2000-09-00

Hermann Schaber

Sich die biblischen Ordnungsvorstellungen zu eigen machen

Eine Antwort auf Horst Mahlers Offenen Brief an Daniel Goldhagen, Deutschland, Hefte 3-8/2000

Der jüdisch-amerikanische Historiker Goldhagen dürfte - wie wohl die meisten religiös orientierten Juden - eher mit den Schriften des Talmud als mit denen der Bibel vertraut sein. Die an ihn mit erkennbar flüchtiger Bibelkenntnis gerichteten Fragen des offenbar nicht-jüdischen Rechtsanwalts Mahler könnte er damit - selbst wenn er es wollte - gar nicht beantworten.

Da Horst Mahler überdies seine Fragen so stellt, dass sie nur bestimmte einseitige Antworten in dem von ihm gewünschten Sinne nahe legen, die dem Anliegen der Bibel insgesamt nicht gerecht werden können, sei hier versucht, anhand von Aussagen der Bibel selbst einige Missverständnisse zu klären.

So fragt Mahler: "Wie kann ein Gott irgendwelchen Landräubern, die sich ihm als Völkermörder andienen, massenhaft Menschen zur Schlachtung hingeben? Ist nur der Mensch, der zu Jahwe betet - und sind die anderen nur Schlachtvieh, die um ihres anderen Glaubens willen einen grausamen Tod sterben müssen?"

Zu der von ihm zitierten Bibelstelle - 4.Mose 21,2,3 -, die ihn zu dieser polemischen Fragestellung veranlasst, bemerkt Mahler: "Israel hätte - als es ein landloses Volk gewesen sei - mit Jahwe einen Handel abgeschlossen. Es soll Gott versprochen haben, alle Einwohner von Palästina umzubringen, wenn Gott ihnen als Gegenleistung dieses Land verschaffe." Er zitiert die Verse 2 und 3: "Da gelobte Israel dem HERRN ein Gelübde und sprach: Wenn du dies Volk in meine Hand gibst, so will ich an ihren Städten den Bann vollstrecken. Und der HERR hörte auf die Stimme Israels und gab die Kanaaniter in ihre Hand und sie vollstreckten den Bann an ihnen und ihren Städten."

Hätte Mahler diese beiden Verse nicht aus dem Zusammenhang gerissen, sondern den dazugehörigen ersten und vierten Vers ebenfalls zitiert, dann wäre deutlich geworden, dass diese mit dem Bann bestraften Kanaaniter in den Kampf gegen Israel gezogen waren, und dass Israel deren Land nicht wollte, sondern anschliessend weiter zog, um auf seiner Wanderung "das Land der Edomiter zu umgehen"!

Auch die von Mahler in diesem Zusammenhang zitierten Verse 2-3 aus Jesaja 34: "Denn der HERR ist zornig über alle Heiden und ergrimmt über alle ihre Scharen. Er wird an ihnen den Bann vollstrecken und sie zur Schlachtung dahingeben. Und ihre Erschlagenen werden hingeworfen werden, dass der Gestank von ihren Leichnamen aufsteigen wird und die Berge von ihrem Blut fliessen", haben mit "Landraub" bzw. einem entsprechenden Handel Israels mit Jahwe ebenfalls nichts zu tun.

Im Zusammenhang gelesen, kündet Jesaja hier das Strafgericht Gottes für die Gott und seine Gebote missachtende Menschheit an.

Ebenso verkündet dieser Prophet die Vernichtung des gottlosen Teils der Israeliten!

Der wahre und eigentliche Sinn dieser biblischen Darstellungen erschließt sich im jeweiligen Zusammenhang - vorausgesetzt, man legt es nicht von vornherein darauf an, einige der zweifellos drastischen Aussagen zur Hetze gegen die biblischen Lehren zu missbrauchen.

Feinde werden bekämpft mit dem Ziel, sie möglichst zu vernichten, damit sie nicht umgekehrt einen selbst vernichten können. Nach dieser Regel, die so alt ist wie die Menschheit, richtet sich jeder - auch wer von der Bibel nichts weiss oder nichts von ihr wissen will, sofern er im Vollbesitz der dafür nötigen Kräfte und Möglichkeiten ist.

Nichts anderes hat auch die von Mahler ausführlich zitierte Bibelstelle von 1.Samuel 15 zum Inhalt. Es ist auch kein Anlass zur Aufregung, dass nach biblischer Lehre Gott (Jahwe) von denen, die treu zu ihm und seinen Geboten stehen, unter gewissen Umständen die aktive Beteiligung an der Beseitigung von Feinden Gottes und seiner Gebote verlangt.

