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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

2001-08-10

Avram Kokhaviv

Was ist neu, was ist anders?

Die Bundesrepublik ist nicht mehr, was sie war, und sie hat sich nicht auf natürliche Weise verändert. Metapolitische Kräfte haben das Land vom Weg des Gesetzes abgebracht. Es fällt mir schwer, von abendländischer Tradition zu sprechen, aber von ihr ist Deutschland systematisch abgeschnitten worden. Infolge dieser Entwicklung ist die Bundesrepublik kein verläßlicher Rechtsstaat mehr. Grundrechte und Freiheiten sind unter allerlei Vorwänden eingeschränkt worden. Demokratie im westlichen Sinne gehört der Vergangenheit an. Ohne die religiösen, philosophischen Fundamente des Denkens und Urteilens steht alles in Frage.

Die Kriegssituation im Nahen Osten ist fatal, weil die Front gegen den Islam auch den Antagonismus gegen den Gesetzesgedanken verschärft. Wenn es denn so sein soll, werden wir das Ergebnis oder die Ergebnisse zur Kenntnis nehmen müssen. Mit einer politischen Spaltung der islamischen Welt ist zu rechnen.

Der Druck auf Deutschland scheint wieder zuzunehmen. Die Nachricht, daß Israel in den Besitz wichtiger Stasi-Akten gelangt sei, ist auch eine Warnung. Die Wirkung zeigt sich bereits, will mir scheinen, wenn deutsche Politiker ihr Herz für Israel wiederentdecken.

Druck kommt auch aus Washington. Deutschland wird aufs alte Bündnisgleis rangiert. Das könnte von Dauer sein, wenn die politischen Verhältnisse im Innern sich rationalisieren und stabilisieren ließen. Eine Absicherung der Demokratie wäre vermutlich mit einer Rekatholisierung verbunden. Ohne die christlichen Grundlagen hat die Demokratie in Europa keine Zukunft. Vom Protestantismus ist wenig zu erwarten; seine inneren Widersprüche haben ihn neutralisiert.

Daraus folgt unter anderem, daß der Katholizismus nicht bekämpft, sondern behütet werden muß. Sein tieferes Verständnis wird ihn nicht zerstören, sondern festigen und erhalten. Wir brauchen die Kirche zur Restaurierung des Gesetzes. Der Vatican ist heute, fast absurderweise, ein Konstituens der Demokratie und des Rechts, schließlich der sozialen Gerechtigkeit.

Gerechtigkeit ist Gerechtigkeit - nämlich das Recht - auch für die Todfeinde, ist das Recht und die Notwendigkeit des Antagonismus. Das Recht der Feindschaft ist ihre historische Wahrheit: das Höchste auf Erden. Daß Araber und Hebräer namentlich identisch sind, ist eine Bestätigung Heraklits und der dialektischen Einsicht. Keiner soll nachgeben. Jeder hat um sein Recht zu kämpfen. Gott ist dabei und über allem. Ismaels Sünde wider Israel wird insgeheim verrechnet mit der Sünde Abrahams an Ismael.

Israel hat keine Freunde. Doch seine Feinde mögen bedenken, daß Israel die Quelle ihres Webens und Strebens ist. Allein von Israel leiten sie letztlich ihre Legitimation ab. Eine andere haben sie nicht.

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