassung eine Illusion sei, auf die wir freilich nicht verzichten können, was unterscheidet diese Illusion von jener anderen?

Warum wollen wir auf unsere Illusionen und Träume verzichten, wo wir auf sie nicht verzichten können, weil sie dem Menschen seit seiner Erschaffung eigentümlich sind? Wenn der Mensch im Wesen ein Träumer und Säumer, so ist die Illusion, ist der Traum, ist die Surrealität sein ur-eigentliches Element, zu dem und in das er nur wieder zurückfinden muß.

Wenn die Wirklichkeit an dir vorübergeht, oder du lebst, als ginge dich alles nichts an, die Politik, die wirtschaftlichen Entscheidungen, auf die du keinen Einfluß hast...

Ich gehe durch die Stadt, träume mich von Straße zu Straße, die prächtigen Häuser, die Geschäfte... Alles steht gespreizt, während die Passanten barfuß die Bürgersteige ablaufen. Globalisierung ist ein Wort, das jeder verstehen kann, obwohl es nichts besagt. Daß aber die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden, ist ein Phänomen, das uns seit Jahrzehnten begleitet. Die jungen Menschen, die an der Ecke Zettel verteilen, Eis verkaufen oder eine Obdachlosenzeitung, die niemand lesen will... Ja, früher hätte ich gesagt, erhebt euch, laßt euch diese Erniedrigung nicht bieten. Heute weiß ich, daß es keinen Aufstand geben wird, und wenn, daß er keinen Erfolg haben wird; daß es ihre Natur ist, sich zu unterwerfen. Die Menschen mögen sich in ihr Schicksal fügen. Und wer das begriffen hat, der wird ganz ruhig, weil er weiß, daß seine Gedanken und Gefühle nichts bedeuten, was für diese Welt von Belang sein könnte.

Es ist deine Zeit nicht mehr, vielleicht war es mal anders, vielleicht trügt dich deine Erinnerung. Vielleicht warst du damals unschuldig, gutgläubig. Du ließest dir deinen Glauben nicht nehmen. So wäre alles relativ und der Zeit unterworfen, dies aber ist eine Illusion, nicht wahr?

Unter der Haut ist geblieben, was war und sein wird. Die augenblickliche Welt kommt mir so unwirklich vor, daß meine Illusionen und Träume, meine Gedanken und Empfindungen dagegen real sind, fast greifbar.

... wie man sie sah. Nicht die Dinge hatten sich geändert, sondern wie man sie sah.

Vor dreiunddreißig Jahren kam ich darauf, nannte es negative Utopie und meinte damit eigentlich nichts anderes, als daß es ausgehen werde, wie die Pessimisten es erwarten, oder wie es ewig ist. Daß es nichts Neues unter der Sonne gebe, hatte auch der weise Salomon entdeckt. Das ist aber das Höchste. Diese Übereinstimmung entläßt uns aus dem Tun und Machen. Damit beginnt eine neue Unschuld, eine zweite oder dritte...

Ist es möglich? Ist es uns möglich, einfach auszuscheren, oder müssen wir, gleich wie es abläuft, den Weg zu Ende gehen, notfalls bis zum bitteren Ende, wenn wir Glück haben, zu einem guten? In Intervallen mag ich mich aus den Geschehnissen zurückziehen, physisch und vor allem psychisch. Der psychische Rückzug ist eher dem Wechsel unterworfen als der körperliche, konkrete. Ich kann den Ereignissen ausweichen. Zügle ich meine Neugier, gehe ich meiner eigenen Wege. Als Einzelgänger laufe ich nicht mit, wohin alle laufen. Der einsame Wolf zweigt seinen Weg vom Rudel ab. Er hat gelernt, das Tempo zu bestimmen. Seine Uhr geht anders. Das hat er begriffen. Sie geht anders von dem Moment an, da er es begriffen hat.

Ausscheren heißt nicht aus der Welt gehen, auch nicht, daß du nun alle und jeden vergißt. Du brauchst die Distanz, um jene besser verstehen zu können. Du bist ihnen näher, wenn du Abstand hältst. Der einsame Wolf ist ein Bestandteil des Rudels. Er ist ein Sicherheitsfaktor. Er säumt und sichert, räumlich und zeitlich, das Gelände und was kommen wird, weil er versteht, was war und was ist.

Illusionen und Träume sind Zeichen, sind Botschaften, die wir lesen müssen. Die surrealen Unendlichkeiten und Abgründe betreffen unsere Realität, alles, was wir so nennen und definieren. Das Zeitlose ist eine Warnung. Das Komplexe reißt zurück, was entfliehen möchte. Was sich auflöst, weiß nicht, daß es sich nicht auflösen kann. Alles geht auf sein Ende zu von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Und nun?

Vieles läuft anders als gedacht. Das Vorausdenken bleibt nicht folgenlos. Nicht sofort bestimmbare Elemente wirken sich aus, sind in dem, was kommt und geschieht. Sieh doch mal, dieser Strauch, sagt die Frau, die schönen kleinen weißen Blüten auf den Spitzen.

Sie gehen näher heran, aus den Blüten werden Sterne. Viele, viele, feine, kleine Sterne. Sie sagt wieder, sieh doch mal, und, das sind ja Sterne. Die andere schürzt ihre Bluse und nimmt die Blütensterne behutsam von den Zweigen, sie hebt sie von unten her ab, um sie nicht zu beschädigen. Sternenblüte, cometsprime.

Ich sage, es sei für die Zukunft, ein peruanischer Traum. Sie waren Mutter und Tochter, Großmutter und Mutter, Urgroßmutter und Großmama. Die peruanische Tochter aber ist die Sarah des neuen Israel. Soll's denn so sein.

Die Idee ist zeitlos, obwohl der Gedanke an die Geschichte gebunden ist, an die Ereignisfolgen. Das Wort "Geschichte" ist wie "Historie" nicht der gemeinte Begriff. Beides sagt nur, daß etwas er-zählt, aneinandergereiht worden ist. Ein Wort folgt aufs andere und geht dem nächsten voraus.

Unsere Vorstellung kommt von der Idee nicht weg, obwohl die Erzählung fremde Zeitdimensionen hereinnimmt, wenn sie aus vergangenen Welten berichtet. In der Erzählung geht die Zeit verloren. Ewig wird das Ereignis durchs geschriebene und ungeschriebene Gedächtnis.

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