Horst Mahler täuscht sich übrigens gründlich mit der Auffassung, das Neue Testament der Christen hätte einen ausschliesslich "lieben Gott" zum Inhalt, für den alle Menschen unterschiedslos "geliebte Geschöpfe" seien.

Zwar fügt Jesus der Forderung des Alten Testaments: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" (3.Mose 19,18) das sehr viel weiter gehende Gebot: "Liebt eure Feinde" hinzu, aber diese Feindesliebe ist anders zu verstehen als Nächstenliebe. Es handelt sich hier um das Bemühen, einen Feind vor dem für ihn in Aussicht stehenden Strafgericht vielleicht noch zu Einsicht und Umkehr zu bewegen.

Nutzt er die ihm gebotene Chance zur Umkehr nicht, so gilt für ihn die Ankündigung Jesu: "Dann wird er (Gott) sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer!" "Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben" (Matthäus 25,41,46).

Und in der christlichen Offenbarung (Kapitel 18) heisst es mit Bezug auf die gottlose Weltzivilisation: "... von dem Zorneswein ihrer Hurerei haben alle Völker getrunken, und die Herrscher auf Erden haben mit ihr Hurerei getrieben, und die Händler auf Erden sind reich geworden von ihrer grossen Üppigkeit... ihre Sünden reichen bis an den Himmel, und Gott denkt an ihren Frevel... Darum werden ihre Plagen an einem Tag kommen, Tod, Leid und Hunger, und mit Feuer wird sie verbrannt werden, denn stark ist Gott der Herr, der sie richtet".

Jesus lehrte den gleichen Gott und - von wenigen Modifikationen abgesehen - die gleichen Gebote, und auch das gleiche "grausame" Strafgericht über die Gottlosen, wie die Propheten des Alten Testaments!

Abwegig ist auch, was Mahler aus dem Johannes-Evangelium herausliest, Jesus habe hier "die Juden" verdammt und gesagt, der Gott "der Juden" sei der Teufel.

Liest man die betreffende Stelle (Johannes, Kapitel 8) im Zusammenhang, so wird deutlich, dass Jesus nicht "die Juden" verdammt - viele seiner jüdischen Zuhörer stimmen ihm ja zu -, vielmehr wehrt sich Jesus gegen Fangfragen der gesellschaftlich einflussreichen Pharisäer und Schriftgelehrten, die ihn der Gotteslästerung überführen wollen. Sie trachten Jesus nach dem Leben. Darum ruft er ihnen zu: "Ihr habt den Teufel zum Vater!" bzw.: Ihr seid des Teufels!

Nach biblischem Verständnis ist der Teufel (Satan) ein von Gott zeitweilig zugelassener gefallener Engel, der, die Macht des Bösen repräsentierend, die Menschen für das Endgericht zu prüfen hat (vgl. Hiob, Kapitel 1 und 2; Sacharja 3).

Aus der Bibel geht allerdings hervor, dass es unter Juden sehr wohl Kreise gibt, die zielstrebig und bewusst Böses tun nach dem Motto: "Lasst uns Böses tun, damit Gutes daraus komme" (Römerbrief 3,8). Dies sind einflussreiche Leute, die gegenüber Gott bewusst die Rolle des Teufels einnehmen, und von denen Paulus mit Bezug auf Jesaja 52,5 schreibt: ... "euretwegen wird Gottes Name gelästert unter den Heiden" (Römer 2,24).

Der Prophet Jesaja spricht diese Leute so an: "So höret nun des HERRN Wort, ihr Spötter, die ihr herrschet über das Volk, das in Jerusalem ist. Ihr sprecht: Wir haben mit dem Tod einen Bund geschlossen und mit dem Totenreich einen Vertrag gemacht. Wenn die brausende Flut daherfährt, wird sie uns nicht treffen; denn wir haben Lüge zu unserer Zuflucht und Trug zu unserem Schutz gemacht. Darum spricht Gott der HERR: Siehe, ich lege in Zion einen Grundstein, einen bewährten Stein, einen kostbaren Eckstein, der fest gegründet ist... Und ich will das Recht zur Richtschnur und die Gerechtigkeit zur Waage machen. So wird Hagel die falsche Zuflucht zerschlagen, und Wasser sollen den Schutz wegschwemmen, dass hinfalle euer Bund mit dem Tode und euer Vertrag mit dem Totenreich nicht bestehen bleibe. Wenn die Flut daherfährt, wird sie euch zermalmen..." (Jesaja 28,15-18).

So hat Mahler teilweise leider recht. Auch "die furchtbare Geldmacht der Juden" (Th. Herzl) ist eine Realität. Aber das eigentlich Furchtbare an dieser Geldmacht ist die Art und Weise, wie sich ihr vor allem nichtjüdische Deutsche unterwerfen und ihr jedes Opfer bringen! Wer die Warnungen der gesamten Bibel Alten und Neuen Testaments missachtet und das Geld zu seinem Götzen macht, darf sich über die bösen Folgen nicht wundern.

Fände jetzt Horst Mahler mit seiner konfusen Kampfansage nicht allein an "die Juden", sondern auch an ganz Israel und - was das Schlimmste ist - an den Gott der Bibel und seine Gebote, wiederum eine nennenswerte Gefolgschaft in Deutschland, und gelänge es ihm, in dieser Richtung den - wie er es nennt - "furor teutonicus" zu wecken, dann hätte dies ein schnelles endgültiges Ende Deutschlands und der Deutschen zur Folge!

Zum Vergleich und zur Erinnerung sei zitiert, wie Hitler in seinem Buch Mein Kampf (am Ende des 13. Kapitels) seine Absicht begründet hat, "den Juden" dem "allgemeinen Zorne" zu "weihen":

Juden sind die Regenten der Börsenkräfte der amerikanischen Union. Jedes Jahr lässt sie mehr zum Kontrollherrn der Arbeitskraft eines Einhundertzwanzig-Millionen-Volkes aufsteigen... In gerissener Geschicklichkeit kneten sie die öffentliche Meinung und formen aus ihr das Instrument eines Kampfes für die eigene Zukunft. Schon glauben die grössten Köpfe der Judenheit die Erfüllung ihres testamentarischen Wahlspruches des grossen Völkerfrasses herannahen zu sehen... So ist der Jude heute in England unbotmässig geworden. Der Kampf gegen die jüdische Weltgefahr wird damit auch dort beginnen. Und wieder hat gerade die nationalsozialistische Bewegung ihre gewaltigste Aufgabe zu erfüllen: Sie muss dem Volk die Augen öffnen über die fremden Nationen und muss den wahren Feind unserer heutigen Welt in Erinnerung bringen. An Stelle des Hasses gegen Arier, von denen uns fast alles trennen kann, mit denen uns jedoch gemeinsames Blut oder die grosse Linie einer zusammengehörigen Kultur verbindet, muss sie den bösen Feind der Menschheit, als den wirklichen Urheber allen Leides dem allgemeinen Zorne weihen. Sorgen aber muss sie dafür, dass wenigstens in unserem Lande der tödlichste Gegner erkannt und der Kampf gegen ihn als leuchtendes Zeichen einer lichteren Zeit auch den anderen Völkern den Weg weisen möge zum Heil einer ringenden arischen Menschheit. Im übrigen mag dann die Vernunft unsere Leiterin sein, der Wille unsere Kraft. Die heilige Pflicht, so zu handeln, gebe uns Beharrlichkeit, und höchster Schirmherr bleibe unser Glaube."

Der Katholik Hitler, der zumindest väterlicherseits teilweise israelitischer Abkunft war, hat sich öffentlich zu biblischen Inhalten nicht geäussert. Aber er bekannte sich zum "Herr Gott", "dem Allmächtigen", durch dessen "Vorsehung" er sich "gesandt" sah. Seine Denk- und Handlungsweise trug deutliche Züge der biblischen Gedankenwelt. Wer die Bibel ernst nimmt, zweifelt nicht daran, dass auch Hitler eine apokalyptische Figur im Plan Gottes war. Ob möglicherweise sogar bewusst angestrebt oder nicht: die bedeutsamste Folge seines politischen Wirkens war und ist die Neugründung eines israelischen Staates. Viele deutsche Juden und Nichtjuden spielten dabei eine Opferrolle - zwangsläufig und notgedrungen.

Statt erneut, diesmal mit Mahler, gegen "die Juden" Zorn zu schüren, die bei allen ihnen auch anhaftenden Ungerechtigkeiten stets unter der besonderen Aufsicht des biblischen Gottes stehen, käme es jetzt darauf an, dass vor allem auch in Deutschland der Gott der Bibel, auf den Jesus von Nazareth als den einen und einzigen Retter hingewiesen hat, sehr ernst genommen und die von ihm verlangte Lebensordnung verwirklicht wird - nicht nur in der persönlichen Lebensführung, sondern auch im praktischen Zusammenleben mit allen Gleichgesinnten!

Und mit Blick auf Israel könnte so das Wort des Propheten Sacharja Wirklichkeit werden: "Und es soll geschehen: Wie ihr vom Hause Juda und vom Hause Israel ein Fluch gewesen seid unter den Heiden, so will ich euch erlösen, dass ihr ein Segen sein sollt. Fürchtet euch nur nicht und stärket eure Hände!" (8,13).

Siehe auch:
Horst Lummert: Kritische Gedanken an Horst Mahler

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